LONDON (IT BOLTWISE) – Der neue PISA-Bericht der OECD macht einen deutlichen Rückgang der Leistungen in Lesen und Mathematik sichtbar. Für Deutschland zeigt sich besonders beim Lesen ein Abwärtstrend, der seit Jahren anhalten könnte. Gleichzeitig ordnen Neurowissenschaftler dem Lesen konkrete Effekte auf Neuroplastizität, Gedächtnis und Stresspegel zu. Aus den Daten lässt sich ableiten, dass sich die digitale Gewohnheitskette künftig stärker auf die kognitive Entwicklung auswirkt.

Der im September 2026 veröffentlichte PISA-Bericht der OECD beschreibt weltweit fallende Schülerleistungen in zentralen Bereichen, vor allem in Mathematik und Lesen. Untersucht wurden 91 Länder, und bei den 15-Jährigen zeigt sich ein Negativtrend, der nicht nur einzelne Bildungssysteme betrifft. Für Deutschland wird der Befund besonders kritisch eingeordnet: Fast jeder dritte 15-Jährige erreicht beim Lesen nicht einmal Kompetenzstufe 2, die als Mindestniveau für gesellschaftliche Teilhabe in einer daten- und textgeprägten Welt gilt. Vor drei Jahren lag dieser Anteil noch bei jedem vierten Jugendlichen; damit steigt die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die Leseaufgaben im Alltag und in der Ausbildung voraussichtlich deutlich weniger zuverlässig bewältigen.
Auch die absoluten Werte stützen die Trendlinie. Deutsche Schülerinnen und Schüler erzielten im September 2026 im Bereich Lesen durchschnittlich 465 Punkte, nachdem es 2012 noch 508 Punkte waren. In Mathematik fiel der Wert von 514 auf 464, in den Naturwissenschaften von 524 auf 486. Neben der reinen Leistungsstatistik rückt der Bericht die soziale Dimension in den Fokus: Ein Erziehungswissenschaftler der PH Heidelberg weist darauf hin, dass Bildungserfolg weiterhin stark mit der sozialen Herkunft zusammenhängt. Während Ergebnisse privilegierter Jugendlicher relativ stabil bleiben, sind die Werte sozioökonomisch benachteiligter Gruppen seit 2015 deutlich gesunken.
Im internationalen Vergleich wird die Lage zusätzlich verschärft wahrnehmbar. In der Schweiz erreicht die Lesekompetenz den tiefsten Stand seit Beginn der Studien im Jahr 2000; fast 29 % der 15-Jährigen können die Kernaussagen mittellanger Texte nicht erfassen. Österreich liegt zwar über dem OECD-Mittelwert, verfehlt jedoch ebenfalls das frühere Leistungsniveau. Als zentrale Faktoren für den Leistungsrückgang gelten laut Fachbeiträgen Medienkonsum, Smartphones, soziale Medien und der Einsatz KI-gestützter Werkzeuge. Andreas Schleicher, der Gründer der PISA-Studie, betont im Kontext der Veröffentlichung die Logik, dass Lernen aus aktiver Auseinandersetzung mit Inhalten entsteht; genau diese kognitive Eigenleistung könne durch KI-Werkzeuge ausgehöhlt werden, wenn sie vor allem als Abkürzung statt als Lernverstärker genutzt werden.
Die Daten zur Lektürepraxis passen zu dieser Interpretation. Laut Erhebungen aus dem Jahr 2024 las fast die Hälfte der EU-Bürger innerhalb von zwölf Monaten kein einziges Buch. In Deutschland sank der Anteil der Buchleser in der Altersgruppe 18 bis 64 Jahre von 43 % (2021) auf 31 % (2025). Gleichzeitig habe sich die tägliche Lesezeit über zwei Jahrzehnte massiv verringert. Damit verschiebt sich nicht nur das Freizeitverhalten, sondern auch die tägliche „Trainingsfläche“ für Sprache, Aufmerksamkeit und Gedächtnis – und genau hier setzt der zweite Strang der Meldung an: die neurobiologische Wirkung von Lesen.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse ordnen Lesen als Baustein für die Funktionsweise des Gehirns ein. Die Neurowissenschaftlerin Ana Asensio erklärt, regelmäßiges Lesen stärke nicht nur Aufmerksamkeit und Konzentration, sondern fördere auch Neuroplastizität und das Gedächtnis. Besonders häufig zitiert wird eine im Fachjournal Neurology veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2013, die zeigt, dass regelmäßiges Lesen das Risiko für kognitiven Abbau im Alter um 32 % senken kann. Weitere Forschungsergebnisse erweitern das Bild über reine Kognition hinaus: Bereits sechs Minuten stilles Lesen können demnach Stress senken; außerdem wird Lesen literarischer Fiktion in Verbindung mit besserer Emotions- und Perspektivwahrnehmung gebracht. Für die Sprachfähigkeit werden ebenfalls positive Effekte beschrieben, etwa in Form besserer Ergebnisse bei Wortschatz- und Sprachkompetenzen von Personen, die hauptsächlich fiktionale Texte lesen.
Für Unternehmen, Schulen und Bildungsanbieter ist die eigentliche Herausforderung damit weniger eine „Lesen gegen Digitales“-Debatte, sondern die Frage, wie digitale Werkzeuge die aktive Verarbeitung ersetzen oder ergänzen. Wenn KI-Werkzeuge als automatische Textausgabe genutzt werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Schülerinnen und Schüler die anspruchsvollen Schritte des Verstehens trainieren – vom Dekodieren bis zum Abgleichen von Hypothesen im Text. Gleichzeitig zeigen die gesellschaftlichen Auswirkungen aus dem Schulalltag eine Lücke: Berichten zufolge werden im Unterricht kaum noch vollständige Primärtexte gelesen; Werke wie Goethes „Faust“ werden oft nur noch in stark gekürzten Fassungen behandelt. Experten wie Jeroen Dera von der Radboud Universiteit beobachten zugleich eine Kluft: 40 % der 12- bis 25-Jährigen geben an, nicht gern zu lesen, während zwei Drittel der Oberstufenschüler den Wunsch nach intensiver Leseförderung äußern.
In Österreich zeigt sich das Problem auch jenseits der Schule. Etwa 29 % der Erwachsenen haben Schwierigkeiten, Texte sinnerfassend zu verstehen, was den Bedarf an Grundkompetenzkursen erhöht – beispielsweise im Burgenland, um den Pflichtschulabschluss nachzuholen oder Basiskompetenzen zu sichern. Für die Praxis bedeutet das: Leseförderung braucht nicht nur Material, sondern Trainingsdesign, das langfristige kognitive Lastfähigkeit aufbaut. Der technische Kern lässt sich dabei durchaus übertragen: So wie ein Software-System regelmäßig gewartet und beobachtet werden muss, braucht das Gehirn durch Wiederholung und echte Auseinandersetzung mit Inhalten einen stabilen „Loop“ aus Aufmerksamkeit, Verarbeitung und Abruf. Genau an dieser Stelle wird das Lesen im Bericht zur Schnittstelle zwischen Bildungspolitik, KI-Nutzung im Alltag und präventiver Gehirngesundheit – mit klaren Konsequenzen für die nächsten Unterrichts- und Lernjahre.
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