LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Studie in den USA findet keinen statistischen Zusammenhang zwischen Screen Time und Sprachfähigkeiten bei autistischen Kindern. Stattdessen hängt mehr gemeinsames Vorlesen zu Hause mit besseren Ausdrucks- und Verstehensfähigkeiten zusammen. Der Effekt wird zudem als mögliche Erklärung dafür eingeordnet, warum Kinder aus einkommensstärkeren Haushalten sprachlich oft weiter sind. Offene Frage bleibt, wie stark dabei Qualität und konkrete Mediennutzung eine Rolle spielen.

Die Debatte um Screen Time bekommt in der Frühförderung für autistische Kinder neue Reibung. Denn eine groß angelegte Untersuchung aus den USA zeigt: Die reine Menge an Zeit vor Fernseher, Tablet, Computer oder Smartphone lässt sich bei autistischen Kindern nicht zuverlässig mit besseren oder schlechteren Sprachfähigkeiten in Verbindung bringen. Das Ergebnis widerspricht damit dem Muster, das man aus vielen Studien zur Allgemeinbevölkerung kennt, in denen intensivere Bildschirmnutzung häufiger mit Entwicklungsverzögerungen verknüpft wird. Gleichzeitig legt die Studie einen anderen Faktor stärker offen: gemeinsames Lesen von Büchern zu Hause steht in einem klaren Zusammenhang mit Ausdrucks- und rezeptiven Sprachleistungen.
Um die Bedeutung dieser Beobachtung einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Ausgangslage: Autismus ist eine Entwicklungsbedingung, die sich vor allem in Unterschieden in der sozialen Kommunikation und in eingeschränkten oder repetitiven Verhaltensmustern zeigt. Sprachentwicklung verläuft dabei keineswegs bei allen Kindern gleich; manche autistischen Kinder haben Schwierigkeiten, gesprochene Sprache zu produzieren oder zu verstehen, andere entwickeln Fähigkeiten, die mindestens ähnlich gut sind oder sogar über denen gleichaltriger nicht-autistischer Kinder liegen. In diesem Kontext verfolgen Forschende zunehmend den Ansatz, frühe Umwelteinflüsse nicht als Nebenschauplatz zu behandeln, sondern als Bausteine, die Entwicklungsbahnen mitformen können.
Technisch und methodisch betrachtet arbeitet die Studie mit einer Umwelt-Sicht, die zwischen großräumigen und alltäglichen Einflüssen unterscheidet. Als weiter entfernte Faktoren werden vor allem sozioökonomische Unterschiede betrachtet, etwa über Einkommen und Bildungsstand der Eltern abgebildet. Nah am Kind liegen die täglichen Routinen, darunter konkret die Frage, wie oft Erwachsene mit dem Kind gemeinsam Bücher lesen und wie viele Stunden pro Wochentag das Kind elektronische Geräte nutzt. „Shared book reading“ bedeutet dabei: Eine Bezugsperson sieht sich mit dem Kind eine Geschichte an, liest vor und ermutigt das Kind, aktiv zu reagieren. Screen Time wird als Zeitspanne vor Bildschirmen operationalisiert, ohne dabei die Inhalte oder Interaktionsqualität automatisch mit abzubilden.
Die Analyse basiert auf Daten aus der National Survey of Children’s Health aus dem Zeitraum 2018 bis 2022. Untersucht wurden 1.217 autistische Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren in den USA; Angaben wurden über Eltern oder erwachsene Bezugspersonen erhoben, die mit dem Kind im Haushalt leben. Für den sozioökonomischen Status wurden der höchste Bildungsabschluss eines Elternteils sowie ein Armutsverhältnis auf Basis des Haushaltseinkommens berechnet. Für die Sprachentwicklung betrachteten die Forschenden sowohl expressive Fähigkeiten (etwa Einzelwörter sprechen, Fragen stellen, eine Geschichte erzählen) als auch receptive Fähigkeiten (etwa Anweisungen verstehen, auf Objekte zeigen, Anfangslaute von Wörtern erkennen). In den statistischen Modellen wurden Alter und Geschlecht der Kinder berücksichtigt.
