LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie zu sexueller Objektifizierung zeigt eine deutliche Wahrnehmungslücke zwischen Männern und Frauen: Männer schätzen die Häufigkeit in mehreren Messansätzen höher ein als Frauen ihre eigenen Erfahrungen berichten. Die Untersuchung unterscheidet zwischen auffälligen Handlungen wie Anpöbeln und unerwünschter Berührung sowie verdeckten Formen wie Starren und bewertender Körperbeobachtung. Gleichzeitig deuten Ergebnisse aus Fallvignetten darauf hin, dass Frauen für sich selbst möglicherweise niedrigere Raten angeben, während sie andere Frauen genauer einordnen. Entscheidend ist auch, dass beide Gruppen die psychische Belastung als ähnlich negativ bewerten.

Studie zu sexueller Objektifizierung: Männer schätzen Häufigkeit oft höher ein
Studie zu sexueller Objektifizierung: Männer schätzen Häufigkeit oft höher ein (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn es um sexuelle Objektifizierung geht, wirkt das Bild nicht bei allen gleich: Eine Forschungsarbeit aus dem Umfeld der Psychologie kommt zu dem Ergebnis, dass Männer die Häufigkeit entsprechender Erfahrungen bei jungen Frauen teilweise deutlich höher einschätzen als diese es für sich selbst berichten. Die Studie wurde in Sex Roles veröffentlicht und setzt damit an einer Annahme an, die in Debatten über Belästigung häufig mitschwingt: Männer würden das Alltagsausmaß des Problems tendenziell unterschätzen. Stattdessen zeigt die Auswertung in mehreren Teilstudien, dass der eigentliche Bruch eher darin liegt, wie unterschiedlich Wahrnehmung und Messung zwischen Gruppen zustande kommen.

Unter sexueller Objektifizierung verstehen die Autorinnen eine Betrachtung einer Person „primär als Körper“ oder als Ansammlung von Körperteilen, also weniger als ganze Person mit Eigenschaften, Grenzen und Handlungsspielraum. Genau dieser Mechanismus steht in Verbindung mit negativen psychischen Folgen wie Depression, Körper-Scham und einem verminderten Sicherheitsgefühl. Inhaltlich spannt die Arbeit einen Bogen von offeneren Situationen – etwa unerwünschten expliziten Annäherungen – bis zu alltäglichen Varianten, bei denen Frauen ihren Körper wiederholt „bewertet“ oder aufdringlich taxiert erleben. Ziel der Forschenden war es deshalb, zu testen, ob Männer und Frauen ein gemeinsames Verständnis dafür haben, wie oft solche Ereignisse im Alltag vorkommen.

Erste Untersuchungen wurden mit 110 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 30 durchgeführt. Dabei berichteten Frauen, wie häufig sie selbst verschiedene objektifizierende Verhaltensweisen erlebt hatten, wobei die Antwortskala von „never“ bis „almost always“ reichte. Männer sollten dagegen einschätzen, wie oft die „durchschnittliche“ junge Frau die gleichen Verhaltensweisen erlebe – ebenfalls auf identischer Skala. Die Verhaltensweisen teilten die Forschenden in zwei Kategorien: „overt actions“ wie z. B. Anpöbeln oder unerwünschtes Anfassen und „covert actions“ wie Starren oder die bewertende Betrachtung des Aussehens. Das Ergebnis war überraschend: Die Männer schätzten für beide Kategorien eine höhere Häufigkeit als die Frauen sie von sich selbst berichteten.

Wichtig ist dabei, dass das nicht einfach eine reine Frage des Wortverständnisses auf der verbalen Skala war. In einer zweiten Studie mit 199 Studierenden ließen die Forschenden beide Geschlechter erneut auf der gleichen Skala antworten, ergänzten jedoch eine konkrete numerische Angabe – etwa als Anzahl pro Jahr. So konnten die Autorinnen prüfen, ob Begriffe wie „frequently“ zwischen Männern und Frauen unterschiedlich „übersetzt“ werden. Zusätzlich lasen alle Teilnehmenden eine kurze Fallvignette über eine fiktive Frau, die auf dem Heimweg von der Arbeit angebuhlt wird, und schätzten anschließend, wie oft ein solches Ereignis für Frauen wie die Figur vorkommt. Wieder zeigte sich: Männer lagen bei der Schätzung der Objektifizierungshäufigkeit über dem, was Frauen für sich selbst angaben. Gleichzeitig drehte sich das Muster in der Vignette teilweise um: Frauen schätzten dort für die Figur mehr von der offeneren Belästigung als Männer.

