BRASIL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus Brasilien untersucht, ob der Body-Roundness-Index bei älteren Menschen mit Demenz ein besserer Hinweis auf Depression sein kann als BMI oder Bauchumfang. In der Demenz-Untergruppe stieg das Depressionsrisiko bei den höchsten Werten auf mehr als das Dreifache gegenüber den niedrigsten Werten. Die Autorinnen und Autoren stützen ihre Auswertung auf 601 Teilnehmende aus einer spezialisierten Gedächtnisklinik. Entscheidend bleibt aber: Die Momentaufnahme belegt keine Ursache-Wirkung.

Body-Roundness-Index sagt Depression bei Demenzrisiko besser voraus als BMI
Body-Roundness-Index sagt Depression bei Demenzrisiko besser voraus als BMI (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn bei älteren Menschen Demenz und depressive Symptome gleichzeitig auftreten, wird die Früherkennung in der geriatrischen Versorgung besonders dringend. Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue Querschnittsstudie an: Sie prüft, ob ein eher neuartiges Maß zur Verteilung von Körperfett – der Body-Roundness-Index – das Risiko für Depressionen bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen besser abbilden kann als die etablierten Standardwerte. Hintergrund ist, dass Demenz nicht nur durch kognitive Defizite geprägt ist, sondern im Alltag auch funktionelle Einschränkungen mit sich bringt. In der Praxis sind depressive Verstimmungen zudem ein wichtiger Verstärker, weil sie den Krankheitsverlauf indirekt ungünstig beeinflussen können.

Technisch betrachtet ist der zentrale Unterschied zum klassischen Ansatz, dass der Body-Roundness-Index die Körperform modellbasiert interpretiert. BMI und Bauchumfang gelten zwar als schnelle Marker, sie trennen jedoch Fettmasse und Muskelmasse nicht zuverlässig beziehungsweise spiegeln nicht präzise wider, wie tief das Fett im Bauchraum sitzt. Der Body-Roundness-Index nutzt stattdessen eine mathematische Abbildung des menschlichen Körpers als „Oval“ und kombiniert hierfür die Körpergröße mit dem Taillenumfang. Dadurch soll die Schätzung der zentralen Fetteinlagerung (central adiposity) genauer gelingen, insbesondere in einem Alter, in dem Muskelabbau und Knochenverlust häufig sind. Genau diese Besonderheiten können dazu führen, dass der BMI bei Seniorinnen und Senioren Fettfahnen unterschätzt und damit Zusammenhänge mit Stoffwechsel- und Entzündungsprozessen verwischt.

Die Studie wurde als Beobachtungsdesign mit 601 Personen im Alter von 60 bis 91 Jahren durchgeführt. Alle Teilnehmenden wurden zwischen 2015 und 2024 in einer spezialisierten Gedächtnisklinik in Brasilien untersucht. Ärztinnen und Ärzte führten standardisierte Interviews und körperliche Untersuchungen durch; gemessen wurden Größe, Gewicht und Taillenumfang, um daraus verschiedene Körperindizes abzuleiten. Für die kognitiven Komponenten setzten die Forschenden auf ein Testbatterie-Setup, das Gedächtnis, Sprache und exekutive Funktionen erfasst. Auf dieser Basis erhielten 239 Teilnehmende eine formale Demenzdiagnose. Zur Stimmungsbewertung kam ein 15-Item-Fragebogen zum Einsatz, der gezielt auf geriatric depression ausgerichtet ist; außerdem wurden Lebensstilfaktoren wie körperliche Aktivität und Alkoholkonsum sowie die medizinische Vorgeschichte erhoben.

