LONDON (IT BOLTWISE) – Der Social-Media-Trend „Proteinmaxxing“ stellt die Proteinzufuhr konsequent nach oben. Eine aktuelle Auswertung der University of Wisconsin-Madison deutet an, dass eine übermäßige Zufuhr die Lebenserwartung insbesondere bei sitzend lebenden Erwachsenen senken könnte. Gleichzeitig zeigen Ernährungsrichtlinien klare Untergrenzen und stark altersabhängige Zielwerte. Für die Praxis wird damit weniger „maximal“ zum Maßstab als eine bedarfsgerechte, lebenslange Steuerung der Ernährung.

„Proteinmaxxing“ klingt nach Leistungsformel, aber in der Ernährungsszene verschiebt sich der Ton gerade spürbar: Wo Fitness-Influencer oft pauschal „mehr Eiweiß“ als Voraussetzung für Muskelaufbau sehen, wächst in der Fachwelt die Skepsis gegenüber dauerhaften Übermengen. Der aktuelle Impuls kommt aus einem Ende Juli veröffentlichten Review der University of Wisconsin-Madison, das nach eigenen Angaben über 350 Studien zusammenführt und besonders die langfristigen Effekte hoher Proteinrationen in den Blick nimmt. Im Zentrum steht dabei nicht die Frage, ob Protein Muskeln unterstützt – diese Rolle gilt als gut belegt –, sondern ob eine konsequent zu hohe Zufuhr über Jahre hinweg gesundheitliche Nachteile mit sich bringt.
Die Auswertung formuliert Hinweise, dass eine „zu hohe“ Proteinzufuhr vor allem bei Erwachsenen mit eher sitzendem Lebensstil die Lebenserwartung reduzieren könnte. Für die Interpretation ist allerdings entscheidend, wie belastbar das Datenmaterial für Menschen ist. Das Review basiert überwiegend auf Untersuchungen an Organismen wie Hefe, Fliegen und Nagetieren; solche Modelle helfen, biologische Mechanismen zu beobachten, können aber Langzeiteffekte beim Menschen nur eingeschränkt vorhersagen. Zudem wird in der Berichterstattung ein möglicher Interessenkonflikt thematisiert: Der Autor der Übersichtsarbeit, Dudley Lamming, soll Verbindungen zum Unternehmen Aeovian Pharmaceuticals haben. Genau an dieser Stelle lohnt es sich für Unternehmen und Gesundheitsverantwortliche, die Botschaften zu differenzieren: Nicht jede Tierdaten-gestützte Signalstärke wird in eine sofortige Empfehlung „weniger Protein“ übersetzt.
Spannend wird es ohnehin erst, wenn man sich an etablierten Richtwerten orientiert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennen eine tägliche Proteinzufuhr von 0,83 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht als Referenz. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Erwachsenen im Alter von 19 bis 65 Jahren 0,8 Gramm pro Kilogramm. Das ist weit entfernt von vielen „Proteinmaxxing“-Kalkulationen aus dem Fitnessalltag, die häufig nicht nur auf den Bedarf, sondern auf ein dauerhaftes Optimum „oben drauf“ zielen. Ab etwa 65 Jahren wird die Zielsetzung zudem altersbedingt verschoben: Für den Ausgleich altersbedingten Muskelabbaus (Sarkopenie) wird laut Experten ein Bereich von 1,0 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht genannt, der das Risiko für Gebrechlichkeit in Studienkonstruktionen um 22 Prozent senken könne. Bei bereits bestehender Sarkopenie halten Mediziner sogar bis zu 2,0 Gramm pro Kilogramm für angemessen; auch Schwangerschaft und Stillzeit gehen mit höheren Zielwerten einher, etwa 0,9 Gramm im zweiten Trimester und 1,2 Gramm während der Stillzeit nach DGE-Empfehlung.
