LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung plant eine Reform der Regeln zur Arbeitsunfähigkeit mit einer ärztlichen Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag. Gleichzeitig soll die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführte telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Bisher gilt die AU spätestens nach drei Kalendertagen, sofern der Vertrag keine strengeren Vorgaben macht. Medizinische Fachverbände warnen vor zusätzlichem Aufwand für Arztpraxen und längeren Wartezeiten.

Die geplante Verschärfung der Krankschreibungsregeln greift einen Teil des deutschen Arbeitsunfähigkeitsprozesses an, der im Alltag für Arbeitgeber, Beschäftigte und Arztpraxen gleichermaßen spürbar ist: den Zeitpunkt, an dem eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegen muss. Laut den Ende Juli 2026 bekannt gewordenen Plänen sollen Beschäftigte künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag eine AU vorlegen. Damit würde aus einer bestehenden „spätestens nach drei Kalendertagen“-Logik ein durchgängiger Standard, sofern nicht ohnehin im Arbeitsvertrag weitergehende Pflichten geregelt sind.
Technisch betrachtet geht es weniger um eine medizinische Neubewertung der Krankheit selbst, sondern um die formale Nachweiskette. Grundlage bleibt das Entgeltfortzahlungsgesetz (EFZG): Arbeitgeber dürfen nach § 5 EFZG eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag verlangen, wenn dies einzelvertraglich oder über Betriebsvereinbarungen festgelegt ist. Die Reform würde dieses Recht damit von einer möglichen Ausnahmeregel in eine allgemeine Pflicht umformen. Für Unternehmen heißt das vor allem: Verträge, Personalprozesse und das HR-Schriftgut müssen so angepasst werden, dass die neue Standardpflicht rechtssicher greift und keine überzogenen Formulierungen entstehen, die später angreifbar wären.
Im zweiten Schritt steht der Nachweisweg selbst im Fokus. Die telefonische Krankschreibung, die während der Corona-Pandemie eingeführt wurde, soll den Angaben zufolge vor dem Aus stehen. Das Bundesministerium für Gesundheit betonte dabei am 29. Juli 2026 den Status, dass eine rückwirkende Ausstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen grundsätzlich nicht zulässig sei. Gerade dieser Punkt ist für Praxisabläufe wichtig: Wenn eine Bescheinigung strikt zeitbezogen ausgestellt werden soll, steigt der Druck auf zeitnahe Terminvergabe und auf die Frage, wie viele Patientinnen und Patienten überhaupt sofort medizinisch vorstellig werden müssen.
Genau hier setzt die Kritik aus der medizinischen Praxis an. Der Hausärzteverband warnte, dass eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Tag das Gesundheitssystem massiv belasten würde. Nach Berechnungen des Verbandes müssten mit rund 36 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr gerechnet werden; die Folge wären aus Sicht der Mediziner deutlich längere Wartezeiten für alle Patientengruppen. Gleichzeitig argumentieren sie auch prozessual: Die telefonische AU habe Praxen entlastet und das Risiko von Ansteckungen in Wartezimmern reduziert – also nicht nur organisatorische, sondern auch infektionsepidemiologische Vorteile gehabt.
Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz sieht den geplanten Schritt kritisch und hält ihn aus fachlicher Perspektive für falsch. Ihrer Darstellung nach habe sich das Instrument bewährt, um bürokratische Abläufe zu verschlanken und die Patientenversorgung effizienter zu gestalten. Parallel dazu signalisieren jedoch auch Sozialpartner Skepsis gegenüber der Regierungsargumentation: Der Deutsche Gewerkschaftsbund erklärte, die telefonische Krankschreibung habe nach vorliegenden Erkenntnissen keinen signifikanten Einfluss auf die Höhe des Krankenstandes. Arbeitgebervertreter wiederum wollen den missbräuchlichen Anteil beim Krankfeiern offenbar nicht als systematisch groß verstanden wissen, was die Notwendigkeit der harten Abschaffung zusätzlich infrage stellt.
Als Gegenmodell bringt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) alternative Ansätze ins Spiel, ohne die Grundlogik „frühere Mitteilung“ vollständig aufzugeben. Genannt wird unter anderem die Einführung von Karenztagen oder eine allgemeine AU-Pflicht erst ab dem vierten Arbeitstag. Solche Zwischenstufen würden die erwartete Last auf Arztpraxen reduzieren, während Beschäftigte weiterhin in einem klaren Zeitfenster einen medizinischen Nachweis erbringen müssten. Genau diese Balance dürfte auch politisch zentral sein, denn je stärker man den Nachweis zeitlich vorzieht, desto stärker wirken sich die Regeln auf Terminvolumen, Personaleinsatz in Praxen und letztlich auf die Versorgungsrealität außerhalb des Arbeitsunfähigkeitskontexts aus.
Der rechtliche Rahmen ist zudem mit einem klaren Zeitkorridor verbunden: Erste konkrete Vorschläge seien bereits Anfang Juli 2026 im Koalitionsausschuss diskutiert worden, und das Gesetzgebungsverfahren solle nach aktuellen Planungen bis Ende des Jahres 2026 abgeschlossen sein. Wenn die neuen Regelungen entsprechend greifen, könnten sie bereits zum Jahreswechsel in Kraft treten. Für Unternehmen bedeutet das, jetzt schon die betroffenen Abläufe zu testen: Wie wird der Eingang der AU dokumentiert, wie wird mit Grenzfällen umgegangen (etwa wenn Termine ausfallen), und wie wird kommuniziert, welche Nachweise wann erwartet werden? Für Beschäftigte und Arztpraxen wird der Effekt unmittelbar messbar, sobald die telefonische AU nicht mehr als Option verfügbar ist und der Nachweisfluss stärker über persönliche Konsultationen laufen muss.
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