FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Tarifstreit zwischen Lufthansa und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sollen künftig drei frühere Führungspersönlichkeiten als Schlichter wirken. Die VC benannte Bodo Ramelow für alle drei Schlichtungsverfahren, während Roland Koch für Lufthansa Classic und Lufthansa Cargo sowie Günther Heckelmann für Eurowings und die eingestellte Lufthansa Cityline vorgesehen sind. Der Konzern und die Gewerkschaft verabredeten dabei einen Prozess, der Schlichtung und Mediation in einem kombinierten Verfahren verzahnt. Zuvor hatte die VC im laufenden Jahr bereits an sieben Tagen zu Streiks aufgerufen, mit Hunderten ausgefallenen Flügen auch während eines Lufthansa-Jubiläums.

Lufthansa-Tarifstreit: Ramelow, Koch und Heckelmann sollen schlichten
Lufthansa-Tarifstreit: Ramelow, Koch und Heckelmann sollen schlichten (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Tarifkonflikt bei der Lufthansa geht in eine neue Phase: Nach der Einigung auf einen kombinierten Ansatz aus Schlichtung und Mediation sollen mit Bodo Ramelow, Roland Koch und Günther Heckelmann drei frühere Führungspersönlichkeiten die offenen Fragen strukturieren. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) setzt dafür auf Ramelow als Schlichter für alle drei Verfahren, während der Konzern die Besetzung auf die operativen Bereiche verteilt: Koch ist für Lufthansa Classic und Lufthansa Cargo vorgesehen, Heckelmann für die Billigtochter Eurowings sowie die inzwischen eingestellte Regionaltochter Lufthansa Cityline. Diese Aufteilung ist mehr als reine Rollenverteilung, denn sie spiegelt die Tatsache wider, dass Vergütungs- und Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Tochter- und Einsatzlogiken häufig nicht identisch sind.

Technisch betrachtet lässt sich die Verhandlungsarchitektur wie eine zweistufige Prozesskette lesen: In den drei getrennten Schlichtungsverfahren sollen jeweils die konkreten Tarifthemen auf den Tisch kommen, während die Mediation laut den Angaben eine zweite Spur verfolgt, die auf übergreifende Aspekte zielt. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich in der Praxis, ob sich das Verfahren auf einzelne Paragraphen von Tarifregelungen beschränkt oder ob es eine gemeinsame Linie für Themen findet, die sich quer durch mehrere Bereiche ziehen. Aus Unternehmenssicht ist das besonders relevant, weil die Lufthansa im Konfliktkontext selbst auf eine Verlagerungsstrategie verweist: Flugzeuge und damit auch Crews sollen in Flugbetriebe wechseln können, in denen niedrigere Tarifbestimmungen gelten. Damit wird aus einem reinen Arbeitskampf-Thema zugleich ein Grundsatzthema für die Verteilung von zukünftiger Kapazität und Personalzuordnung.

Die zeitliche Dringlichkeit zeigt sich in den bisherigen Arbeitskampf-Rufen der VC. Im laufenden Jahr hatte die Gewerkschaft ihre Mitglieder bereits an sieben Tagen zum Streik aufgerufen; außerdem fielen während des Festakts zum 100. Jahrestag der Gründung der ersten Lufthansa Hunderte Flüge aus. Auf Seiten des Unternehmens beziffert die Lufthansa die Kosten des Arbeitskampfs auf rund 150 Millionen Euro. Auch wenn offiziell vor allem Fragen der Altersversorgung und des Gehalts verhandelt werden, legt diese Kostensumme nahe, dass der Vorstand den Konflikt nicht nur tariflich, sondern auch strategisch steuert: Je länger die Blockade, desto stärker geraten Planungszyklen, Umlauf- und Einsatzplanung sowie die Kundenbindung unter Druck.

Der heutige Bundestagsvizepräsident Ramelow bringt dabei eine Besonderheit in das Verfahren, die über die reine Verhandlungsmoderation hinausreicht: Laut VC verzichtet er auf sein Honorar, das stattdessen an das Erfurter Projekt „Das fliegende Klassenzimmer“ und das Luftfahrtmuseum Flugwelt Altenburg Nobitz fließen soll. In der öffentlichen Wahrnehmung kann das die Akzeptanz der Schlichtung erhöhen, weil es den Charakter des Prozesses vom Lohn- oder Machtkampf hin zu einer gemeinschaftsstiftenden Vermittlungsrolle verschiebt. Für die beteiligten Parteien bleibt jedoch entscheidend, ob die Mediation in der Lage ist, Themen zu bündeln, die sich nicht sauber in ein einzelnes Schlichtungsverfahren pressen lassen.

Für die Arbeitswelt innerhalb der Branche ist das Verfahren auch deshalb ein Signal, weil es die Grenzen klassischer Tarifverhandlungen in einem Konzern mit mehreren Marken und Einsatzformen sichtbar macht. Lufthansa Classic, Lufthansa Cargo, Eurowings und die historisch gewachsene Regionalstruktur Lufthansa Cityline bilden jeweils eigene organisatorische Umfelder; unterschiedliche Tarifniveaus treffen dann auf die Notwendigkeit, gemeinsam operieren zu können. Wenn Schlichtung und Mediation wie hier verknüpft werden, steigt die Chance, dass die Parteien nicht nur über Einzelpositionen entscheiden, sondern auch über die Frage, wie stark kurzfristige Maßnahmen mit langfristiger Personal- und Streckennutzung zusammenhängen. Für Beschäftigte bedeutet das in der Regel: mehr Prozess, aber potenziell auch mehr Klarheit, wenn die übergreifenden Punkte wirklich adressiert werden.

Unmittelbar relevant ist zudem die Frage, wie schnell ein Ergebnis in den Arbeitskampf zurückstrahlt. Da der Streik bereits in diesem Jahr mehrfach die Flugplanung getroffen hat, wird für alle Beteiligten die Zeitachse zum strategischen Faktor: Jede Verzögerung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Verluste in Vertrieb, Servicequalität und Kundenstamm kumulieren. Gleichzeitig kann ein sauber moderiertes Schlichtungs- und Mediationsdesign helfen, die Eskalationsspirale zu bremsen, weil es den Parteien einen kontrollierten Rahmen bietet. Für die nächste Phase bleibt daher nicht nur die Besetzung der Schlichter im Fokus, sondern vor allem die Fähigkeit, aus den „Tarifthemen“ und den „übergreifenden Themen“ eine konsistente Linie zu formen.

Für das weitere Vorgehen ist schließlich wichtig, wie die Entscheidungen die Unternehmensstrategie stützen oder begrenzen. Wenn niedrigere Tarifbestimmungen bei bestimmten Flugbetrieben tatsächlich als Zielbild dienen, dann hängt der Ausgang des Verfahrens stark davon ab, ob die Mediation Regeln schafft, die diese Verschiebung begrenzen oder neu ausgestalten. Damit berührt der Tarifstreit bei der Lufthansa zugleich Fragen, die in vielen Konzernen mit differenzierten Tariflandschaften wiederkehren: Wie lassen sich Leistungsfähigkeit, Kostenstruktur und Beschäftigungsbedingungen in Einklang bringen, ohne die Belegschaft zu zersplittern. Die kommende Schlichtung gibt dafür eine konkrete Bühne, aber entscheidend wird, ob sie auch den Mediationsanteil so weit mitträgt, dass am Ende nicht nur verhandelt wurde, sondern eine tragfähige Einigung entsteht.


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