LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Pew-Umfrage nehmen in den USA fast acht von zehn Erwachsenen mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein. Besonders häufig sind Proteinpräparate, die laut Befragung ein Drittel nutzen, sowie Vitamine und Mineralstoffe. Medizinische Fachleute zweifeln jedoch bei vielen Produkten an einem nachgewiesenen gesundheitlichen Mehrwert. Gleichzeitig steigt die Nachfrage über die Jahre hinweg weiter an, auch wenn Risiken durch Überdosierungen und Wechselwirkungen nicht verschwinden.

Studie: 80 Prozent der US-Amerikaner nehmen Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen bleibt umstritten
Studie: 80 Prozent der US-Amerikaner nehmen Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen bleibt umstritten (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine Pew-Umfrage macht sichtbar, wie tief Nahrungsergänzungsmittel in den Alltag vieler Menschen in den USA eingezogen sind: Von den 3.554 befragten Erwachsenen gaben 31 Prozent an, Proteinpräparate wie Pulver, Bars oder Drinks zu verwenden. Insgesamt liegt der Anteil derjenigen, die mindestens ein Supplement nehmen, laut der Erhebung bei knapp acht von zehn. Das ist bemerkenswert – nicht nur wegen der hohen Nutzungsrate, sondern auch, weil medizinische Fachleute den tatsächlichen Nutzen vieler dieser Produkte deutlich kleiner einschätzen als die Erwartungen, die sich in Werbung und Social Media aufbauen.

Was genau konsumiert wird, zeigt die Umfrage in weiteren Segmenten: Vitamine und Mineralstoffe standen bei 67 Prozent der Teilnehmer auf der Liste der verwendeten Supplement-Typen. Etwa 25 Prozent nahmen Omega-3-Präparate in Form von Fischöl oder Krillöl ein, und knapp 20 Prozent griffen zu pflanzlichen Erzeugnissen, darunter Ginseng oder Ashwagandha. Die Diskussion entzündet sich dabei an der Lücke zwischen Marktkommunikation und Evidenz. Für viele Produkte gebe es nur begrenzte oder keine belastbaren Daten, um einen messbaren gesundheitlichen Mehrwert zu belegen, sagt unter anderem Dr. Pieter Cohen. Sein Punkt ist dabei nicht pauschales Misstrauen gegenüber Supplementen, sondern die fehlende Wirksamkeitsnachweisführung für einen großen Teil des Marktes.

Der Nutzen ist aus Sicht vieler Ärztinnen und Ärzte kontextabhängig. Dr. Eric Topol betont in diesem Zusammenhang, dass es durchaus gute Gründe geben kann, Supplemente gezielt einzusetzen – etwa bei nachgewiesenen Nährstoffmängeln oder im Bereich bestimmter Präventions- und Risikosituationen. Allerdings sei das laut seiner Einschätzung die Minderheit. Bei Omega-3-Präparaten etwa würden Menschen häufig eine positive Wirkung auf Herz- oder Gehirngesundheit erwarten, doch viele klinische Studien hätten in der Vergangenheit die erhofften Effekte nicht sauber bestätigt. Für Proteinpräparate gilt laut Topol ein ähnliches Muster: Die häufig geäußerte Sorge, man bekäme „zu wenig“ Protein, passe oft nicht zur Realität typischer Ernährungsgewohnheiten.

Technisch betrachtet liegt die Ursache dieser Erwartungsspirale weniger in der Biochemie als in der Verknüpfung von vereinfachten Wirkversprechen mit konkreten Konsumprodukten. Wenn Menschen über Influencer oder Plattformen den Eindruck gewinnen, sie müssten deutlich mehr Protein aufnehmen als üblich empfohlen, verschiebt sich die Nachfrage in Richtung Supplemente – auch ohne dass dadurch zwangsläufig ein zusätzlicher Nutzen entsteht. Stuart Phillips, Professor für Kinesiologie an der McMaster University, ordnet zudem ein, dass der Anstieg bei Frauen im Vergleich zu früheren Mustern überraschend war. Als mögliche Erklärung nennt er mehr Aufmerksamkeit für Proteinbedarfe auf Social Media; daneben könne auch die medizinische Landschaft eine Rolle spielen: Die wachsende Verbreitung von GLP-1-basierten Medikamenten führt zu der Annahme, zusätzlicher Proteinkonsum könne Muskelverlust abfedern. Phillips stellt gleichzeitig klar, dass für Muskelaufbau und -erhalt vor allem Widerstandstraining wichtiger sei als die reine Supplementmenge – und dass proteinreiche Lebensmittel in der Regel mehrere begleitende Nährstoffe liefern.

