CHINA / LONDON (IT BOLTWISE) – Hochschullehrende mit starkem beruflichem Berufungsgefühl zeigen laut einer Studie deutlich höhere Arbeitsmotivation im Alltag. Die Auswertung mit 1.428 Fragebogenantworten verbindet das innere „Calling“ über mehrere Zwischenschritte mit höherer Bindung an die Universität und schließlich mit Job Satisfaction. Damit wird greifbar, wie sich ein abstraktes Sinngefühl in konkrete tägliche Energie und Konzentration übersetzt. Gleichzeitig schränken Querschnittsdesign und selbstberichtete Daten die Aussagekraft für Kausalitäten ein.

Wenn Hochschullehrende ihre Arbeit nicht nur als Job, sondern als persönliche Mission erleben, verändert sich offenbar auch die Art, wie sie ihren Alltag gestalten. Die Ergebnisse einer Untersuchung, die im Journal Frontiers in Psychology veröffentlicht wurde, zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Gefühl einer beruflichen Berufung („career calling“) und dem täglichen Engagement im Job. Im Kern geht es dabei um eine psychologische Zustandsform: Wer sich stark engagiert fühlt, arbeitet mit Energie, ist emotional dem Thema verbunden und kann sich so stark auf Aufgaben konzentrieren, dass die Zeit „wie im Flug“ vergehen kann.
Für die Einordnung ist wichtig, wie die Studie Engagement und Berufung theoretisch fasst. Engagement wird als Kombination aus physischer Vitalität, emotionaler Hingabe und mentaler Absorption operationalisiert. Berufung hingegen beschreibt eine tief verankerte innere Antriebskraft: Lehrkräfte verstehen ihr Tätigkeitsfeld als zentralen Bestandteil ihrer Identität und ordnen den Beruf nicht primär als Einkommensquelle ein, sondern als Beitrag zu einem höheren Zweck. Zusätzlich spielt die Art der Bindung an die eigene Institution eine Rolle. Genau hier setzt die Forschung an, indem sie die psychologischen Mechanismen über bestehende Theoriebausteine erklärt: Selbstbestimmungstheorie für die grundlegenden Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit sowie Sozialaustauschtheorie als Modell dafür, wie Gegenseitigkeit das Verhalten im Arbeitskontext verstärken kann.
Die Autor: innen, Yulong Guo von der Harbin Engineering University und Mengshi Zhang von der Northeast Forestry University, wollten dabei nicht „Lehrende allgemein“ untersuchen, sondern eine sehr spezifische Gruppe: Dozierende für ideologische und politische Bildung an Universitäten in China. Diese Lehrkräfte behandeln auf Hochschulniveau unter anderem marxistische Theorie und staatliche Ideologie. Statt wie frühere Arbeiten vor allem externe Faktoren oder Routinen zu betrachten, richtete sich der Fokus auf interne, psychologische Treiber. Nach dem Selbstbestimmungsansatz kann ein starkes Berufungsgefühl Arbeit so rahmen, dass sie eher wie eine persönliche Entscheidung wirkt (Autonomie), die Lern- und Wirkabsicht die eigene Fähigkeitenentwicklung antreibt (Kompetenz) und die tägliche Arbeit mit einem gesellschaftlichen Ziel verknüpft wird (Zugehörigkeit). Daraus leiten die Forschenden ab, dass Lehrkräfte sich stärker an ihrer Universität „verankern“.
Um die Zusammenhänge empirisch zu prüfen, nutzten Guo und Zhang eine elektronische Umfrage mit Schneeball-Stichproben („snowball sampling“). Über professionelle Netzwerke wurden Fragebögen zunächst an Lehrkräfte verteilt und anschließend um Weiterleitungen an Kolleg: innen verschiedener Institutionen gebeten. Insgesamt kamen nach einem Monat 1.428 gültige Antworten zusammen, verteilt auf Universitäten in 13 chinesischen Provinzen und Kommunen. Die Stichprobe umfasste unterschiedliche Altersgruppen, Bildungsabschlüsse und akademische Ränge; etwa 58 Prozent hatten einen Masterabschluss, rund 22 Prozent einen Doktortitel. Die Skalen erfassten vier Dimensionen: das Ausmaß des career calling, die emotionale Bindung an die Universität, die allgemeine Job Satisfaction sowie das tägliche Work Engagement. Dabei wird Work Engagement explizit nach physischer Energie, emotionaler Hingabe und mentaler „Absorption“ gemessen; Job Satisfaction enthält sowohl Zufriedenheit mit inneren Aspekten der Arbeit als auch mit äußeren Rahmenbedingungen wie dem Arbeitsumfeld.