Während die Diskussion um „Risiken bei Übermaß“ oft mit Nieren, Herz und Leber verknüpft wird, zeigt die Studienlandschaft zugleich, dass das Bild nicht eindimensional ist. In dem Zusammenhang wird etwa auf mögliche Zusammenhänge hingewiesen, dass viel rotes Fleisch mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko verbunden sein könnte und stark verarbeitete Lebensmittel das Krebsrisiko steigern könnten. Solche Aussagen lassen sich jedoch selten allein auf „Proteinmenge“ reduzieren, weil in Ernährungsdaten häufig Gesamtmuster mitschwingen. Demgegenüber steht eine norwegische Langzeitstudie mit 1.324 Teilnehmern und einem Durchschnittsalter von 63,6 Jahren: Über zehn Jahre sei bei einer durchschnittlichen Proteinzufuhr von 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht kein beschleunigter Abfall der Nierenfunktion (GFR) und kein erhöhtes Risiko für chronische Nierenerkrankungen festgestellt worden. Für die Einordnung heißt das: Statt einer pauschalen Warnlinie braucht es Profile – etwa nach Lebensstil, Ausgangsgesundheit und Ernährungsqualität.
Gerade deshalb verschiebt sich der Fokus in Richtung Personalisierung und Qualität der Proteinquellen. Der Bedarf hängt laut Fachleuten stark vom Aktivitätslevel ab: Bei geringer Aktivität reichen demnach 0,8 Gramm pro Kilogramm, aktive Erwachsene benötigen ungefähr 1,0 Gramm, und erst bei sehr hohem Trainingspensum – mehr als fünf Stunden pro Woche – steigt der Bedarf auf 1,2 bis 2,0 Gramm. Für die Umsetzung ist auch die Zusammensetzung relevant. In der Praxis empfehlen Ernährungsfachleute, den Teller zur Hälfte mit Gemüse zu füllen und jeweils zu einem Viertel mit Protein sowie Stärke, mit einer Bevorzugung pflanzlicher Proteine und unverarbeiteter Lebensmittel. Für essenzielle Aminosäuren wird zudem eine tägliche Portion aus Quellen wie Eiern, Hähnchen, Fisch oder Soja genannt. Gleichzeitig bleibt die Kernaussage: Protein allein reicht nicht. Krafttraining, ausreichend Kohlenhydrate und Ballaststoffe gelten als unverzichtbare Bausteine, besonders wenn es um langfristige Gesundheit im Alter geht.
Auch aus Marktsicht lässt sich die Entwicklung beobachten: Der Proteinmaxxing-Ansatz folgt häufig einer simplen Regel – „höher ist besser“ –, die im Alltag bequem zu kommunizieren ist. Die aktuellen Daten zeigen jedoch, dass langfristige Ernährungsempfehlungen nicht nur aus einer einzelnen Variablen bestehen, sondern aus einem Zusammenspiel von Menge, Quelle, Gesamternährung und Bewegungsverhalten. Für Fitnessstudios, Ernährungsberatung und Gesundheitsprogramme bedeutet das konkret: Content-Strategien, die pauschal zu maximalen Grammwerten raten, laufen Gefahr, den Bedarf in Richtung ungesundes Übermaß zu verzerren – besonders bei Menschen mit wenig Aktivität. Stattdessen wächst die Relevanz von Mess- und Zielwertlogik, also von bedarfsgerechten Zielkorridoren, die das Alter berücksichtigen und nicht nur die nächste Trainingsphase.
Für die nächste Ausbaustufe in Unternehmen, die Betriebliches Gesundheitsmanagement anbieten, liegt die Chance in der Übersetzung der Erkenntnisse in alltagstaugliche Leitlinien: Ein praxisnahes Vorgehen könnte bei Startwerten (zum Beispiel DGE/EFSA/WHO-nahe Orientierung), dann einer Anpassung nach Aktivität und Alter, sowie einer Qualitätsbewertung der Proteinquellen ansetzen. So wird aus einem Trend eine Steuerung. Gleichzeitig sollte man die offenen Punkte offen lassen: Das Review liefert Hinweise, aber die Übertragbarkeit auf den Menschen ist wegen der überwiegend nicht-humanen Datengrundlage begrenzt, und auch der Interessenkonflikt im Review macht eine besonders nüchterne Interpretation nötig. Am Ende bleibt die wahrscheinlich robusteste Botschaft: Nicht „maximieren“, sondern richtig dosieren – und den Rest der Ernährung aktiv mitgestalten.
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