DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Aktuelle Quartalsdaten zeichnen ein klares Muster: Phishing ist inzwischen der häufigste Einstieg in Cyberangriffe. Der Anteil stieg von 33 % im ersten Quartal 2026 auf 50 % im zweiten Quartal. Besonders stark wächst Device-Code-Phishing, das selbst moderne Abwehr wie Passkeys unterlaufen kann. Parallel zeigt sich im Bankenumfeld, wie Betrüger Kunden mit gefälschten Verifizierungs-E-Mails und Captcha-Landingpages zum Datenabgriff bringen.

Wenn Sicherheitsverantwortliche über Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) sprechen, meinen sie oft einen robusten Schutz vor klassischen Passwort-Leaks. Die aktuellen Zahlen aus dem zweiten Quartal 2026 stellen dieses Sicherheitsbild jedoch auf die Probe: Laut den neu ausgewerteten Vorfällen beginnt jeder zweite Cyberangriff inzwischen mit einer betrügerischen Nachricht. Im ersten Quartal lag der Anteil noch bei 33 %. Der Unterschied wirkt auf den ersten Blick nur wie eine Ergebniszahl, in der Praxis aber wie eine Verschiebung des Angriffsvektors. Phishing ist damit nicht nur ein häufiger Auslöser, sondern ein systematischer Einstiegspunkt, über den Angreifer Zielsysteme erreichen, Identitäten übernehmen und Token oder Sitzungen abgreifen können.
Technisch betrachtet verlagern sich die Kampagnen von simplen Mail-Phishing-Links hin zu Mechaniken, die in den Authentifizierungs-Stack eingreifen. Besonders auffällig ist der Anstieg beim sogenannten Device-Code-Phishing: In den vier Wochen bis zum 1. August 2026 wurden rund sieben Millionen Angriffe gezählt, wobei etwa 99 % dieser Versuche auf Microsoft-Infrastrukturen zielen. Der Kern liegt im OAuth-2.0-Geräteautorisierungsfluss: Angreifer nutzen genau diesen Mechanismus, um Authentifizierungstoken zu stehlen, und umgehen damit Schutzmechanismen, die vor allem gegen Phishing von Passwörtern gedacht sind. Dass Passkeys dabei aus der Schusslinie geraten können, liegt weniger am Passwort-Reset-Konzept, sondern an der Frage, wie Nutzer beim Authentifizierungsschritt in eine gefälschte Interaktion geraten.
Die Entwicklung folgt dabei einer erkennbaren Kampagnenlogik. In den Monaten zuvor tauchten wiederholt Operationen auf, die mit kompromittierter oder missbrauchter Infrastruktur arbeiteten. Nach einem Angriff im April über den Dienst Railway setzten Täter ab dem 13. April offenbar auf die Infrastruktur von BL Networks. In der Analyse solcher Operationen wurden Mitte April mehr als 500 Sicherheitsereignisse festgestellt, die innerhalb von 48 Stunden zu 113 erfolgreichen Logins führten. Bis Juli 2026 zählten Experten 26 kritische Vorfälle mit diesen Methoden, wobei 23 verschiedene Identitäten betroffen waren. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein praktischer Schluss: Es reicht nicht, nur Postfächer und Links zu filtern; notwendig ist ein enger Blick auf die Abfolge von Authentifizierungsereignissen, Token-Validierung und auf ungewöhnliche Muster rund um Anmeldebestätigungen.
Auch die konkrete Ausprägung des Social Engineering wird zunehmend „unternehmensähnlich“. Im Bankensektor treffen Betrüger Kunden der Sparkasse aktuell besonders häufig mit E-Mails, die eine Verifizierung oder ein Sicherheitsupdate suggerieren. Die Nachrichten stammen dabei laut den beschriebenen Fällen häufig von verdächtigen Domains wie ashoj.com. Auffällig sind die Landingpages: Sie setzen auf Captchas, um Interaktionen mit automatisierten Bot-Abläufen zu erschweren, und zielen trotzdem darauf ab, Bankzugangsdaten abzugreifen. Das zeigt ein typisches Spannungsfeld moderner Angriffe: Einerseits versuchen Angreifer, „menschliche“ Plausibilität zu erzeugen, andererseits bauen sie technische Hürden ein, damit ihre Kampagnen nicht sofort als automatisiert auffallen. Für IT- und Fraud-Teams bedeutet das, dass Risikoindikatoren in Web-Interaktionen und nicht nur in der E-Mail-Header-Analyse stärker gewichtet werden sollten.
