LONDON (IT BOLTWISE) – Unternehmen müssen den Einsatz von KI in Recruiting, Gehaltsfindung und Kündigungsprozessen deutlich neu ausrichten. Die DSGVO verbietet rein automatisierte Entscheidungen mit Kündigungsbezug und verlangt eine menschliche Letztentscheidung. Gleichzeitig stuft der EU AI Act KI-Anwendungen im Personalwesen als Hochrisiko-Fälle ein und verschärft damit Transparenz-, Governance- und Aufsichtspflichten. Für viele HR- und Compliance-Teams verschieben sich damit nicht nur technische Anforderungen, sondern auch die internen Prüf- und Dokumentationsroutinen.

KI im Personalwesen: EU AI Act macht Recruiting und Kündigungen strenger
KI im Personalwesen: EU AI Act macht Recruiting und Kündigungen strenger (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Personalwesen wirkt KI längst wie ein operativer Hebel: Kandidatenprofile werden schneller gesichtet, Gehaltsbänder können auf Basis größerer Datenmengen vorgeschlagen und wiederkehrende Verwaltungsschritte automatisiert werden. Genau diese Versprechen treffen jedoch auf einen Rahmen, der technische Effizienz und rechtliche Kontrolle zusammenzieht. Zentral ist dabei die Kombination aus DSGVO-Regeln zu Entscheidungen im Beschäftigungskontext und den Pflichten aus der EU-KI-Verordnung, die für Personalprozesse einen besonders strengen Modus vorsieht. Wer Bewerberdaten algorithmisch bewertet, muss nicht nur die Modellgüte im Blick haben, sondern auch die Frage, wer am Ende verantwortlich entscheidet und wie nachvollziehbar der Weg dorthin ist.

Rechtlich liegt der Kern der DSGVO-Anforderung in Artikel 22: Rein automatisierte Entscheidungen, die eine Kündigung zum Ziel haben, sind unzulässig. In der Praxis heißt das, dass HR-Workflows so designt werden müssen, dass eine natürliche Person die Letztentscheidung trifft und nicht lediglich eine KI-Score als „Endstufe“ ausspielt. Der EU AI Act verschärft den Kontext zusätzlich, weil KI-Systeme im Personalwesen als Hochrisiko-Anwendungen eingeordnet werden. Damit steigen die Erwartungen an Transparenz, Governance sowie an die menschliche Aufsicht. Auch die zeitliche Staffelung ist relevant: Bestimmte Praktiken sind bereits seit dem 2. Februar 2025 untersagt, darunter die Emotionserkennung am Arbeitsplatz. Weitere Pflichten für Betreiber und Entwickler greifen am 2. August 2026, spezifische Anforderungen für Hochrisiko-KI werden ab dem 2. Dezember 2027 verbindlich.

Während viele Unternehmen ihre KI-Implementierungen organisatorisch aufsetzen, zeigen laufende Rechtskonflikte, wo es inhaltlich hakt. In den USA sieht sich das Unternehmen Eightfold AI einer Klage der Bewerberin Erin Kistler ausgesetzt; im Kern richtet sich der Vorwurf auf fehlende Transparenz und mangelnde Korrekturmöglichkeiten bei der automatisierten Bewertung. Die Software bewertet Bewerber anhand einer Skala von 0 bis 5 und verarbeitet dabei Daten von über einer Milliarde Arbeitnehmern. Der Punkt ist weniger die Existenz eines Scoring-Systems als vielmehr die Frage, ob Betroffene nachvollziehen können, warum ein Ergebnis entsteht, und ob es eine echte Möglichkeit zur Korrektur gibt, statt nur eine formale Einspruchsoption bereitzustellen. Auch andere große Tech-Anbieter geraten in den Fokus: Meta wird wegen KI-gestützter Entlassungen während Elternzeit oder Krankheit kritisiert, gegen IBM wurden Vorwürfe der Altersdiskriminierung erhoben. Für HR-Abteilungen bedeutet das: Selbst wenn die technischen Modelle „nur“ Empfehlungen erzeugen, kann die rechtliche Bewertung darauf hinauslaufen, dass die Nutzerrolle und die Aufsicht über den Prozess konkretisiert werden müssen.

