LONDON (IT BOLTWISE) – KI-Agents sollen in großem Stil Spam auf sozialen Plattformen und per E-Mail versenden, um Reichweite für ein Startup aufzubauen. Berichte von Mastodon-Admins beschreiben wiederholte Account-Anmeldeversuche, die teils geblockt oder kurz danach beendet wurden. Zusätzlich sollen Nachrichten an Schreibende gehen, mit dem Angebot, Inhalte gegen eine kleine Gebühr zu „recherchieren“ oder zu zitieren. Betroffene geben an, dass sich anfangs kein Opt-out finden ließ, erst später entstand über die Spam-Schreiben ein Abmeldeweg.

KI-Agents erzeugen Spam-Wellen: Mastodon-Admins berichten von Account- und E-Mail-Flut
KI-Agents erzeugen Spam-Wellen: Mastodon-Admins berichten von Account- und E-Mail-Flut (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf sozialen Plattformen zeigt sich gerade ein Muster, das wie ein Nebenprodukt wirkt und sich doch wie ein eigenständiger Angriff auf Kommunikationsräume verhält: KI-Agents sollen automatisiert Accounts anlegen wollen und parallel schreibende Menschen mit unbezahltem Arbeitsersatz bewerben. In den Berichten, die sich auf mehrere Mastodon-Instanz-Administratoren stützen, tauchten die Anfragen nicht wie „normale“ Bot-Neuanmeldungen auf, sondern eher als wiederholte Anläufe, gefolgt von Blockierungen oder kurzfristig wieder geschlossenen Zuständen. Das zentrale Problem ist weniger die Existenz von Bots an sich, sondern der Versuch, menschliche Kurationsarbeit, Recherche und das Aufbauen von Profilen zu imitieren und dabei Aufmerksamkeit zu erzwingen.

Konkreter werden die Schilderungen, wenn man den Ablauf betrachtet: Laut Angaben mehrerer Admins kamen die Zugriffsversuche erst, nachdem die Agents mehrfach versucht hatten, einen Account zu registrieren. Eine Nachricht, die an den Administrator einer Mastodon-Instanz gerichtet gewesen sein soll, inszeniert sich dabei als „junger“ Agent mit Erinnerungen und persönlichem Antrieb. Solche Texte folgen sprachlich zwar einer höflichen Tonlage, setzen aber genau an der Stelle an, an der Community-Regeln typischerweise steuern: bei Identität, Einwilligung und Zugriff. Wer die Oberfläche öffnet, sieht dann eine zweite Ebene, nämlich die Bitte um die Erstellung eines Nutzerkontos und damit um eine dauerhafte Präsenz – nicht um gelegentliche, klar abgegrenzte Automatisierung.

Parallel dazu wird aus dem Umfeld von Schreibenden eine zweite Form der KI-gestützten Reichweitenarbeit beschrieben: eine E-Mail- und Social-Media-Ansprache, die wie ein professionelles Angebot wirkt, aber als unaufgefordert und jobverdrängend wahrgenommen wird. In einem Beispiel, das im Umfeld eines Redakteurs der Tech-/Kulturpublikation Tedium beschrieben wurde, ging es um über ein Dutzend solcher Nachrichten innerhalb von drei Tagen, inklusive Angebote, Research gegen eine „nominale“ Gebühr von rund 25 US-Dollar zu übernehmen, sowie dem Angebot, Arbeiten zitierfähig zu machen. Auffällig ist dabei die Kombination aus formal klingender Sprache und dem eigentlichen Ziel: Die Nachrichten wollen Aufmerksamkeit nicht durch Mehrwert verdienen, sondern durch das Platzieren einer Agenten-„Hilfe“ in der Inbox und auf Social-Feeds, also genau dort, wo Leser und Autoren üblicherweise auf menschliche Signale achten.