Die dritte Teilstudie machte den Vergleich besonders sauber, weil sie die Teilnehmer*innen nicht dazu zwingt, die eigene Situation zu bewerten. 165 Studierende sollten die Frequenzen für die „durchschnittliche Frau“ im Alter von 18 bis 30 einschätzen und dabei sowohl die verbalen Kategorien als auch die numerischen Zählwerte angeben. Hier zeigte sich ein Verhalten, das sich je nach Art des Auslösers unterscheidet: Bei offeneren Handlungen wie dem Anpöbeln wählten Frauen höhere verbale Kategorien als Männer, ihre numerischen Werte lagen jedoch grob in derselben Größenordnung; beide Gruppen kamen etwa auf rund 30 Fälle pro Jahr. Bei verdeckten Formen wie „leering“ blieb die verbale Einschätzung ähnlich, aber die numerischen Werte differierten deutlich: Männer erwarteten etwa 365 solcher Ereignisse pro Jahr, während Frauen ungefähr 267 nannten.

Für die Abweichungen liefern die schriftlichen Begründungen der Teilnehmenden mehrere Ansatzpunkte. Nahezu die Hälfte der Befragten verwies darauf, dass Männer ihre höheren Werte mit einer größeren persönlichen oder beobachtenden Erfahrung verknüpfen könnten – etwa damit, wie oft sie selbst oder andere Männer solche Handlungen ausführen. Weitere Antworten deuten darauf hin, dass verdeckte Objektifizierung möglicherweise schwerer wahrzunehmen ist, wenn man sie aus der Perspektive des betroffenen Subjekts betrachtet, insbesondere bei Formen wie Blicken von hinten. Daneben tauchte auch der Gedanke auf, dass kulturelle Erwartungshaltungen Männer dazu verleiten könnten, lieber höhere Zahlen zu nennen, um nicht als unwissend oder unempfindlich zu wirken. Unabhängig davon, welcher Mechanismus im Einzelfall dominiert, zeigt die Kombination aus Skalen- und Zahlentest: Es geht nicht nur um „Worte“, sondern um unterschiedliche mentale Modelle darüber, was im Alltag plausibel ist und wie man darüber berichtet.

Die Autorinnen nennen zudem Grenzen der Aussagekraft. In allen Teilstudien wurden nur Personen berücksichtigt, die sich als Männer oder Frauen identifizieren; dadurch bleiben Erfahrungen und Wahrnehmungen von trans Personen und nichtbinären Menschen unberücksichtigt, obwohl auch diese Gruppen von sexueller Objektifizierung stark betroffen sein können. Außerdem bezieht sich das Forschungsdesign auf Frauen im Alter von 18 bis 30, wodurch sich Ergebnisse für andere Altersgruppen oder andere kulturelle Kontexte nicht automatisch übertragen lassen. Gerade deshalb schlagen die Forschenden Folgestudien vor, die etwa ältere Kohorten oder unterschiedliche rassische bzw. ethnische Kontexte stärker einbeziehen, weil sich Wahrnehmung und tatsächliche Häufigkeiten zwischen Communities unterscheiden können.

Für die Praxis ergibt sich aus der Studie ein klarer Punkt: Anstatt die Debatte auf die Frage „Wie oft passiert es?“ zu verengen, sollte man stärker berücksichtigen, dass es bereits bei der Frequenzschätzung zwischen Gruppen zu systematischen Verzerrungen kommen kann. Die Arbeit deutet außerdem an, dass Interventionen in Arbeits- und sozialen Umgebungen besonders dort ansetzen sollten, wo der Schaden ansetzt – bei der psychischen Belastung durch Objektifizierung. Diese Verschiebung weg von einem reinen Häufigkeitsstreit hin zu konkreten Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen kann Unternehmen und Einrichtungen helfen, schneller wirksame Prozesse aufzubauen, statt sich an methodischen Details zu verlieren.


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