Daneben wird auch die Angriffs-Ökonomie professioneller, weil spezialisierte Werkzeuge den Einstieg senken. Eine Rolle spielt dabei die Phishing-as-a-Service-Plattform Logokit: Sie nutzt legitime Webdienste, um personalisierte Login-Seiten dynamisch zu generieren. Die gestohlenen Zugangsdaten werden anschließend über Telegram-Bots an die Angreifer weitergeleitet. Eine zweite Facette liefert der Banking-Trojaner Astaroth, der Ende 2025 brasilianische Kontakte angriff: Dort wurde ein Spambot-Modul erweitert, das sich über WhatsApp-Web-Anhänge verbreitet. Damit wird klar, warum der Begriff „Phishing“ im operativen Alltag zu kurz greift: Es ist häufig nur der erste Schritt in einer Kette aus Social Engineering, Nutzerdatenabgriff und automatisierter Weiterleitung. Unternehmen sollten daher Incident-Playbooks so gestalten, dass auch Kommunikationskanäle außerhalb des klassischen E-Mail-Ökosystems konsequent überwacht und nachverfolgt werden.
Auch bei der Infrastruktur treten neue Reibungspunkte auf. Am 1. August 2026 warnten Microsoft-Sicherheitsforscher vor einer Kampagne namens „CaptiveCrunch“. Dahinter steckt laut der Beschreibung die russische Gruppe Storm-2945, die seit Mai 2026 aktiv ist. Der Angriff setzt auf manipulierte Hotel-WLAN-Anmeldeseiten, bei denen Schadsoftware als Browser-Updates getarnt wird. Die Folge: Nutzer laden im Glauben an eine legitime Aktualisierung ein Payload nach, oft ohne dass klassische E-Mail-Abwehrsignale greifen. Als Werkzeuge werden „CornFlake“ (Fernzugriffs-Trojaner) und „ChocoShell“ (Datendiebstahl) genannt; sie entwenden Microsoft-365-Token. Besonders relevant ist der Hinweis, dass die Kampagne seit dem 16. Juli zusätzlich Device-Code-Phishing nutzt. Damit verschmelzen zwei Ebenen, die früher getrennt betrachtet wurden: kompromittierte Web-/Portal-Interaktionen und Token-Abgriff über OAuth-Mechanismen.
Reagieren tun zwar Behörden und Sicherheitsakteure, aber die Schäden bleiben hoch. In Deutschland beschlagnahmte die Polizei am 20. Juli 2026 laut den Angaben 200 Server der Phishing-Plattform Kratos, die monatlich rund 15.000 Kampagnen gegen Microsoft-365-Nutzer gestartet haben soll. Nur elf Tage später wurde der Plattformbetrieb durch US-Behörden abgeschaltet; dabei werden bestätigte Verluste von umgerechnet rund 13,5 Millionen Euro genannt. Solche Erfolge sind wichtig, weil sie die Angriffskapazität kurzfristig drücken können. Gleichzeitig zeigt die Wirtschaftssicht, wie hartnäckig das Muster ist: Laut Versicherungsdaten wurden 85,3 % der Versicherungsschäden im ersten Halbjahr 2026 durch Phishing oder Social Engineering verursacht. Das ist ein deutlicher Sprung gegenüber 17,7 % im gleichen Zeitraum 2024. Zwar entfällt auf Ransomware gemessen am gesamten Schadensvolumen weiterhin ein großer Anteil, doch nach Fallzahlen sind Phishing- und Social-Engineering-Kampagnen inzwischen die effizienteste Waffe der Angreifer. Für Entscheider heißt das: KI-unterstützte Erkennung, striktes Identity- und Session-Hardening und konsequente Nutzer- und Prozessschulung müssen zusammenwirken, statt sich auf eine einzelne Schutzschicht zu verlassen.
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