LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere deutsche Konjunktur-Institute sehen die Talsohle hinter sich und schätzen für 2026 sowie 2027 spürbar höhere Wachstumsraten. Das Ifo-Institut erwartet für 2026 ein Plus von 1,4 Prozent und für 2027 von 1,2 Prozent. Das Kieler IfW hebt die Erwartung für 2026 auf 1,3 Prozent an. Gleichzeitig warnen mehrere Institute vor dauerhaft hohen Energiepreisen, Bürokratie und Belastungen für den privaten Konsum.

Die Herbstprognosen zur deutschen Konjunktur lesen sich aktuell weniger wie ein Abgesang als wie eine Korrektur nach oben: Nach Jahren mit Rezession, Stagnation und nur zögerlichem Wachstum geht es in den Modellen der Institute wieder fester voran. Das Ifo-Institut rechnet für 2026 mit einem BIP-Wachstum von 1,4 Prozent; für 2027 nennt es 1,2 Prozent. Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zieht die Erwartungen an: Für 2026 werden 1,3 Prozent angesetzt, nach zuvor nur 0,8 Prozent im Sommer. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie nachhaltig die Erholung ist und über welche Kanäle sie wirklich trägt.
Im Kern verschiebt sich die Dynamik sichtbar Richtung Export- und Industrieschub. Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erwartet für 2026 ebenfalls 1,3 Prozent, nachdem im Juni lediglich 0,8 Prozent prognostiziert worden waren. Für 2027 nennt das RWI sogar 1,1 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus Berlin hatte seine Schätzung für 2026 bereits auf 1,2 Prozent verdoppelt. Diese Breite in den Prognosen ist bemerkenswert, weil sie weniger auf einzelne Sondereffekte setzt, sondern auf eine allgemein verbesserte Ausgangslage – auch wenn sie sich regional und branchenspezifisch unterschiedlich anfühlt.
Konkrete Belege aus der jüngeren Entwicklung liefert die Exportseite. So beschreibt das RWI, dass die deutsche Wirtschaft dank der Exporte besser durch das erste Halbjahr gekommen sei als anfangs erwartet. Für das erste Quartal nennt es einen Anstieg der Exporte um 2,4 Prozent und für das zweite Quartal um 2,0 Prozent. Besonders kräftig habe sich dabei die Nachfrage aus Ländern der Europäischen Union gezeigt; zugleich zeichne sich nach einer Beruhigung im Handelskonflikt auch bei den Ausfuhren in die USA eine Erholung ab. In der Praxis heißt das: Unternehmen können wieder häufiger planen, weil Orderbücher und Lieferzeiträume weniger stark in Schwingung geraten als noch zuvor.
Der Blick auf einzelne Sektoren zeigt allerdings auch, wie ungleich der Weg zur Normalisierung verläuft. Die Chemieindustrie meldet laut Branchenverband VCI im zweiten Quartal erstmals seit drei Jahren spürbar höhere Umsätze, und zwar um 7,3 Prozent. Als Gründe nennt der Verband eine leicht gestiegene Produktion und gestiegene Preise. Die Preis- und Absatzimpulse verknüpft der VCI dabei mit kriegsbedingten Lieferkettenproblemen der Konkurrenz aus Asien und dem Nahen Osten, insbesondere weil viele Wettbewerber stärker auf Transporte durch die Region um Hormus angewiesen sind und in Deutschland die Lager bereits gefüllt seien. Gleichzeitig bleibt die Warnung: Diese Entwicklung sei laut Verband nur eine Atempause, kein struktureller Dauerzustand.
Während die Wachstumszahlen also nach oben korrigiert werden, bleiben die strukturellen Bremsen bestehen. Das RWI nennt hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie und eine schwache Wettbewerbsfähigkeit als Faktoren, die Deutschland weiter ausbremsen. Das IfW richtet den Fokus zusätzlich auf Rückschläge, die aus den Folgen des Iran-Konflikts entstehen können – und damit auch auf den privaten Konsum, der in Deutschland rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht. Entsprechend bleiben Belastungen für Verbraucherinnen und Verbraucher voraussichtlich spürbar: Das IfW erwartet für 2026 wie auch für das Folgejahr eine Inflationsrate von 2,7 Prozent, was Kaufkraftverluste bedeutet und den Konsum dämpft. Das Ifo-Institut geht sogar von 2,8 Prozent Inflation für 2026 und 3,0 Prozent für das kommende Jahr aus; besonders Strom und Gas könnten im Winter nochmals teuer werden.
Auch am Arbeitsmarkt zeigt sich ein gemischtes Bild: Der Stellenabbau hält laut Angaben aus der Branche an. So sollen allein in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie in der ersten Jahreshälfte 11.000 Arbeitsplätze abgebaut worden sein, und für die kommenden Monate sei eine Fortsetzung des Trends zu erwarten. In Fahrzeugbau und bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen sei die Lage besonders angespannt. Gleichzeitig blendet das IfW einen zweiten Effekt nicht aus: Die Alterung der Gesellschaft überlagere die Entwicklung zunehmend. Dadurch sinke zwar die Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent im laufenden Jahr auf 6,0 Prozent im Jahr 2028, doch die Erwerbstätigkeit gehe wegen des abnehmenden Arbeitskräftepotenzials zurück. Das ist wirtschaftspolitisch relevant, weil Wachstum dann stärker an Produktivität und Qualifizierung gebunden bleibt.
Eine wirtschaftliche Erholung, die sich nur als „Zahlenplus“ darstellen lässt, wäre in diesem Umfeld zu kurz gegriffen. Für Investoren und Entscheider ist entscheidend, ob die Verbesserungen aus der Export- und Industriekomponente heraus tatsächlich in eine breitere Binnenstabilisierung übergehen – oder ob hohe Energiepreise, Bürokratie und Konsumzurückhaltung die Skalierung begrenzen. Dass einzelne Prognosen zugleich Rückhalt signalisieren und warnen, zeigt sich auch bei der Exporterwartung: Das Ifo rechnet im Gesamtjahr 2026 beim Export mit einem Plus, während ein Ifo-Ökonom auf die massiven Marktanteilsverluste der vergangenen Jahre verweist und den Effekt relativiert. Für die Umsetzung heißt das: Unternehmen sollten jetzt besonders auf Kostenstruktur, Energieeffizienz und Resilienz in Lieferketten achten, während sie Chancen aus vorübergehend verschobenen Marktbedingungen pragmatisch nutzen.
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