LONDON (IT BOLTWISE) – Open VSX hat 77 bösartige „Evil Twin“-Extensions vom Marketplace entfernt, die sich als legitime Entwickler-Tools ausgaben. Laut Manifold Security wurden die Pakete zwischen dem 26. Juli und dem 1. August 2026 hochgeladen und waren bis zum 3. August 2026 bereits wieder entfernt. Die Schadsoftware überträgt dabei unter anderem Hostnamen, Editor- und Workspace-Details sowie CI-Umgebungsmarker. In vielen Fällen startet die Exfiltration als angebliche „anonymous usage metrics“ per Editor-Statusanzeige und zusätzlich verzögert über längere Zeiträume.

Open VSX löscht 77 „Evil Twin“-Extensions nach Datenabfluss
Open VSX löscht 77 „Evil Twin“-Extensions nach Datenabfluss (Foto: IT BOLTWISE)
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Der wichtigste Effekt dieser Meldung ist nicht, dass „noch eine Extension“ gefunden wurde, sondern dass sich Angreifer offenbar gezielt in die tägliche Toolchain von Entwicklern einklinken: Open VSX hat 77 sogenannte „Evil Twin“-Extensions entfernt, die legitime Entwickler-Software nachahmten und dabei Informationen zu Systemen und Entwicklungsumgebungen abgriffen. Die Uploads erfolgten laut Manifold Security zwischen dem 26. Juli und dem 1. August 2026, die Bereinigung folgte dann bis zum 3. August 2026. Für Teams mit automatisierten IDE-Setups bedeutet das: Der erste Impuls „Wir haben doch keine exotischen Extensions installiert“ reicht als Sicherheitsargument nicht mehr, wenn Identität, Namespace und sogar Paketbeschreibung an reale Tools angelehnt werden.

Technisch interessant ist, wie wenig die bösartigen Pakete in Teilen „brauchten“, um verwertbare Signale zu liefern. In den Auswertungen von Ax Sharma und Cody Nash heißt es, dass mehrere der Pakete offenbar bereits mit dem Hostnamen als Ergebnis „ausreichend“ sendeten. In 19 Fällen ging der Abfluss deutlich weiter: Die Extensions übermittelten eine detaillierte Beschreibung der Maschine, den im Editor geöffneten Repository-Kontext sowie das CI-Setup, in dem der Editor typischerweise läuft. Insgesamt wurden 58 Extensions als „lightweight tools“ beschrieben, deren Kernfunktion im Wesentlichen beim Exfiltrieren von Hostnamen und teils Zusatzmetadaten wie Workspace-Ordnernamen oder Editor-Versionen lag, während die übrigen Varianten als Reconnaissance-Payloads die Spanne an Informationen breiter ausrollten.

Die Palette der erfassten Daten legt nahe, dass die Angreifer sowohl für Analytics als auch für spätere Follow-up-Angriffe eine möglichst vollständige Fingerabdruck-Kette wollten. Genannt werden lokale Details wie Hostname und Betriebssystem-Username, zusätzlich der Editorname und die Version, Host-Typ und Machine-ID, außerdem Plattform und Architektur, Locale und Zeitzone. Dazu kommen Repository- und Dateisystembezüge wie der Name des offenen Workspace-Ordners sowie der vollständige Pfad im Dateisystem. Auffällig ist dabei die Gleichförmigkeit: Beide Funktionsgruppen teilen sich laut Analyse „einen“ Datenabfluss-Domain-Ansatz und weisen Ähnlichkeiten in Code und Verhalten auf. Zielsystematisch wird es besonders, weil in allen 77 Extensions die Daten an mangorbit[.]com gesendet wurden, eine Domain, die bereits am 15. Juli 2026 registriert worden war – also 11 Tage vor dem ersten Upload-Zeitfenster.

Noch mehr als der eigentliche Upload ist für die Sicherheitsarchitektur entscheidend, wie die Schadlogik zeitlich und kontextabhängig arbeitet. Die „Recon“-Varianten sind mit Kontingenzplänen ausgestattet: Sie prüfen offenbar DNS TXT-Einträge, um im Fall einer Blockade oder wenn die primäre Domain nicht mehr erreichbar ist, auf eine alternative Exfiltrations-URL auszuweichen. Außerdem gibt es ein Retry-Verhalten mit wiederholten Sammelversuchen im Abstand von ungefähr 15 Minuten, 50 Minuten und dreieinhalb Stunden, anschließend dann etwa alle sieben bis acht Stunden; der Prozess setzt laut Beschreibung beim Neustart des Editors wieder an und endet erst nach sieben Tagen. Das Ziel ist damit erkennbar eher ein skalierender Observations-Loop als eine einzelne „One-shot“-Messung. Zusätzlich differenziert die Recon-Variante über eine Prüfung von devcontainer.json oder.vscode/extensions.json, ob die Installation durch eine Repository-Konfiguration ausgelöst wurde oder ob ein Mensch die Extension bewusst gewählt hat – genau der Entscheidungswert, den Angreifer für gezieltere Angriffsflächen benötigen.

