LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verbindet das Thema Selbstprofilierung am Arbeitsplatz mit sozialer Reaktanz unter Frauen: Wer Erfolge zu direkt kommuniziert, riskiert offenbar Abwertung durch Gleichaltrige. In zwei Experimenten bewerten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausdrückliches Prahlen deutlich schlechter, besonders wenn das Gegenüber eine Frau ist. Frauen wählen in einer zweiten Versuchsanordnung im Schnitt eher bescheidene Antworten wie das Zurückspielen des Kompliments und erwarten dafür weniger negative Konsequenzen. Gleichzeitig zeigt die Arbeit Grenzen des Effekts, weil reale Gespräche, unterschiedliche Geschlechterkontexte und kulturelle Normen eine Rolle spielen.

Dass Selbstwerbung im Job nicht nur fachlich, sondern auch sozial bewertet wird, zeigt eine neue Untersuchung, die in der Zeitschrift Evolutionary Psychological Science veröffentlicht wurde. Im Kern geht es um ein Alltagsdilemma: In vielen Unternehmen entscheidet die Sichtbarkeit mit darüber, wer befördert wird. Gleichzeitig kann das Hervorheben eigener Erfolge in den Augen anderer nach hinten losgehen. Die Studie legt dabei den Fokus auf eine besonders heikle Kommunikationsform – Reaktionen auf Komplimente – und fragt, ob Frauen im Voraus antizipieren, wie Gleichaltrige ihr Verhalten einordnen.
Technisch betrachtet setzt die Arbeit an einer theoretischen Brücke zwischen Rollenbildern und sozialer Bewertung an. Nach der sogenannten Role-Congruity-Theorie gilt in vielen Gesellschaften ein Erwartungsmuster: Frauen sollen eher gemeinschaftlich, kooperativ und zurückhaltend auftreten. Wenn eine Frau in einer agentischen, selbstfördernden Art handelt, kann das als Normverletzung interpretiert werden. Solche Reaktionen können sich in sozialen Strafen äußern, etwa indem die Person als weniger vertrauenswürdig oder weniger sympathisch wahrgenommen wird. Besonders relevant wird das, wenn die Interaktion nicht gemischtgeschlechtlich ist, sondern zwischen Frauen stattfindet, weil hier Konkurrenz um Allianzen und Statuskonkretisierung schneller sichtbar wird.
Um diese Dynamik experimentell greifbar zu machen, führten Forschende um Krystal Duarte (Rutgers University), Jaimie Arona Krems (University of California, Los Angeles) und Jennifer Byrd-Craven (Oklahoma State University) zwei Studien mit Szenarien durch. In Experiment 1 nahmen 838 Studierende teil und lasen eine kurze Situation, in der sie einem gleichgeschlechtlichen Gegenüber einen Kompliment-Satz geben. Das Lob bezog sich entweder auf das Aussehen, die Expertise, die allgemeine Freundlichkeit oder den Job-Erfolg. Entscheidend war nicht nur der Inhalt des Kompliments, sondern wie die empfangende Person darauf reagiert: Es gab zwei „unbescheidene“ Reaktionsformen (z. B. Prahlen bzw. Zustimmung zur eigenen Überlegenheit oder ein neutrales „Danke“) und zwei bescheidenere Varianten (das Lob zurückspiegeln oder den Erfolg auf Glück zurückführen).
Die Auswertung erfolgte über Ratings auf einer 100-Punkte-Skala: Die Teilnehmenden sollten die fiktive Person hinsichtlich Eigenschaften wie Arroganz, Wärme und Freundlichkeit bewerten. Zusätzlich wurde gemessen, wie wahrscheinlich sie einschätzten, dass das Gegenüber sie mag und als Freundschaftspartner wählt. Das Muster war deutlich: Alle Teilnehmenden beurteilten Prahlen grundsätzlich negativ. Gleichzeitig bewerteten Frauen das Prahlen eines weiblichen Gegenübers deutlich schärfer als Männer. Wenn die Zielperson also prahlte, beschrieben Frauen die Person als wesentlich arroganten, weniger warm und weniger wünschenswert für eine Freundschaft; zudem erwarteten sie, dass das Gegenüber sie selbst weniger mögen würde. Umgekehrt schnitt eine Variante am besten ab, bei der die lobende Aussage reflektiert und dem Komplimentgeber gewissermaßen „zurückgegeben“ wurde.
Interessant wurde es vor allem bei den bescheideneren Reaktionen, die zunächst als angemessen klassifiziert wirkten. Eine neutrale Annahme lag in der Zwischenzone: weniger negativ als Prahlen, aber auch weniger positiv als das reflektierende Antwortverhalten. Überraschend negativ fielen dagegen Bewertungen aus, wenn das Lob in Richtung Glück abgelenkt wurde. Die Forschenden vermuten, dass Deflection als Zurückweisung der freundlichen Intention gelesen werden könnte. Wer ein Kompliment nicht annimmt, könnte aus Sicht der Empfängerrolle als abweisend oder wenig an einer Verbindung interessiert erscheinen. In der Logik der Studie wird damit nicht nur „Unbescheidenheit“ bestraft, sondern auch die Art, wie Bescheidenheit kommuniziert wird.
