LONDON (IT BOLTWISE) – Neue psychologische Forschung beschreibt, warum sich emotional abgekoppelte Jugendliche stärker an süchtigmachenden Verhaltensweisen festhalten können. Die Studien führen den Begriff „Sense of Absence“ ein und operationalisieren ihn über eine 14-Item-Skala. In einem großen Stichproben-Setup zeigt sich die Abwesenheitswahrnehmung als zentraler Knoten zwischen Familienkommunikation, Bindungsmustern und unterschiedlichen Suchtformen. Die Ergebnisse liefern damit einen messbaren Ansatz, um Prävention nicht nur über Smartphone- oder Substanzkonsum, sondern über gefühlte soziale Unsichtbarkeit zu denken.

„Sense of Absence“: Neue KI-ähnlich messbare Gefühlsbrücke hinter Teen-Süchten
„Sense of Absence“: Neue KI-ähnlich messbare Gefühlsbrücke hinter Teen-Süchten (Foto: IT BOLTWISE)
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Jugendliche, die sich emotional „nicht gesehen“ fühlen, greifen offenbar häufiger zu Verhaltensmustern, die kurzfristig Entlastung versprechen. Zwei miteinander verknüpfte Arbeiten ordnen dieses Muster jetzt unter dem Konzept „Sense of Absence“ ein: Dabei geht es nicht nur um Einsamkeit oder Leere im allgemeinen Sinn, sondern um ein konkretes subjektives Erleben, das sich wie ein innerer Zwischenraum anfühlt und zugleich aus einer zwischenmenschlichen Perspektive entsteht. Die Studien sind in zwei Fachpublikationen erschienen und bündeln psychometrische Messung mit einer netzwerkbasierten Analyse, um die Stellung dieses Gefühls im Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren zu bestimmen.

Aus technischer Sicht ist besonders interessant, dass die Forschenden nicht bei einer theoretischen Beschreibung bleiben, sondern das Konstrukt über eine neue Skala operationalisieren. Dafür entwickelten sie den „Sense of Absence Scale“ mit 14 Items und testeten ihn zunächst an 1.555 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren in der allgemeinen Bevölkerung Israels. Die Teilnehmenden füllten neben dieser neuen Umfrage weitere etablierte Instrumente aus, darunter Maße zu Online-Süchten, Einsamkeit, Leere, psychischem Schmerz, Hoffnung und suizidbezogenen Gedanken. Damit lässt sich prüfen, ob „Sense of Absence“ lediglich eine verschobene Variante bestehender Belastungsmaße abbildet oder ob es sich um eine eigenständige Dimension handelt.

Die Ergebnisse sprechen für Letzteres: Die Skala funktionierte über Geschlechter und religiöse Hintergründe hinweg konsistent. Statistisch zeigt sich zudem eine überlappende, aber klar trennbare Varianzstruktur. Laut den Angaben in den Studien liegt die gemeinsame Erklärungskraft mit „Leere“ bei etwa 59 Prozent und mit „psychischem Schmerz“ bei etwa 42 Prozent. Gleichzeitig berichten die Forschenden, dass die Skala zwar Überschneidungen mit allgemeiner psychischer Belastung hat, aber nicht darin aufgeht. Inhaltlich lässt sich „Sense of Absence“ demnach als Mischung aus einer intrapersonellen Komponente beschreiben – also innerer Dissoziation, Leere oder dem Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt – und einer interpersonellen Komponente, bei der Jugendliche erleben, dass andere sie nicht wirklich verstehen oder emotional anerkennen.