Parallel zeigt die Quelle, dass das Thema nicht bei IDE-Plugins stehen bleibt, sondern in eine breitere Software-Supply-Chain-Attacke eingebettet ist: Insgesamt seien 450 einzelne npm-Pakete über 2.244 Artefakte kompromittiert worden, um einen „Information Stealer“ zu liefern und gleichzeitig gestohlene npm-Tokens zu nutzen, um trojanisierte Versionen nachzuschieben. Die Kampagne wird mit ChainDrop bezeichnet. Microsoft beschreibt dabei eine Mini Shai-Hulud-Variante, die als selbstverbreitender Credential-Stealer-Wurm über ein stark obfuskiertes Bun-basiertes JavaScript-Payload ausgeliefert werde und typischerweise automatisch über einen npm-preinstall-Lifecycle-Hook startet, bevor die Installation komplett abgeschlossen ist. Laut derselben Einordnung könne die Malware außerdem gestohlene GitHub-Credentials nutzen, um Claude- und Visual-Studio-Code-Konfigurationsdateien in Repositories einzuschleusen, Persistenz aufzubauen und so eine zusätzliche Infektionsroute „vom Entwickler zum Entwickler“ über gemeinsame Codebasen zu etablieren.

Für die Einordnung in die Praxis ist zudem die Frage zentral, warum solche Angriffe trotz gängiger Schutzmaßnahmen immer wieder durchkommen. OX Security hebt hervor, dass Supply-Chain-Angriffe auf npm-Calls zielen und dass Blockieren von Install-Skripten allein oder das Erzwingen von 2FA für Maintainer-Konten nicht genügt. Der genannte Punkt von Moshe Siman Tov Bustan läuft darauf hinaus, dass es granularer Rechtekontrolle bedarf: Pakete sollten erst nach expliziter Freigabe ausführen dürfen, was sie dürfen und was nicht – etwa ob ein Paket überhaupt Exfiltration von AWS-Keys oder GitHub-Credentials in einem einzigen Kommando durchführen darf. Genau hier liegt auch die Verbindung zu Open VSX: Wenn „Evil Twins“ über Paketnamen und niedrige Versionsnummern (zum Beispiel 0.0.1) in vertrauenswürdige Tooling-Flows geraten, verschiebt sich der Fokus von „Wer hat den Code veröffentlicht?“ hin zu „Was darf der Code in dieser Umgebung konkret tun?“.

Aus Unternehmenssicht ist deshalb eine Kombination nötig, die sowohl die IDE-Schicht als auch die Paketregistries abdeckt. Auf der IDE-Seite hilft schon die Tatsache, dass die Schadextensions behauptete „anonymous usage metrics“ als Statusanzeige ausspielen, bevor sie die Datenübertragung auslösen; solche Muster lassen sich in internen Policies und Beobachtungssystemen als Indikatoren nutzen. Auf der Registry-Seite müssen Build-Pipelines und Entwicklerumgebungen so abgesichert werden, dass ein npm-Paket nicht stillschweigend Credentials in die Welt tragen kann, selbst wenn es sich „banal“ installiert. Die in der Analyse erwähnten Autostart-Hooks in.claude und.vscode adressieren zudem genau den Trend, dass KI-gestützte Coding-Agenten und lokale Dev-Workflows eng mit Editor-Konfigurationen verzahnt sind. Wer diese Verknüpfung nur als Produktivitätsfeature betrachtet, unterschätzt, dass sie auch ein hervorragender Hebel für Persistenz und wiederholte Ausführung ist.

Die schnelle Entfernung der 77 Open-VSX-Pakete bis zum 3. August 2026 zeigt, dass die Entdeckung und Reaktion im Marketplace-Geschehen möglich ist. Für Betreiber von internen Developer-Platforms bleibt aber die Frage offen, wie gut die eigenen Vorabprüfungen gegen „Evil Twin“-Identitäten wirken: Namensgleichheit, Namespace-Ähnlichkeit, realistische Beschreibungen und niedrige Versionsnummern können Berechtigungsentscheidungen und Vertrauen im Prozess verzerren. Nach der ChainDrop-Einordnung wird klar, dass sich Angriffe aus mehreren Schichten zusammensetzen: erst IDE-Extensions oder Recon-Logik zur Systemvermessung, dann Credential-Abfluss und Token-Nutzung, um weitere kompromittierte Releases nachzuschieben. Genau diese Kette macht Sicherheit zum Infrastrukturthema, nicht zum Einzel-Toolproblem.


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