LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher beschreiben drei Methoden, mit denen Angreifer Passkey-Daten aus dem Google-Chrome-Umfeld auf Windows-Systemen extrahieren könnten. Die Ansätze sollen ohne Nutzerinteraktion wie Passworteingabe oder biometrische Bestätigung auskommen. Besonders kritisch ist eine Technik, die laut Report einen 32-Byte-Schlüssel als „Masterkey“ aus dem Speicher oder Chrome-Protokolldateien gewinnen kann. Für die Schwachstellen gibt es bislang keine CVE-Kennung, aktiver Missbrauch wird allerdings nicht belegt.

Mit dem Wechsel von Passwörtern zu Passkeys geht eine klare Erwartung einher: weniger Phishing-Angriffsfläche, bessere Nutzererfahrung und eine stärkere kryptografische Bindung an Geräte und Konten. Genau diese Annahme steht nun unter Druck, weil Sicherheitsforscher drei neuartige Angriffswege beschrieben haben, die Passkey-Daten aus dem Google-Chrome-Umfeld unter Windows auslesen können. Betroffen sein sollen dabei vor allem Geräte, auf denen Passkeys bereits synchronisiert sind, sodass der Browser die relevanten Informationen im Hintergrund verfügbar hält.
Die in dem Report genannten Techniken tragen die Namen „Pass-ta-key“, „Silver Pass-ta-key“ und „Golden Pass-ta-key“. Der Kernpunkt: Die Methoden zielen auf die Passkey-Verwaltung in Chrome und kommen ohne die sonst typischen Nutzerinteraktionen aus, die Angriffe häufig verlangsamen oder zumindest sichtbar machen. Während „Pass-ta-key“ die Extraktion von Passkey-Daten aus kompromittierten Windows-Systemen ermöglicht, nimmt „Silver Pass-ta-key“ zusätzlich eine Schlüsselrolle in der Authentifizierungskette ein, indem es während eines erneuten Anmeldevorgangs einen Angreifer-Schlüssel registrieren soll und so die Mehrfaktor-Logik faktisch unterläuft.
Am brisantesten wirkt laut Beschreibung „Golden Pass-ta-key“: Diese Variante soll Angreifern erlauben, einen 32-Byte-Sicherheitsschlüssel aus dem Arbeitsspeicher oder aus Protokolldateien von Chrome zu extrahieren. In der Argumentation der Forscher wird dieser Schlüssel als Masterkey dargestellt, mit dem sich im Extremfall mehrere synchronisierte Passkeys eines Kontos entschlüsseln ließen. Technisch ist das eine andere Eskalationsstufe als „nur“ das Auslesen einzelner Datensätze: Wer den Schlüssel für die Entschlüsselungslogik in den Händen hat, kann Datenzugriffe oft schneller skalieren, sobald ein Angreifer auf einem System Code ausführen kann.
Für die Öffentlichkeit bleibt gleichzeitig ein wichtiger Unsicherheitsfaktor: Die Schwachstellen sind nach Angaben der Forscher bislang ohne zugewiesene CVE-Kennung. Das ist nicht nur für das Patch-Management relevant, sondern auch für die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen Risikoeinschätzungen und Workarounds ausrollen können. Positiv ist in dem Zusammenhang die weitere Einordnung, dass es keine Hinweise auf einen aktiven Missbrauch in der Praxis gebe; dennoch zeigt der Fall, wie eng Passkey-Nutzung mit der Browser- und Speichermanagement-Implementierung verzahnt ist, auch wenn das Nutzerziel „Passwort-frei“ lautet.
Der Bericht kommt zudem in eine Phase, in der Passkeys zunehmend in produktive Prozesse wandern. Beispielsweise macht eine Krypto-Plattform Passkeys für Logins zur Pflicht, nachdem es zuvor zu einer Sicherheitspanne mit Datenleck gekommen war. Gleichzeitig arbeitet auch Google daran, seine Identitätsprüfung für große Nutzergruppen zu beschleunigen: Für Workspace-Nutzer nennt der Text Verbesserungen bei der Geräteverifizierung, die auf FIDO2/WebAuthn-Standards aufsetzen und die Verifizierungszeit über ein Edge-basiertes Risiko-Scoring von zwölf auf rund 7,2 Sekunden senken sollen. Solche Optimierungen sind technisch sinnvoll, erhöhen aber indirekt die Bedeutung, wie sicher Metadaten, Schlüsselmaterial und Sitzungszustände im Browser verarbeitet und gespeichert werden.
Neben den Passkey-Extraktionswegen verweisen die Forscher im gleichen Kontext auf zusätzliche Angriffspunkte im Umfeld biometrischer Authentifizierung und Sitzungsmanagement. Das Red Team von Reality Defender soll gezeigt haben, dass synthetische Gesichter, erzeugt mit kommerzieller Gesichtstausch-Software, in einer Selfie-basierten Biometrie-Schutzfunktion „eingeschleust“ werden können; laut Bericht führte das allerdings nicht zu Kontodiebstahl. Parallel testet Google seit April 2026 „Device Bound Session Credentials“ (DBSC) als Schutz gegen das Abgreifen von Sitzungscookies in einer offenen Beta für Chrome unter Windows. Gerade hier wird deutlich, dass sich Schutzmaßnahmen oft auf unterschiedliche Ebenen verteilen müssen: Identitätsprüfung, Session-Härtung und die sichere Aufbewahrung von kryptografischem Material können einander ergänzen, aber auch neue Angriffsflächen eröffnen.
Für Unternehmen ergibt sich daraus vor allem eine praktische Konsequenz: Passkeys sind kein „Patch-Ersatz“, sondern erhöhen die Anforderungen an Endpoint-Sicherheit, Browser-Härtung und Monitoring. Wenn Browser-Erweiterungen und Infostealer ohnehin Ziel von Malware sind, wird jede Lücke in der lokalen Verarbeitung zu einem möglichen Schlüsselproblem. Die im Text genannten Bedrohungen durch verschiedene Browser-bezogene Schadprogramme sowie Hinweise auf Phishing- und Infostealer-Szenarien (Branchendaten zufolge sollen diese für einen großen Teil der Sicherheitsverletzungen verantwortlich sein) ordnen die Passkey-Diskussion in einen breiteren Trend ein: Angreifer verlagern den Fokus auf den Client, während die Authentifizierung selbst vermeintlich robuster wird.
Unabhängig von der Frage, ob es sich im Einzelfall um eine künftig schnell geschlossene Lücke oder um ein länger bestehendes Muster handelt, sollten IT-Teams den Report als Signal für die lokale Angriffsfläche von Identity-Daten lesen. Dazu gehört, dass derartige Erkenntnisse in Risikoanalysen einfließen, Lücken schnell priorisiert werden und Passkey-Verwendung mit weiteren Schutzschichten wie Least-Privilege, restriktiven Browser-Policies und einem sauberen Umgang mit kompromittierbaren Endgeräten kombiniert wird. So kann der Nutzen von Passkeys erhalten bleiben, ohne die Sicherheitsarchitektur auf den „letzten Klick“ zu reduzieren.
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