Ergebnis: Kinder aus Haushalten mit höherem sozioökonomischem Status zeigten im Schnitt höhere sprachliche Werte, sowohl im Ausdruck als auch beim Verstehen. Diese Kinder wurden zudem häufiger zum gemeinsamen Lesen angehalten und verbrachten weniger Zeit mit Bildschirmen. Besonders wichtig ist dabei die direkte Verknüpfung zwischen Lesefrequenz und Kommunikation: Mehr gemeinsames Vorlesen ging im Datensatz mit insgesamt besseren Sprachleistungen einher. Die Studie findet außerdem, dass gemeinsames Buchlesen einen Teil des Zusammenhangs zwischen sozioökonomischem Status und Sprachkompetenz erklärt. Das lässt sich als „Brücke“ interpretieren: Mehr Ressourcen im Haushalt schlagen sich nicht nur als abstrakter Status nieder, sondern in konkreten Routinen, die im Alltag sprachliches Lernen wahrscheinlicher machen.
Meredith Pecukonis, Assistenzprofessorin für Psychologie am Smith College und Leiterin des Autism & Neurodevelopment (AND) Lab, ordnet die Ergebnisse so ein, dass die Aussagekraft vor allem im Umweltbezug liegt: „Effect sizes are small, meaning that the environment has a small yet significant impact on language development in autism, “ sagte Pecukonis. Sie beschreibt zugleich, warum weniger sozioökonomische Ressourcen die Lesefrequenz senken können, etwa wenn mehrere Jobs Zeit und Energie reduzieren oder wenn zu Hause weniger Bücher verfügbar sind. Im selben Kontext betont sie, dass es nicht um das Abwälzen von Schuld geht, sondern darum, Trends sichtbar zu machen und Unterstützungsansätze zu entwickeln, die sich am Alltag orientieren. Dazu gehört auch die Idee, dass für manche Hebel systemische Änderungen nötig sind, etwa zusätzliche finanzielle Unterstützung und Leistungen für Haushalte mit niedrigerem sozioökonomischem Status.
Für die zentrale Frage nach Screen Time fällt das Bild dagegen neutral aus: Die Zeitspanne, die autistische Kinder an Wochentagen mit elektronischen Geräten verbringen, war in den Modellen statistisch nicht mit expressiven oder rezeptiven Sprachfähigkeiten assoziiert. Die Forschenden heben diesen Punkt ausdrücklich hervor, weil viele frühere Arbeiten bei nicht-autistischen Kindern häufiger einen Zusammenhang zwischen intensiver Bildschirmnutzung und Sprach- oder Entwicklungsverzögerungen berichteten. Genau wie Pecukonis formuliert: Das nicht signifikante Ergebnis heißt nicht automatisch „gut“ oder „schlecht“ für autistische Kinder, sondern beschreibt zunächst, dass in diesem Datensatz kein messbarer Zusammenhang zwischen den Mengenangaben und den Sprachskalen erkennbar war. Wichtig bleibt dabei der methodische Stolperdraht: Die Daten stammten aus Elternangaben, sie zeigen nur einen Moment in der Zeit und sie messen nur die Quantität an Aktivitäten, nicht deren Qualität oder Interaktionsform.
Auch das erklärt, warum die Studie nicht als endgültige Entwarnung missverstanden werden sollte. Sie betrachtet ausschließlich zwei Haushaltsaktivitäten – gemeinsames Vorlesen und Screen Time – und lässt damit viele potenziell einflussreiche Faktoren unbeobachtet, etwa wie stark Erwachsene beim Lesen interagieren, wie Inhalte am Bildschirm pädagogisch eingebettet sind oder ob digitale Medien als „Mitschwingen“ zur Kommunikation genutzt werden. Gleichzeitig ist ein kausaler Schluss nicht möglich: Es könnte ebenso gut sein, dass Kinder mit besseren Sprachfähigkeiten häufiger story time einfordern und damit Lesen im Alltag häufiger stattfinden lassen. Um das zu klären, planen die Forschenden ausdrücklich eine längsschnittliche Betrachtung, bei der Screen Time früh gemessen und Sprachfähigkeiten später nachverfolgt werden, kombiniert mit einer Unterscheidung nach Quantität und Qualität der Bildschirmnutzung. Die Ergebnisse sind als Signal zu lesen, dass sich Frühförderung stärker auf Alltagsroutinen stützen kann, die nachweislich sprachnah sind – ohne dabei Screen Time pauschal zu dämonisieren.
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