LONDON (IT BOLTWISE) – In den US-Trades stellen Frauen weniger als 5% der Beschäftigten. Das Startup Move Over Bob setzt genau dort an: Mit einer Print-Magazin-Reihe, die in Schulen und Ausbildungszentren verteilt wird, will es schon früh Interesse wecken. Gründerin Kate Glantz hat selbst eine Vor-Ausbildung absolviert und zeigt, wie sich Berufe über konkrete „Hands-on“-Momente entmystifizieren. Der Ansatz verbindet Berufsorientierung, Storytelling und praktische Vorbilder – inklusive der realen Herausforderungen auf dem Bau- und Werkstattgelände.

Startup Move Over Bob: Wie eine Medienmarke mehr Frauen in die Trades bringen will
Startup Move Over Bob: Wie eine Medienmarke mehr Frauen in die Trades bringen will (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahlen wirken erst nach einem zweiten Blick harmlos, sind es aber nicht: Frauen machen in den USA weniger als 5% der Beschäftigten in den „skilled trades“ aus. In der Unterhaltung wird dabei oft so getan, als sei die Lücke vor allem ein Einstellungsproblem auf Firmenebene. Move Over Bob dreht die Perspektive nach vorn – und adressiert das Thema als Kultur- und Pipeline-Frage. Im Kern will das Startup eine Medienmarke aufbauen, die nicht erst im Bewerbungsgespräch überzeugt, sondern schon davor: bei Mädchen, die sich noch nicht sicher sind, ob „Handwerk“ überhaupt zu ihnen passt, und bei jungen Frauen, die zwar im System sind, aber Unterstützung in der Wahrnehmung und im Zusammenhalt brauchen.

Gründerin Kate Glantz bringt für diese Strategie eine seltene Kombination mit: Medien- und Marketingerfahrung auf der einen Seite, praktische Lernerfahrung auf der anderen. Sie beschreibt, wie sie zwar beruflich „funktioniert“ hatte, aber bei Alltagsproblemen wie einem undichten Wasserhahn nicht einmal einschätzen konnte, welches Werkzeug dafür nötig ist. Genau daraus leitet sie die Idee ab, die Kompetenzgrenze nicht nur theoretisch, sondern körperlich zu erkunden. Sie registrierte sich für eine einsemestrige Vor-Ausbildung (Pre-Apprenticeship) am Mesa Community College und lernte dort unter anderem das „Framing“ eines Hauses sowie den Umgang mit Power Tools und Handwerkzeugen. Für ihre spätere Arbeit als Storytellerin ist dabei entscheidend: Sie muss nicht mehr erklären, wie sich eine Arbeit „anfühlt“, weil sie sie selbst in der Hand hatte – von der praktischen Wirkung eines Sägeblatts bis zur sofort sichtbaren Konsequenz, dass ein Schnitt tatsächlich zwei Teile erzeugt.

Technisch betrachtet klingt das nach Pädagogik, ist aber auch ein Prozessdesign. Move Over Bob nutzt ein mehrstufiges Format aus Print, Interviews und Live-Demos, das genau die kognitiven Hürden adressiert, die sich in vielen Biografien wiederholen: Unsicherheit, fehlende Vorbilder, und die Annahme, solche Berufe seien nur „Familientradition“. Glantz nennt als Beispiele, dass Elektriker in den genannten Schätzungen etwa zu 2% weiblich besetzt sind und bei Plumbers etwa 1% erreicht werden. Damit wird klar, warum reine Werbekampagnen häufig verpuffen: Wenn das Umfeld kaum sichtbare Rollenmodelle bietet, bleibt die eigene Vorstellungskraft schwach. Das Magazin soll daher in „tausenden“ Schulen und Klassenzimmern landen, ergänzt durch Inhalte aus Interviews und Fotoproduktionen mit Tradeswomen sowie durch Veranstaltungen, die mit Assemblies in Schulen, Panels und praktischen Vorführungen arbeiten.

In der Praxis läuft das besonders gut über Micro-Moments. Glantz beschreibt, wie sie bei Schulbesuchen zunächst mit einer klaren Moderation die Aufmerksamkeit schnell auf die Kernaussage bringt: Tradeswomen sollen früh und möglichst „real“ auftreten – ohne inszenierte Distanz. Häufig seien die Mädchen zu Beginn noch zögerlich und könnten nicht genau greifen, was als Nächstes passiert. Dann kommt die Demo-Phase, etwa wenn Elektrikerinnen oder andere Fachkräfte Kabel- oder Installationsarbeiten zeigen und im Anschluss jemand aus dem Publikum selbst ansetzen darf. Eine 14-Jährige meldete sich freiwillig und fand die Aufgabe „leichter als erwartet“; für das Publikum ist genau diese Beobachtung der Trigger, denn sie verschiebt das mentale Modell von „harter Hürde“ zu „machbar, wenn man den Einstieg kennt“. Auch zwei 19-jährige Elektrikerinnen, Schwestern, formulieren die Dynamik über Humor („Ich bin die reichere Freundin“), und Glantz nutzt solche Aussagen, um den ökonomischen und lebenspraktischen Nutzen sichtbar zu machen: Es geht nicht nur um Einkommen, sondern darum, dass Trades-Profis über ihre Arbeit eigene Entscheidungen finanzieren können, etwa Reisen oder den Erwerb von Wohneigentum.