Experiment 2 verschob den Schwerpunkt von Bewertung zu Antizipation. Hier waren 505 Studierende beteiligt, die sich vorstellten, selbst ein Kompliment von einer gleichgeschlechtlichen Person zu erhalten. Das Kompliment war auf zwei sichtbare Statusanker beschränkt: Aussehen oder Job-Erfolg. Die Teilnehmenden sollten angeben, welche der vier Antworttypen sie in der Situation am ehesten wählen würden, und zusätzlich bewerten, welche Reaktion des Komplimentgebers sie erwarten würden. Ziel war die Frage, ob Frauen ihr Verhalten proaktiv an mögliche soziale Konsequenzen anpassen – also ob die im ersten Experiment beobachteten Sanktionen im Kopf „modelliert“ werden.
Das Ergebnis deutet auf eine solche Antizipationsleistung hin, zumindest im Durchschnitt. Frauen entschieden sich deutlich häufiger für bescheidene Reaktionen, vor allem für die Variante, die das Kompliment zurückspiegelt. Männer wählten im Vergleich häufiger neutrale Annahme oder auch Prahlen. Noch deutlicher wurde die erwartete Bewertung: Frauen gingen davon aus, dass unbescheidene Antworten zu wesentlich härteren sozialen Strafen führen würden – das Gegenüber würde sie als arrogant, kalt und unlikable einschätzen. Außerdem erwarteten Frauen, dass der Komplimentgeber daraus schließt, dass kein Interesse an Freundschaft besteht. Bemerkenswert ist dabei die Kontextsensitivität: Der erwartete harsche Effekt war am stärksten, wenn es um das Aussehen ging. Die Forschenden begründen das damit, dass körperliche Attraktivität stärker mit „mate value“ und sozialem Vergleich verknüpft sein kann, wodurch die Peer-Interaktion besonders störanfällig wird.
Die Studie arbeitet allerdings mit Grenzen, die für die Interpretation wichtig bleiben. Die Teilnehmenden reagierten auf hypothetische schriftliche Szenarien, während in echten Gesprächen nonverbale Signale stark steuern, wie „Selbstlob“ verstanden wird. Ein Satz, der auf Papier wie Prahlerei wirkt, kann im Tonfall, mit Lächeln und Gestik als Scherz oder als humorvolle Selbstironie ankommen. Zudem untersuchte die Arbeit nur gleichgeschlechtliche Interaktionen. In gemischtgeschlechtlichen Umfeldern können sich die sozialen Regeln verschieben, und zukünftige Forschung müsste klären, ob Frauen Männer anders bewerten als Frauen. Auch kulturelle Unterschiede sind plausibel: Die Forschenden verweisen darauf, dass in manchen ostasiatischen Kulturen die Abwertung eigener Erfolge stärker betont wird als in westlichen Kontexten. Dadurch könnte sich auch zeigen, ob die negative Lesart von „Deflection“ ein typisch westliches Muster ist.
Trotz dieser Einschränkungen liefert die Arbeit eine handfeste Perspektive auf moderne Arbeitsumgebungen. Wenn Unternehmen zwar eine kultur der Eigeninitiative und des Auftretens belohnen, gleichzeitig aber soziale Sanktionen für zu direkte Selbstprofilierung wirken können, entsteht eine Art Balanceakt: Frauen müssen den Spagat zwischen Karrierefortschritt und dem Erhalt sozialer Netzwerke navigieren. Die Ergebnisse machen damit weniger aus einem „Charakterdefizit“ eine Kommunikationsstrategie, sondern aus Bescheidenheit eine steuerbare Reaktion auf erwartete Reziprozität und Gruppennormen. Für Führungskräfte, HR-Teams und Organisationsentwickler liegt die praktische Herausforderung darin, dass Sichtbarkeit nicht automatisch mit sozialer Kompetenz verwechselt werden sollte – und dass Umgebungen, in denen Erfolge klar benannt werden, nicht automatisch als Angriff auf den Status anderer gelesen werden.
Die Studie trägt den Titel „Strategic Modesty in Women’s Same-Gender Interactions: Response to Compliments and Anticipated Backlash“ und wurde von Duarte, Krems und Byrd-Craven verfasst. Für die KI-gestützte Assistenz im Recruiting oder in Lernanwendungen ist das Thema besonders relevant, weil Kommunikationsmuster nicht isoliert bewertet werden sollten: Kontext, Tonalität, Zielgruppe und die erwartete soziale Lesart bestimmen, ob eine Formulierung als professionell oder als „zu viel“ ankommt. Genau an dieser Stelle kann moderne Wissensarbeit die Lücke zwischen formaler Leistung und sozialer Wahrnehmung zumindest teilweise überbrücken, indem sie Trainings und Vorlagen stärker auf Wirkungskontexte ausrichtet.
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