BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB, kritisiert die geplante Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu vier Jahre. Die Gewerkschaft sieht darin faktisch eine lang gezogene Probezeit und damit weniger Planungssicherheit für junge Beschäftigte. Zusätzlich warnt Fahimi vor der möglichen Streichung der Blockaltersteilzeit, die einen geordneten Übergang in die Rente unterstützt. Im Zentrum steht für den DGB der Vorwurf, dass die Arbeitsmarktpolitik soziale Absicherung zugunsten von Flexibilität zu stark zurückstellt.

DGB-Chefin Fahimi warnt vor 4-jähriger sachgrundloser Befristung und Ende der Blockaltersteilzeit
DGB-Chefin Fahimi warnt vor 4-jähriger sachgrundloser Befristung und Ende der Blockaltersteilzeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Arbeitsmarktpolitik nimmt Fahrt auf, und sie trifft besonders die frühen Phasen von Erwerbsbiografien: In Berlin hat Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), die geplanten Änderungen bei Befristungen und die mögliche Abschaffung der Blockaltersteilzeit scharf kritisiert. Ausgangspunkt sind Beratungen im Koalitionsumfeld Anfang Juli, die aus Sicht der Gewerkschaft künftig zu mehr Unsicherheit führen könnten. Fahimi verbindet dabei zwei Themen, die auf den ersten Blick unterschiedlich wirken: die Flexibilisierung beim Einstieg in den Job und die Flexibilisierung am Ende des Erwerbslebens. Genau dort, so ihre Kernaussage, würden die gesellschaftlichen Kosten sichtbar, wenn sich Tempo und Absicherung im Gleichschritt bewegen, aber die Verantwortung einseitig verschoben wird.

Technisch-juristisch setzt der Widerstand am Instrument der sachgrundlosen Befristung an. Geplant ist, Arbeitsverhältnisse künftig ohne Angabe spezifischer Gründe für einen Zeitraum von bis zu vier Jahren befristen zu können. Fahimi ordnet dieses Modell nicht als bloße formale Erleichterung ein, sondern stellt die praktische Vergleichbarkeit her: Eine Befristung über einen so langen Zeitraum komme faktisch einer vierjährigen Probezeit gleich. Der Effekt liegt aus ihrer Sicht weniger in der reinen Vertragsdauer, sondern in der wiederkehrenden Unsicherheit, ob der Weg in ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis sich tatsächlich verlässlich anschließen lässt. Wenn die Hürde sinkt, lange ohne Sondergrund zu befristen, sinkt zugleich häufig der Anreiz für Arbeitgeber, frühzeitig in stabile Beschäftigungsmodelle zu investieren.

Gerade für den Arbeitsmarkt für Jüngere beschreibt Fahimi die Folge als Verschiebung von Risiken in den Alltag. Beschäftigte ohne unbefristeten Vertrag hätten es auf dem privaten Markt deutlich schwerer, etwa beim Abschluss von Mietverträgen oder bei der Beantragung von Krediten. Finanzinstitute und Vermieter würden bei befristeten Verträgen laut DGB-Chefin oft davor zurückschrecken, langfristige Bindungen einzugehen, obwohl Qualifikation und Leistungsfähigkeit vorhanden sind. Damit entsteht aus Sicht der Gewerkschaft eine Kaskade: Unsicherheit im Arbeitsverhältnis wirkt sich auf Wohnen, Finanzierung und damit auf Lebensplanung aus. Wer Planbarkeit braucht, erhält sie nicht, nur weil eine Beschäftigung zeitlich begrenzt ist; das ist der gesellschaftliche Kern ihrer Kritik.

Damit hängt auch die Frage zusammen, wie sehr Arbeitsmarktpolitik als Ganzes auf kurze Horizonte oder auf verlässliche Übergänge ausgerichtet wird. Fahimi warnt in diesem Zusammenhang vor der möglichen Streichung der Blockaltersteilzeit, einem Instrument, das die Arbeitszeit vor dem Renteneintritt so organisiert, dass auf eine Vollzeitphase eine Freistellungsphase folgt. Das Modell dient im Kern dazu, den Übergang aus dem Erwerbsleben heraus planbar zu gestalten, statt ihn in der Endphase zu sprunghaft oder rein individuell zu regeln. Wenn dieses bewährte Flexibilitätsinstrument wegfällt, entsteht nach ihrer Darstellung zusätzlich ein politisches Signal in Richtung geringerer sozialer Absicherung und weniger Verlässlichkeit bei der Lebensgestaltung im letzten Drittel des Erwerbslebens. Im Zusammenspiel mit erleichterten Befristungen für Berufseinsteiger entsteht aus Sicht des DGB ein Bild, in dem Flexibilität stärker zählt als Sicherheit.

Für Unternehmen liegt in der Debatte auch ein praktischer Engpass: Personalverantwortliche müssen Befristungsmodelle rechtssicher ausgestalten, weil sich die Anforderungen an Vertragsgestaltung und Auslegung laufend verändern können. Auch wenn die Gewerkschaft politisch argumentiert, ist der operative Punkt für Arbeitgeber klar: Schon kleine Abweichungen in der Begründung, in der Formulierung oder im Anwendungskontext können später zu Risiken führen. Das betrifft nicht nur neue Verträge, sondern auch bestehende Personalkonzepte, etwa wenn Recruiting-Zeiträume, Projektplanung oder Qualifizierungsbudgets an die Frage gekoppelt sind, ob aus einer Befristung dauerhaft wird oder nicht. Wer hier nur auf maximale Flexibilität setzt, kann am Ende mit höherem administrativem Aufwand und einer geringeren Bindung geeigneter Fachkräfte konfrontiert werden.

Gleichzeitig zeigt die Debatte, dass der politische Zielkonflikt nicht trivial ist: Der Wunsch nach mehr Anpassungsfähigkeit für Unternehmen steht dem Bedürfnis der Beschäftigten nach sozialer Absicherung gegenüber. Der DGB fordert angesichts der jüngsten Entwicklungen eine Kurskorrektur, damit Rechte und wirtschaftliche Sicherheit besonders am Anfang der beruflichen Laufbahn nicht weiter geschwächt werden. Für die weitere Bewertung wird entscheidend sein, wie konkret die Reform ausgestaltet wird und ob Übergangsregelungen und Schutzmechanismen die befürchteten Nebenwirkungen abfedern. Unabhängig davon macht Fahimis Warnung deutlich, dass Arbeitsmarktpolitik nicht nur über Vertragsparagrafen entschieden wird, sondern darüber, wie kalkulierbar der Lebensweg für Menschen bleibt, die gerade erst in den Jobstart gehen.

Auch für die Digitalisierung der HR-Prozesse lässt sich aus der Diskussion ein operativer Schluss ziehen: Wenn Verträge häufiger wechseln oder länger in befristeten Phasen hängen, steigt die Komplexität in Compliance-Workflows, Vertragsfristen-Tracking und Dokumentationsketten. Moderne HR-Software kann diese Aufgaben zwar automatisieren, ersetzt aber nicht die fachliche Prüfung, wann welche Befristungslogik greift. Damit wird die Debatte zugleich zu einem Thema für Technologieanbieter und HR-Teams, die heute schon mit Fristen, Rollenberechtigungen und Audit-Trails arbeiten. Der Ausgang der politischen Änderungen wird also nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Systemlandschaft in Personalbereichen beeinflussen.


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