Das Ergebnis zeigt eine klare Asymmetrie zwischen der Gesamtgruppe und der Demenz-Untergruppe. Insgesamt – also in den 601 Teilnehmenden – fanden sich keine statistisch signifikanten Zusammenhänge zwischen den untersuchten Körpermaßen und Depression. Erst wenn die Analyse auf die 239 Personen mit Demenz eingeschränkt wurde, trat ein deutlicher Effekt zutage: Wer im höchsten Viertel des Body-Roundness-Index lag, hatte gegenüber den Personen im niedrigsten Viertel mehr als das Dreifache der Chancen, eine Depression zu erleben. Wichtig ist, dass die Autorinnen und Autoren die Assoziation nicht „ungeschützt“ stehen ließen, sondern sie rechnerisch für mehrere Einflussgrößen stabilisierten, darunter Alter, Geschlecht, Bildungsniveau und allgemeine Angst. Auch zusätzliche medizinische Faktoren wie Hypertonie, Diabetes und abweichende Cholesterinwerte wurden im Modell berücksichtigt; der Body-Roundness-Index blieb damit als Prädiktor eigenständig.

Während der Body-Roundness-Index in dieser Demenzgruppe funktionierte, schnitten die traditionellen Kennzahlen weniger überzeugend ab. Für BMI und Bauchumfang zeigte sich im statistischen Verlauf eine nichtlineare Beziehung: In der Demenz-Untergruppe zeichnete sich eine U-förmige Kurve ab, bei der sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Werte mit erhöhten Depressions-Chancen einhergingen. Das macht die Größen im Grunde weniger geeignet als „Eins-zu-Eins“-Screeningwerkzeug, wenn man lediglich einen Schwellenwert für das Depressionsrisiko definieren möchte. Als mögliche Erklärung diskutieren die Forschenden, dass der Body-Roundness-Index insbesondere abdominales Fett präziser erfasst. Zentralfett kann mit Hirnnetzwerken verknüpft sein, die für Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit relevant sind – Bereiche, die bei Depression und im Alter häufig beeinträchtigt sind. Ebenso passt zur biologischen Plausibilität, dass chronische Entzündungsprozesse und oxidativer Stress, ausgelöst durch übermäßiges Fettgewebe, die hormonelle Regulation und neuronale Funktionen stören können.

Trotz der vielversprechenden Signale bleibt die Studie methodisch begrenzt. Sie basiert auf einem Querschnittdesign und liefert damit nur eine Momentaufnahme: Aus der Gleichzeitigkeit von abdominaler Fettverteilung und Depressionssymptomen folgt nicht automatisch, dass das eine das andere verursacht. Zudem fand die Untersuchung in einer tertiären spezialisierten Gedächtnisklinik statt; die Teilnehmenden waren im Durchschnitt zudem stärker gebildet als der regionale Durchschnitt, wodurch die Übertragbarkeit in die allgemeine Community möglicherweise eingeschränkt ist. Hinzu kommt, dass die Demenzdiagnose auf klinischen Kriterien und kognitiven Tests beruht und nicht durch Biomarker, Bildgebung oder Liquoranalysen abgesichert wurde. Auch die Fettmaße bleiben indirekte Schätzwerte; Methoden wie Dual-Energy-Röntgenabsorptiometrie oder Magnetresonanztomografie könnten die tatsächlichen Volumina internen Fetts genauer quantifizieren. Für künftige Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren daher vor, Patientinnen und Patienten über mehrere Jahre zu begleiten, um zu prüfen, ob Veränderungen in der Körperform der Entwicklung depressiver Symptome tatsächlich vorausgehen.

Für die Praxis kann gerade diese Frage entscheidend sein, denn Depression ist im Kontext von Demenz nicht nur ein Begleitsymptom, sondern potenziell ein Beschleuniger für den kognitiven Abbau. Wenn sich der Body-Roundness-Index in longitudinalen Studien als verlässlicher Frühindikator bestätigt, könnte er sich als einfaches, kostengünstiges Screening-Element eignen – mit der realistischen Perspektive, dass Ärztinnen und Ärzte gezielter vorbeugende oder therapeutische Maßnahmen anstoßen. Aus technologischer Sicht ist der Vorteil dabei nicht „KI-Software“, sondern Messlogik: Der Index braucht nur Größe und Taillenumfang, setzt aber auf eine Modellierung, die besser zum physiologischen Kontext älterer Menschen passt. Für Entscheidungen in Kliniken und Versorgungseinrichtungen bedeutet das: Der Weg von der Forschung in den Alltag führt über robuste Replikation, klare Schwellenwerte und die Frage, wie gut die Messung unter realen Bedingungen funktioniert.


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