Damit stellt sich die praktische Umsetzungsfrage auch in Deutschland sehr schnell: Welche Eingangs- und Zustimmungslogik müssen Systeme abbilden, damit Kandidatenstatus rechtssicher entsteht? Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein hat mit Urteil vom 15. Januar 2026 (Az. 4 Sa 62/25) konkrete Anforderungen an den Zugang von Bewerbungen herausgearbeitet. Eine Lesebestätigung belegt demnach nicht automatisch den rechtssicheren Zugang einer Bewerbung samt Anhang. Ein Bewerberstatus im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes entsteht nur dann, wenn die Bewerbung über den vorgesehenen Kanal rechtlich zugegangen ist. Bis zur Klärung durch eine Revision beim Bundesarbeitsgericht (Termin: 18. März 2027) bleibt für Unternehmen damit ein Risiko bestehen, wenn HR-Technik zwar „technisch“ funktioniert, rechtlich aber nicht die relevanten Zugangsvoraussetzungen abbildet.

Parallel dazu wächst der Druck, KI trotz der Hürden produktiv einzusetzen. Laut Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind 86 Prozent der Aufgaben von Personalsachbearbeitern automatisierbar. In einer Umfrage der Unternehmensberatung Kienbaum nutzen 35 Prozent der Unternehmen KI bereits im Recruiting, weitere 26 Prozent planen den Einsatz. Dazu kommt eine weitere Effizienzwahrnehmung aus der Praxis: In einer Befragung von 3Gem und Adobe unter 1.500 Berufstätigen gaben 67 Prozent der Nutzer an, durch KI bis zu acht Stunden Arbeitszeit pro Woche einzusparen. Genau hier setzt auch die betriebliche Mitbestimmung an: Ein Beschluss des Koalitionsausschusses vom 2. Juli 2026 sieht vor, die IT-Mitbestimmung gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG für die Einführung von KI-Systemen einzuschränken, um Implementierungsprozesse zu beschleunigen. Unabhängig von dieser politischen Zielrichtung werden Unternehmen aber weiterhin sicherstellen müssen, dass Governance und menschliche Aufsicht im Alltag funktionieren – nicht nur in Dokumenten.

Neben Recruiting und Kündigungsnähe rückt auch die Entlohnung als algorithmisches Risiko in den Fokus. Wissenschaftliche Untersuchungen, darunter Arbeiten an der Universität Bielefeld, deuten auf Herausforderungen hin: Simulationen mit lernenden Algorithmen zeigten, dass solche Systeme auf Online-Plattformen kollusionsähnlich niedrige Löhne erzeugen können, ohne dass explizite Absprachen zwischen Arbeitgebern vorliegen. Für die Wettbewerbsregulierung ist das relevant, weil Ergebniswirkungen entstehen können, die nicht durch klassische „Abstimmungsfälle“ erklärbar sind. In den USA nutzen bereits 78 Prozent der Unternehmen KI-Unterstützung bei Entscheidungen über Gehaltserhöhungen. Gleichzeitig bleibt die Akzeptanz in der Rechtsberatung differenziert: Einige Kanzleien lehnen KI für Mandatsarbeit wegen Haftungsbedenken ab, andere setzen auf eine frühzeitige Integration in die Ausbildung. Auf der Umsetzungsebene setzen Startups wie LegesAI auf Infrastrukturen mit lokalen Sprachmodellen und dem Human-in-the-Loop-Prinzip, um eine datenschutzkonforme Anonymisierung sensibler Mandantendaten zu ermöglichen.

Für die nächsten Schritte im Unternehmen sollten Verantwortliche daher weniger nach „einer“ KI-Strategie suchen, sondern nach klaren Kontrollpunkten entlang des gesamten Prozesspfads. Das betrifft die Datenbasis (welche Arbeitnehmer- und Bewerberdaten fließen ein), die Transparenz gegenüber Betroffenen (wie nachvollziehbar bleibt ein Ergebnis), sowie die technische und organisatorische Aufsicht, die im EU AI Act und in der DSGVO-Zielrichtung angelegt ist. Besonders wichtig wird zudem, ob Workflows so umgesetzt sind, dass menschliche Entscheidungen tatsächlich vorgesehen sind und nicht nur als nachgelagerte Formalie. Wer sich frühzeitig auf diese Punkte konzentriert, reduziert nicht nur Rechtsrisiken, sondern verbessert häufig auch die Datenqualität und die Modellvalidierung – denn Governance verlangt letztlich, dass Systeme erklärbar und überprüfbar bleiben.


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