Der technische Kern des Problems liegt jedoch nicht in der Mechanik der Werkzeuge, sondern in der Eintrittsarchitektur: Viele junge Menschen erhalten Einblick nur dann, wenn Familie oder Umfeld das Handwerk direkt vermittelt. Glantz beschreibt außerdem, dass mainstreamige Medien und Schulnarrative die Wahrnehmung kaum verändern. Das wirkt wie ein struktureller Engpass in der Talentpipeline, der sich später in Retention-Problemen fortsetzt. Move Over Bob positioniert sich deswegen als „Top of the funnel“: Begeistern, reinholen, und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass aus Interesse Ausbildung wird. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass es nicht nur um die Rekrutierung geht, sondern auch darum, wie der Alltag auf dem Jobsite tatsächlich funktioniert. Dabei nennt sie Barrieren, die in diesem Umfeld verbreitet sind – inklusive Diskriminierung und sexualisierter Belästigung. Aus ihrer Sicht müssen Männer und etablierte Teams aktiver Räume inklusiv und sicher gestalten, und das nicht als Nebenkriegsschauplatz, sondern als kulturelle Pflichtaufgabe. Die Organisation selbst versucht, genau hier emotionalen Rückhalt zu geben: „Du bist vielleicht die einzige Frau auf dem Bauplatz, aber du gehst diesen Weg nicht allein.“

Historisch betrachtet sind solche Programme in den Trades nicht neu; häufig scheitern sie jedoch daran, dass sie nur eine Variable verändern. Wenn ein System über Jahre nur bestimmte Rollenbilder belohnt, reichen Informationsflyer oder ein einmaliges Event selten aus. Der Ansatz von Move Over Bob kombiniert hingegen mehrere Hebel: Medienpräsenz für eine frühere Phase, die Gleichzeitigkeit von Interviews und visuellen Belegen durch Fotostrecken, sowie die Live-Demo als Kontrast zur abstrakten Vorstellung. Die Stiftungselemente – etwa die Verteilung in Schul- und Klassenumgebungen sowie in union training centers oder trade schools – zielen darauf, das Thema in die Lernroutine zu bringen. Interessant ist dabei auch, dass die Gründerin ihre eigene Weiterbildung als Argument für höhere Bildung in anderen Formen darstellt: Eine Vor-Ausbildung mit Stunden im Betrieb und begleitenden Lerninhalten ersetzt nicht „Lernen“, sondern verändert dessen Form. Für sie ist entscheidend, dass Trades Disziplin und kritisches Denken einfordern: etwa wenn Erstlehrlinge zu Zeiten starten müssen, in denen viele Bürokarrieren noch schlafen, und dennoch Ausbildung strukturiert bleibt.

Für Unternehmen und Organisationen steckt darin eine nüchterne, aber umsetzbare Lehre: Wer Fachkräfte sucht, darf nicht nur Stellenanzeigen optimieren. Wenn der Markt gleichzeitig vor einer echten Workforce-Krise steht, dann verschiebt sich die Wettbewerbsdynamik in Richtung Talentmarketing und Onboarding-Design – und zwar bevor ein Kandidat überhaupt „Bewerber“ ist. Move Over Bob zeigt, wie Storytelling als Eintrittsinfrastruktur funktionieren kann: Nicht als PR, sondern als Übersetzungsleistung zwischen Arbeitswelt und Lebenswelt. In einer Zeit, in der viele Branchen ohnehin um Nachwuchs kämpfen, ist das besonders relevant für die Trades, weil dort Vorurteile und fehlende Vorbilder die größten Kostenblöcke darstellen. Das Startup nutzt diese Lücke, indem es Sichtbarkeit erzeugt, Stereotype testet und durch praktische Übungen korrigiert. Und es behält dabei die reale Welt im Blick: Werkzeug ist kein Symbol, sondern ein Gegenstand, an dem sich Kompetenz tatsächlich entscheidet.

Ob der Ansatz skaliert, hängt weniger von der Idee als von der Umsetzung ab: Print muss zuverlässig ankommen, Inhalte müssen aktuell bleiben, und die Live-Programme brauchen wiederkehrende Partnerstrukturen in Schulen und Ausbildungszentren. Gleichzeitig entsteht mit jeder Veranstaltung eine Art Feedbackschleife, weil die Interaktion mit dem Publikum die wichtigsten Fragen offenlegt: Was hält Mädchen zurück? Welche Missverständnisse tauchen immer wieder auf? Und was lässt sich mit einer einzigen Demo in Minuten korrigieren? Genau an dieser Stelle liegt der Mehrwert für den Arbeitsmarkt: Nicht „mehr Aufmerksamkeit“ im allgemeinen Sinn, sondern bessere Passung zwischen Motivation und Einstieg. Move Over Bob wirkt dabei wie ein frühes Beispiel für eine umfassendere Entwicklung in der Berufsbildung: Medienformate werden zu einem funktionalen Baustein, der Talente nicht nur beschreibt, sondern konkret in Richtung Ausbildung lenkt. Damit bleibt der Blick klar auf das Ziel gerichtet – mehr Frauen in die Trades zu bringen und die Pipeline so zu stabilisieren, dass aus Interesse langfristig Karriere wird.


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