BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Streit um Corona-Maskenlieferungen in Höhe von insgesamt rund einer halben Milliarde Euro geht der Fall in die nächste Instanz. Der Hamburger Textilhändler Matthias Timm sieht in den Mailnachrichten von Jens Spahn aus März 2020 einen rechtsverbindlichen Kaufvertrag. Das Bonner Landgericht hatte die Klage im Juli abgewiesen und die Mails als bloße Interessenbekundung eingeordnet. Nun will die Verteidigung die Berufung begründen und den Rechtsstreit beim Kölner Oberlandesgericht weiterführen.

Der Konflikt wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Vertragsstreit, tatsächlich geht es jedoch um eine sehr spezifische Frage: Reichten E-Mail-Kommunikation und politische Kontaktaufnahme im Frühjahr 2020 aus, um einen bindenden Kaufvertrag über medizinische Schutzausrüstung zu begründen? Im Zentrum steht dabei der Textilhändler Matthias Timm, der über seine Firma Pure Fashion Agency Waren wie FFP2-Masken, OP-Masken, Einweg-Handschuhe und Kittel im Rahmen der Corona-Beschaffung adressiert haben will. Sein Anspruch summiert sich laut Klage auf 287 Millionen Euro; inklusive Zinsen belaufen sich die Forderungen mittlerweile auf etwa eine halbe Milliarde Euro. Das Bonner Landgericht wies ihn im Juli in erster Instanz ab und stellte fest, die Nachrichten von Jens Spahn seien keine Vertragsabschlüsse gewesen.
Nach Angaben des Klägers geht es nun in die nächste Phase: Seine Seite hat Berufung eingelegt und arbeitet an einer schriftlichen Begründung. Der Schritt ist nicht nur prozessual, sondern auch strategisch, weil das Kölner Oberlandesgericht damit erneut prüfen muss, wie die E-Mails vom 8. und 9. März 2020 auszulegen sind. In den Nachrichten hatte der damalige Bundesgesundheitsminister Spahn den Kontakt zum Händler überraschend aufgenommen und anschließend über E-Mail nachgelegt; in den Akten finden sich daraus abgeleitete Formulierungen, die für den Klageansatz zentral sind. Timms Anwalt Dennis Geißer begründet die Berufung unter anderem mit dem Vorwurf, das erstinstanzliche Urteil dürfe Fehler enthalten, und verweist dabei auch auf konkrete Punkte wie die Annahme eines Vertragszustands.
Das erstinstanzliche Urteil in Bonn liefert den Kontrast: Das Gericht bewertete die Mails als bloße Interessenbekundung und nicht als Abschluss. Außerdem ging es um die Frage der Verjährung: Selbst wenn man die Nachrichten als rechtsrelevant betrachtet, können Ansprüche scheitern, wenn Fristen abgelaufen sind. Zusätzlich hatte der Kläger die Vernehmung Spahns als Zeugen beantragt, um die Einordnung der Kommunikation im Detail zu klären; diese Beweisaufnahme lehnte das Bonner Landgericht ab. Für die juristische Bewertung ist genau diese Mischung aus Auslegung und Verfahrensfragen entscheidend, denn sie prägt, wie stark sich ein E-Mail-Verkehr ohne ergänzende Zeugenstimme auf die Willensbildung einer Vertragspartei zurückführen lässt. Das Verfahren läuft unter dem Aktenzeichen 1 O 213/25.
Timms Seite setzt dagegen in der Berufungsbegründung vor allem auf eine zweite Spur: die Möglichkeit, dass die Rechtzeitigkeit der Ansprüche durch einen Mahnbescheid gehemmt wurde. In der Darstellung des Anwalts kommt der Hinweis auf einen Mahnbescheid aus dem Jahr 2023; genau solche Schritte können in Zivilprozessen eine Verjährungsfrist aufschieben, ohne dass dadurch bereits über das Bestehen des materiellen Anspruchs entschieden ist. Der Streit dreht sich damit nicht nur um die Frage, ob ein Vertrag zustande kam, sondern auch darum, wann ein Anspruch rechtlich „greifbar“ wurde und wie die prozessuale Kommunikation die Fristen beeinflusste. Geißer verweist außerdem darauf, die Erfolgsaussichten seien sorgfältig geprüft worden, und betont dabei, dass aus seiner Sicht aus den Mails ein Vertrag zustande gekommen sei.
Auch der Kontext der Corona-Beschaffung spielt hinein, allerdings weniger als „Schicksalserklärung“, sondern als Einordnung der Praxis im damaligen Beschaffungsumfeld. In der Branche standen im Frühjahr 2020 kurzfristig verfügbare Lieferketten und Restposten im Vordergrund; der Kläger beschreibt, seine Firma habe mit Restposten gearbeitet und gute Kontakte zu Textilfirmen im Ausland gehabt. Gerade bei solchen Ausgangslagen entstehen in der Realität häufig schnelle, kommunikative Zwischenschritte, etwa um Angebote abzugleichen oder Lieferfähigkeit zu signalisieren. Für Gerichte ist dann die Abgrenzung zwischen „formloser Bereitschaft“ und „rechtsgeschäftlicher Bindung“ zentral. Dazu gehört, dass bestimmte Formulierungen zwar nach Handlungsdruck klingen können, rechtlich aber trotzdem nicht automatisch ein Angebot oder eine Annahme darstellen.
Der Fall reiht sich in eine breitere Serie von Auseinandersetzungen zwischen Händlern und dem Bund ein, die sich laut Darstellung des Streits auf unterschiedliche Aspekte der Beschaffung beziehen. Hintergrund ist unter anderem ein Ausschreibungsverfahren des Gesundheitsministeriums Ende März 2022: Dabei habe das Ministerium mehr Ware vertraglich zugesichert bekommen als später tatsächlich benötigt wurde. In der Folge lehnte es in einem Großteil der Fälle die Annahme ab, etwa wegen behaupteter Qualitätsmängel oder angeblicher Fristversäumnisse; diese Punkte werden von den Klägern bestritten. Der Spahn-Komplex ist darin ein Sonderfall, weil er stärker an eine frühere Phase knüpft und die Frage der Vertragsentstehung über E-Mail-Kommunikation in den Vordergrund rückt. Dadurch wird der Rechtsstreit zu einem Test dafür, wie belastbar Kommunikationsdokumente in außergewöhnlichen Beschaffungssituationen juristisch sind.
Für die Berufungsinstanz wird entscheidend, wie das Oberlandesgericht die Willenserklärungen aus den konkreten Formulierungen, den zeitlichen Abläufen und dem Gesamtzusammenhang bewertet. Dass das erstinstanzliche Gericht die Vernehmung abgelehnt hat, bedeutet nicht automatisch, dass der Klageweg „technisch“ scheitert; vielmehr verschiebt es das Gewicht stärker auf die schriftliche Dokumentation. Dazu zählt auch die Frage, ob zusätzliche prozessuale Ereignisse wie Mahnbescheide ausreichen, um verjährungsrechtliche Hürden zu überwinden. Timms Seite arbeitet nun an der schriftlichen Begründung, damit das Kölner Oberlandesgericht sich zeitnah mit dem Sachverhalt befassen kann. Unabhängig vom Ausgang zeigt der Streit, wie hoch die Anforderungen an die rechtssichere Dokumentation auch in Krisenzeiten bleiben.
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