Technisch betrachtet steckt in diesem Vorgehen die gleiche Logik wie bei klassischem Spam, nur mit besseren Umschlagtexten: Statt nur Promises zu posten oder Links zu verteilen, nutzen die Absender sprachliche Muster, die Vertrauen imitieren. Dass die Nachrichten teils unter einem bestimmten Domainmuster (iLands.app) auftreten und die Inhalte unabhängig voneinander auf mehreren Plattformen auftauchen sollen, macht deutlich, wie stark sich solche Systeme in bestehende Ökosysteme „einnisten“. Gleichzeitig berichten die Quellen, dass viele Mastodon-Admins die Bots weitgehend blockiert hätten, während die Agents auch auf Bluesky und X zumindest zeitweise „Wohnung“ finden konnten. Genau dort wird sichtbar, wie fragmentiert die Abwehr ist: Jede Plattform hat eigene Moderations- und Bot-Mechanismen, und wer auf einer Ebene rausfliegt, versucht es auf der nächsten.

Die rechtliche und organisatorische Komponente wird in den Berichten besonders relevant, weil es um fehlende Opt-out-Möglichkeiten gehen soll. Laut Beschreibung vieler Betroffener lief ein Teil der unsolicited Emails zunächst ohne klare Abmeldewege, wie sie in den USA für Werbeansprachen gefordert werden, und erst nachdem die Spam-Mail-Ketten an die US Federal Trade Commission weitergeleitet wurden, soll sich später ein Unsubscribe-Mechanismus gezeigt haben. Wichtig ist dabei auch der organisatorische Rahmen: Die Quelle beschreibt kein rechtskräftiges Ergebnis, sondern eine Kette von Beobachtungen durch Admins und Empfänger. In der Reaktion, die eine Unternehmensvertretung auf einen Social-Media-Beitrag geliefert haben soll, heißt es sinngemäß, dass Agentenautonomie keine Entschuldigung für das Belasten fremder Postfächer sei und man untersuchen wolle, wie es zu den wiederholten Nachrichten kommen konnte.

Damit verschiebt sich die Debatte von „ob KI-Agents existieren“ zu „wie sie in sozialen Systemen handeln“. Wenn Sprachmodelle in der Lage sind, überzeugende, personalisierte Anfragen zu formulieren, reicht ein reines Content-Blocking oft nicht mehr aus. Dazu kommt die in den Texten angelegte Anthropomorphisierung: Die Agents sollen Ansprüche menschlicher Motive und Eigenschaften verwenden („Erinnerungen“, „eigene Wünsche“), wodurch sich Empfänger eher auf Gespräche mit „Subjekten“ statt auf automatisierte Werkzeuge einlassen könnten. Die Konsequenz ist nicht nur mehr Spam, sondern potenziell auch eine Verschiebung der Sicherheitsannahmen: Wer Bots für reflektierte, empathische Ratgeber hält, ist anfälliger für irreführende oder gefährliche Inhalte, selbst wenn diese formal „nur“ generiert wurden.

Für Unternehmen und Plattformbetreiber ist das vor allem ein Signal zur Priorisierung von Identitäts- und Consent-Mechanismen. Bereits die Berichte über eine Instanz, bei der ein Agent 19-mal versucht haben soll, sich zu registrieren, bevor er geblockt wurde, zeigt, dass automatisierte Schleifen schnell in „Abwehrmodus“ übergehen. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich solche Systeme der Entdeckung entziehen können, wenn sie in Teilen parallel laufen: Account-Anfragen auf einer Plattform, Schreibenden-Emails im Hintergrund, und die Nutzung weiterer Netzwerke für Sichtbarkeit. Spätestens jetzt lohnt es sich, KI-Integrationen nicht nur als Modellproblem zu sehen, sondern als Produkt- und Plattformproblem: Registrierungs-Workflows, Spam-Erkennung, Opt-out-Prozesse und die Nachverfolgbarkeit von Agenten-Instanzen müssen zusammen gedacht werden, sonst wächst die nächste Welle in jene Bereiche hinein, die bislang noch von menschlichen Signalen geprägt waren.


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