LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hebt seine Wachstumsprognose für Deutschland 2025 von 0,4 Prozent auf 1,2 Prozent an. Als zentralen Hebel nennt das IW ein überraschend gutes erstes Halbjahr und die bessere Verfügbarkeit eines schuldenfinanzierten Modernisierungstopfs für die Infrastruktur. Für die zweite Jahreshälfte rechnet das Institut jedoch mit nachlassender Dynamik, weil Sondereffekte im Export auslaufen und hohe Energiepreise den privaten Konsum bremsen. Auch beim Bau zeichnet das IW keine schnelle Erholung ab, während Unternehmen mit Blick auf mögliche Lieferengpässe Lager aufgebaut haben.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) korrigiert den Blick auf die deutsche Konjunktur spürbar nach oben: Statt wie zuvor 0,4 Prozent erwartet das IW nun für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent. In der Herbstprognose, auf die sich die Meldung bezieht, führt das Institut vor allem das erste Halbjahr als Überraschungstreiber an. Genau solche Phasen sind für Unternehmen wichtig, weil sich kurzfristige Auftragseingänge und Investitionsentscheidungen häufig erst mit Verzögerung in Produktion und Beschäftigung übersetzen. Dass eine Prognose mitten im laufenden Jahr so deutlich angehoben wird, signalisiert daher weniger eine langfristige Trendwende als vielmehr eine bessere Startposition für das Gesamtergebnis.
Technisch betrachtet hängt die Konjunkturdiagnose in dieser Version eng mit zwei Mechanismen zusammen: Erstens mit dem Auslaufen temporärer Rückenwinde und zweitens mit der Frage, ob öffentliche Programme ihre Wirkung schon früh im Kalenderjahr entfalten. Das IW stellt deshalb nicht nur auf das „gute erste Halbjahr“ ab, sondern nennt auch die Infrastrukturförderung als zweite Ursache. Der schuldenfinanzierte Sondertopf zur Modernisierung der Infrastruktur stehe demnach erstmals für das ganze Jahr zur Verfügung. In der Praxis kann das die Bau- und Zulieferketten entlasten, weil Planungs- und Ausschreibungszyklen für Infrastrukturprojekte sonst häufig an Budget- und Freigabetermine gebunden sind. Gleichzeitig betont das IW aber, dass der Effekt im zweiten Halbjahr nachlassen dürfte.
Mit dieser Einordnung bleibt das Bild zwiespältig: Im zweiten Halbjahr 2026 erwartet das IW eine Abschwächung, weil Export-Sondereffekte auslaufen. Daneben wirkt ein makroökonomischer Bremsklotz in Richtung Konsum, denn der private Konsum soll unter hohen Energiepreisen leiden. Ergänzend erwartet das IW, dass die Krise am Bau anhalten wird, und verortet als treibende Komponente vor allem staatliche Investitionen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die unternehmensseitige Vorsicht: Vor dem Hintergrund möglicher Lieferengpässe infolge des Irankriegs hätten Unternehmen in den ersten sechs Monaten ihre Lager gefüllt und dabei laut Meldung besonders viele Chemie- und Elektroprodukte aus Deutschland bestellt. Ein solcher Lageraufbau kann kurzfristig Produktion stützen, erhöht aber mittelfristig das Risiko von Rücksetzern, wenn sich die Angebotslage entspannt und die Bestände weniger dringend werden.
Für das nächste Jahr rechnet das IW mit einem Wachstum von „knapp einem Prozent“. Zwei aufeinanderfolgende Wachstumsjahre bezeichnet das Institut dabei als Erfolg, gerade nach Jahren der Stagnation und schrumpfender Wirtschaftsdaten. Diese Kennzahl ist allerdings nur die eine Seite der Bewertung. Die Meldung verknüpft das Wachstum auch mit fiskalischen Grenzen: Dem IW zufolge führen hohe Schulden, die auch in die Aufrüstung der Bundeswehr fließen, 2026 zu einem Staatsdefizit von rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Zudem nennt die Prognose eine Staatsschuldenquote von Ende 2026 in der Größenordnung von rund 66 Prozent. Für Entscheidungsträger heißt das: Selbst wenn Nachfrageimpulse wie Infrastrukturprogramme wirken, bleibt die Budgetlogik ein Faktor, der Spielräume für weitere Stabilisierungsmaßnahmen begrenzen kann.
Auch die Risikolage bleibt in der Darstellung klar: Kriege in der Ukraine und in Nahost sowie Handelskonflikte werden als potenzielle Belastung genannt. Zusätzlich könnte Niedrigwasser in europäischen Flüssen den Transport beeinträchtigen, was vor allem für rohstoffnahe Lieferketten relevant ist. Parallel sieht das IW die Weltwirtschaft aber weiterhin von neuen Technologien angetrieben, etwa im Bereich Künstliche Intelligenz oder grüner Infrastruktur. Das ist nicht nur eine Trendbemerkung: In der Logik der Prognose entsteht dadurch eine höhere Nachfrage nach Technologiegütern, die vor allem in Asien zu höheren Exportvolumina führen kann. Damit verschiebt sich der Impuls für deutsche Exporte stärker in Richtung technologie- und investitionsnaher Produkte, während energie- und konsumgetriebene Segmente kurzfristig anfälliger bleiben.
Der energiepolitische Kanal wird in der Meldung besonders deutlich über die USA und den Krieg gegen Iran verknüpft, weil er zu höheren Energiepreisen geführt habe. Das spüren Verbraucher laut Darstellung besonders an den Tankstellen. Für Deutschland 2026 erwartet das IW eine Inflation von gut 2,5 Prozent; der Konsum soll dagegen nur um 0,3 Prozent zulegen. Entsprechend vorsichtig fällt auch die Beschäftigungsannahme aus: Auf dem Arbeitsmarkt rechnet das Institut mit einer leichten Verschlechterung und mit knapp drei Millionen registrierten Arbeitslosen, was einer Quote von 6,3 Prozent entspricht. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein klares Steuerungsproblem: Sie müssen gleichzeitig ihre Kostenbasis stabil halten, die Nachfrage aber häufig über Preiselastizität und Absatzmix „aushandeln“. Zugleich kann der von der Prognose genannte Technologiestrom Unternehmen Chancen eröffnen, weil Künstliche Intelligenz und grüne Infrastruktur in der Lieferkette nach spezialisierten Komponenten, Engineering-Leistungen und Systemintegration verlangen.
Unter dem Strich zeigt die IW-Herbstprognose eine Konjunktur, die kurzfristig besser aussieht als zuvor, aber nicht in eine gleichmäßige Aufwärtsbewegung kippt. Die bessere Dynamik im ersten Halbjahr und die früher durchgehende Infrastrukturfinanzierung liefern Rückenwind, doch ab dem zweiten Halbjahr werden mehrere Gegenkräfte sichtbar: Export-Sondereffekte laufen aus, Energiepreise drücken den Konsum, und der Bausektor bleibt angespannt. Für die betriebliche Planung ist das ein Hinweis, eher auf robuste Szenarien mit wechselnden Nachfragetreibern zu setzen: Technologie- und Investitionsgüter könnten stabiler performen, während energie- und konjunkturempfindliche Segmente stärker über Risikoabsicherung, Bestandsmanagement und Lieferkettenresilienz gesteuert werden müssen. Wer diese Faktoren im Forecast sauber abbildet, kann die Zeit nutzen, in der sich globale Nachfrage nach Technologiegütern aufbaut, aber lokale Kosten- und Absatzrisiken nicht verschwinden.
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