Die statistische Auswertung erfolgte mit Modellierungen, die testen sollten, ob organisationaler Commitment und Job Satisfaction als psychologische „Brücken“ zwischen Berufung und Engagement fungieren. Das Resultat ist in der Logik der Studie nicht nur eine einfache Korrelation, sondern ein mehrstufiger Zusammenhang: Ein höheres Berufungsgefühl hängt eng mit höherem Work Engagement zusammen. Außerdem wirken organisatorische Bindung und Job Satisfaction jeweils als Zwischenmechanismen. Wer die eigene Aufgabe stärker als Berufung erlebt, zeigt häufiger eine tiefere Loyalität zur Universität; diese Loyalität sagt dann wiederum ein höheres Engagement voraus. Parallel dazu steht die Berufung auch mit größerer Job Satisfaction in Verbindung, und Job Satisfaction erhöht ebenfalls das tägliche Engagement. In den Modellen zeigte sich zudem eine sequentielle Kette, die alle vier Konzepte verbindet: Erst führt die Berufung zu stärkerer Bindung an die Universität, diese Bindung korreliert dann mit höherer Zufriedenheit, und die Zufriedenheit geht schließlich mit dem höchsten Niveau des Engagements im Arbeitsalltag einher.
Damit liefert die Studie eine psychologisch anschauliche Brücke vom „inneren Gefühl“ zur beobachtbaren Arbeitsweise. Die Autor: innen argumentieren, dass ein Sinn- und Berufungsrahmen den Blick auf die eigene Institution prägt. Dieser Organisationsfokus beeinflusst Stimmungen und Bewertungen im täglichen Erleben; daraus folgt wiederum, wie viel Energie, Aufmerksamkeit und nachhaltige Konzentration Lehrkräfte in Lehre und Forschung investieren. Genau diese Übersetzung von abstraktem Purpose in konkrete Verhaltensmuster macht den praktischen Wert der Arbeit aus, gerade für Hochschulen, die Lehrqualität und langfristiges Engagement ihrer Dozierenden fördern möchten.
Gleichzeitig begrenzen mehrere methodische Aspekte die Aussagekraft. Die Untersuchung basiert auf einem Querschnittsdesign: Alle Daten wurden zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben. Entsprechend zeigen die Modelle nur Zusammenhänge zwischen psychologischen Zuständen, nicht aber einen kausalen Wirkpfad. Zusätzlich beruhen die Daten vollständig auf Selbstauskünften; das kann zu Verzerrungen führen, etwa wenn Teilnehmende Antworten wählen, die sie als besonders engagiert darstellen. Auch die Rekrutierungsstrategie über Schneeball-Stichproben kann dazu beitragen, dass Lehrkräfte aus ähnlichen Netzwerken vertreten sind, was die Repräsentativität über die Breite aller Hochschulen hinweg einschränken kann. Hinzu kommt, dass etwa 75 Prozent der Stichprobe weiblich waren, was nicht zwingend exakt der Geschlechterverteilung in dieser Lehrtätigkeit entspricht und mögliche Unterschiede im Erleben von Berufung verdecken könnte. Für künftige Forschung werden deshalb Längsschnittdesigns über mehrere Jahre sowie, wo möglich, ergänzende objektivere Indikatoren wie Rückmeldungen von Studierenden oder Kennzahlen zur Forschung diskutiert, um Engagement nicht nur psychologisch, sondern auch anhand beobachtbarer Ergebnisse zu plausibilisieren.
Für Hochschul-Entscheider: innen ergibt sich aus den Befunden vor allem eine Handlungsidee auf Konzeptniveau: Wenn Berufungsgefühl und Zufriedenheit als bedeutsame Pfadfaktoren für Work Engagement sichtbar werden, lohnt es sich, Programme zur Stärkung von Autonomie, Kompetenzentwicklung und Zugehörigkeit an der Universität konsequent mitzudenken. Auch Personal- und Organisationsentwicklungsmaßnahmen können dabei stärker an der Frage ansetzen, wie Lehrkräfte ihre Rolle als Beitrag zu einem gesellschaftlichen Ziel erleben und nicht lediglich, wie viele Ressourcen formell bereitgestellt werden. Unabhängig von der konkreten Ausgestaltung bleibt die zentrale Botschaft bestehen: In der täglichen Lehr- und Forschungspraxis manifestiert sich Sinn nicht abstrakt, sondern in Energie, Hingabe und Konzentration – und genau diese Dimensionen sollten in Strategien zur Bindung und Leistungsfähigkeit systematisch berücksichtigt werden.
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