Die Entwicklung ist allerdings nicht nur ein Momentbild. Forschung, die auf großen Zeitreihen beruht, deutet darauf hin, dass der Supplementkonsum in den letzten Jahrzehnten stärker geworden ist: Eine Studie von Elizabeth Kantor und Kolleginnen und Kollegen, die im Juni veröffentlicht wurde und mehr als 63.000 US-Erwachsene betrachtete (Befragung zwischen 1999 und 2023), kommt auf einen Anstieg von 51 Prozent auf 60 Prozent. Gleichzeitig zeigen sowohl die Pew-Daten als auch diese größere Auswertung: Der Anteil der Supplementnutzer ist bei Menschen ab 65 Jahren am höchsten. Dr. Cohen beschreibt das als plausibel, weil Ärztinnen und Ärzte häufig Multivitamine sowie Calcium oder Vitamin D empfehlen – wobei die Evidenzlage für einzelne Präparate insgesamt gemischt bleibt. Gerade deshalb wird die Frage nach der richtigen Indikation zu einem zentralen Entscheidungsfaktor, statt „mehr“ automatisch als „besser“ zu betrachten.

Neben der Evidenzseite spielt auch der regulatorische und risikotechnische Teil eine Rolle, denn Supplements sind nicht gleichbedeutend mit Arzneimitteln. Gretchen Zimmermann, registrierte Ernährungsberaterin und Sprecherin der Academy of Nutrition and Dietetics, weist darauf hin, dass Unternehmen ihre Produkte vor dem Verkauf nicht in jedem Fall mit dem gleichen Maß an Nachweisen zur Sicherheit und Wirksamkeit belegen müssen wie bei pharmazeutischen Anwendungen. Das bedeutet nicht, dass Supplemente grundsätzlich gefährlich sind, aber es verlagert die Verantwortung in der Praxis stärker zu Fachpersonal und Patientinnen und Patienten. Mögliche Risiken nennt Zimmermann konkret: Toxizität durch hohe Dosen von Vitaminen oder Mineralstoffen, Leberschäden durch bestimmte pflanzliche Supplemente sowie Wechselwirkungen mit Medikamenten. Ihr Fazit ist pragmatisch: Wer Supplemente erwägt, sollte das vorher ärztlich oder ernährungsfachlich abklären.

Für Unternehmen und Produktverantwortliche ist die große Zahl des Marktes gleichzeitig Chance und Risiko: Der globale Supplementmarkt wird laut Grand View Research auf rund 228 Milliarden US-Dollar geschätzt. Topol beschreibt viele dieser Produkte allerdings als wirtschaftlich problematisch, weil der belegte Nutzen fehle. Selbst wenn einzelne Produkte funktionieren, entsteht in der Breite ein Spannungsfeld zwischen Umsatzlogik, Convenience-Kauf und wissenschaftlicher Validierung. In der Praxis könnte das den Druck erhöhen, Studienqualität und Produktkommunikation stärker voneinander zu entkoppeln: Nicht jedes Etikett benötigt eine Heilversprechen-Story, aber jede wirksame Anwendung braucht nachvollziehbare Daten. Für Konsumenten entscheidet am Ende nicht die Menge oder die Popularität im Feed, sondern die Frage, ob ein konkreter Bedarf vorliegt – und wie gut sich dieser Bedarf mit Lebensmitteln oder gezielter Supplementierung tatsächlich adressieren lässt.

Damit rückt auch ein weiterer Punkt in den Fokus, der über Ernährung hinausgeht: Wie schnell sich medizinische Trends in Konsumverhalten übersetzen. Wenn GLP-1-Strategien zu einer neuen Protein-Story werden, dann wandert die Aufmerksamkeit von Trainings- und Ernährungsgrundlagen hin zu leicht konsumierbaren Produkten. Das kann kurzfristig helfen, aber langfristig wird es nur dann sinnvoll, wenn die Versprechen durch Daten gedeckt sind und Risiken durch klare Indikationsgrenzen adressiert werden. Die aktuelle Pew-Umfrage liefert dafür einen Ausgangspunkt: Die Nutzung ist hoch, die Evidenz für viele Produkte wirkt jedoch aus Sicht der Fachwelt zu dünn. Genau hier liegt der nächste Engpass – und zugleich die Chance für bessere Beratung, transparentere Wirksamkeitsnachweise und eine rationalere Auswahl dessen, was dem Körper wirklich nützt.


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