Im zweiten Schritt wurde mit 2.564 weiteren Jugendlichen (durchschnittlich etwa 16 Jahre) eine breitere Einbettung vorgenommen. Zusätzlich zu Fragen zum „Sense of Absence“ erhoben die Forschenden Bindungsstile sowie die Qualität der Kommunikation mit den Eltern. Auf Verhaltensseite ging es dabei nicht um eine einzelne Form von Sucht, sondern um ein Spektrum: Alkohol- und Drogenkonsum, problematisches Glücksspiel, Shopping-Abhängigkeit, Internet-Gaming-Disorder, problematische Nutzung sozialer Medien, Smartphone-Abhängigkeit, problematische Pornografie-Nutzung und zwanghaft wirkendes sexuelles Verhalten. Um die Wechselwirkungen zwischen all diesen Größen sichtbar zu machen, nutzte Efrati eine statistische Netzwerk-Analyse, bei der zentrale „Hubs“ ermittelt werden.

In dieser Netzwerkstruktur nahm der „Sense of Absence“ eine herausragende Rolle ein. Er erhielt laut Bericht den höchsten Einflusswert und lag dabei etwa 7,8 Prozent über dem zweitwichtigsten Faktor, der hier problematische Nutzung sozialer Medien war. Auffällig ist außerdem die Clusterbildung: Beziehungs- und familienbezogene Variablen wie Bindungsangst, Bindungsvermeidung und die Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen bildeten einen eigenen Block, während die beschriebenen Süchte in getrennten Gruppen aufliefen – etwa Online-bezogene Verhaltensformen einerseits und substanz- oder impulsorientierte Formen andererseits. Genau in diese Lücke setzt die Brückenfunktion: Schlechte Kommunikation und unsichere Bindung stehen demnach nicht primär in direkter, starker Verbindung zu allen Suchtformen, sondern hängen stark mit dem „Sense of Absence“ zusammen, der wiederum das Bindeglied zu den Suchtclustern darstellt. Zugleich betonen die Autorinnen und Autoren, dass die Studie wegen ihres Querschnittsdesigns keine Kausalrichtung beweisen kann und der zeitliche Ablauf offen bleibt.

Für Prävention und Beratung ergibt sich daraus ein handfester Perspektivwechsel. Wenn Fachkräfte und Angehörige bisher vor allem den messbaren Konsum im Blick hatten – etwa Bildschirmzeit, Gaming oder Substanzkonsum –, dann rückt das neue Modell die Frage in den Vordergrund, welche Gefühlslage das Verhalten „kompensiert“: Fühlt sich ein Jugendlicher leer, abgekoppelt und nicht emotional erkannt? In den Limitierungen benennen die Forschenden zudem zwei wichtige Punkte: Zum einen differenziert die neue Skala nicht eindeutig, von wem der Jugendliche sich abwesend bzw. unsichtbar erlebt (Eltern, Freunde oder andere Bezugspersonen). Zum anderen fehlen bisher klinische Cutoffs, sodass sich das Instrument derzeit nicht wie ein Diagnosewerkzeug im Sinne einer klaren Behandlungsindikation einsetzen lässt. Als nächster Schritt wird daher eine longitudinale Prüfung über die Jugendzeit hinweg gefordert, um zu sehen, wie sich der „Sense of Absence“ entwickelt und wie das mit Veränderungen bei Online-Süchten und Substanzkonsum zusammenhängt. Insgesamt liefern die Arbeiten damit eine neue, messbare Brücke, die soziale Einbettung und subjektive „Abwesenheit“ als Schlüssel zwischen Familienkontext und riskantem Verhalten sichtbar macht.

Die Erstpublikationen tragen zwei übergreifende Titel: „Feeling unseen“: Generation and psychometric validation of a scale assessing sense of absence sowie „Filling the void: sense of absence as a comprehensive bridge between attachment, parent–adolescent communication, and addictive behaviors among adolescents. Autorisch werden Yaniv Efrati und Marc N. Potenza genannt. Die Studienbeiträge stellen damit nicht nur ein weiteres Fragebogen-Instrument bereit, sondern liefern zugleich eine Methodik, um psychologische Variablen als Netzwerk zu betrachten – und genau darin liegt der praktische Mehrwert für Forschungsteams, die Präventionsprogramme zielgenauer ausrichten wollen.


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