BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine zunächst als Spoofing klassifizierte SharePoint-Schwachstelle (CVE-2026-65660) entpuppt sich laut Viettel-Cyber-Security-Forscher Dinh Ho Anh Khoa als Authentifiziertes Remote Code Execution. Der Fehler betrifft SharePoint Server 2016, 2019 und die Subscription Edition und nutzt eine unescaped-Attributverarbeitung in der ToolPane-Komponente. Die Korrektur ist seit den Security Updates vom 11. August verfügbar und schaltet die problematische Funktion per Default ab. Zusätzlich zeigt Khoa eine mögliche Kettenausnutzung mit einer bereits gepatchten Authentifizierungsumgehung, die sonst zu Pre-Auth-RCE führen könnte.

Die Klassifizierung einer Schwachstelle entscheidet oft darüber, wie schnell Teams Prioritäten setzen. Im Fall von CVE-2026-65660 lag der Schwerpunkt zunächst auf einem Spoofing-Szenario mit CVSS 6,5. Die technische Ausarbeitung von Viettel Cyber Security (Dinh Ho Anh Khoa) zeichnet jedoch ein deutlich anderes Bild: Die Lücke in SharePoint Server ermöglicht authenticated remote code execution und erreicht laut den Details einen CVSS-Wert von 8,8. Unterm Strich bedeutet das für Sicherheitsverantwortliche weniger “kosmetische” Identitätsmanipulation, sondern potenziell die Ausführung von Code im Kontext eines autorisierten Angreifers.
Damit wird auch verständlich, warum die Einsortierung in der Praxis Zeit kosten kann. In der Advisory zu Microsofts Einordnung wird die Wirkung auf Integrität oder Verfügbarkeit nicht berücksichtigt; stattdessen wird die Schwachstelle primär als Spoofing beschrieben. Die separat veröffentlichte CVE-Zeile nennt dagegen Remote Code Execution und ordnet denselben Schwachstellentyp CWE-94 als Code-Injection-Bezug zu. Genau diese Divergenz kann bei der internen Triagierung zu unterschiedlichen Maßnahmen führen: Wer das Ticket als “moderate Spoofing”-Lücke behandelt, achtet weniger auf die Pfade, über die tatsächlich beliebige.NET-Klassen nachgelagert registriert und ausgeführt werden könnten.
Technisch verankert ist die Schwachstelle im Bereich, wie SharePoint serverseitige Controls gegen eine erlaubte Liste prüft. Die SafeControls-Liste soll verhindern, dass gefährliche Klassen geladen werden. Laut Khoa entsteht jedoch eine Lücke im ToolPane-Komponentenpfad, wenn Web-Part-Markup verarbeitet wird: Bei der Rekonstruktion von Register-Direktiven schreibt das System Attributwerte zwischen doppelten Anführungszeichen, wobei Anführungszeichen im Inneren nicht korrekt escaped werden. Dadurch kann ein Angreifer zusätzliche Direktiven einschleusen – mit der Folge, dass nach dem Typ-Check zwar noch geprüft wirkt, aber vor dem tatsächlichen Laden des Controls beliebige Klassen registriert werden können.
Die eigentliche Codeausführung baut dann auf der Fähigkeit auf, beliebige Klassenladungen zu erreichen. Mit geladenen.NET-Typen kann der Angreifer den Mechanismus XamlServices.Parse() für Deserialisierung missbrauchen und so Codeausführung auslösen. Besonders brisant ist dabei, dass Khoa in der Beschreibung einen funktionierenden In-Memory-Webshell-Payload nennt, der laut seinen Angaben die typische Hürde umgeht, die andere Deserialisierungsansätze wegen fehlender Registry-Rechte aus dem Tritt bringen. Für Verteidiger heißt das: Reine Beobachtung “nur” von Defekten in der Eingabevalidierung reicht nicht, sondern es braucht Detektions- und Hardening-Strategien entlang der späteren Pfadlogik bis zur Kontrolle des Execution-Handlers.
Der Bericht macht zudem deutlich, warum die Einordnung als “unwahrscheinliche Ausnutzung” nicht automatisch Entwarnung bedeutet. Khoa demonstriert eine Kettenausnutzung, bei der sich der RCE-Weg mit einem separaten, bereits gepatchten Authentifizierungsbypass kombinieren lässt, um in Konfigurationen mit anonymem Seitenzugriff in eine Pre-Authentication-Remote-Code-Execution-Strategie zu gelangen. Den Angaben zufolge wurde dieser Bypass durch einen Patch am 9. Juni behoben; Systeme, die das Update korrekt angewendet haben, sollen dadurch nicht in die Pre-Auth-Variante fallen. Wichtig für die Praxis: Diese Art “Kombinationsangriff” schlägt nicht unbedingt über den gleichen Pfad ein, sondern nutzt das Zusammenspiel aus mehreren Schwächen und Patch-Zeitpunkten.
Auch organisatorisch ist der Zeitplan relevant. Microsoft zufolge sind die Fixes seit den Security Updates vom 11. August verfügbar; Khoa ergänzt, dass die problematische Funktion dabei standardmäßig deaktiviert wird, was die Angriffsfläche reduziert. Gleichzeitig berichtet der Forscher, dass keine Ausnutzung von CVE-2026-65660 “in the wild” gemeldet sei und die Schwachstelle nicht im Katalog bekannter ausgenutzter Lücken auftauche. Für Teams bedeutet das: Zwar fehlt ein Beleg für aktives Breiten-Scanning, doch der vollständige Exploit-Markup ist inzwischen öffentlich, und Khoa sagt, er habe den Exploit in Penetration-Testing-Engagements verwendet. In der Konsequenz steigt der Druck auf Patch-Management, sobald eine Lücke technisch reproduzierbar ist.
Schließlich lohnt ein Blick auf den betroffenen Softwareumfang. Khoa sagt, der Fehler wirke auch in SharePoint 2013, während Microsofts Advisory nur SharePoint 2016, 2019 und die Subscription Edition aufführt. SharePoint 2013 gilt zudem seit April 2023 als nicht mehr unterstützt, was für viele Organisationen die Lage zuspitzt: Wer noch Restbestände auf dem Legacy-Stack betreibt, bekommt keine offiziellen Sicherheitsupdates mehr und muss daher auf Migrationspläne, Segmentierung und zusätzliche Schutzmaßnahmen ausweichen. In Summe zeigt der Fall, wie stark sich Prioritäten verschieben können, wenn sich eine Schwachstelle von einer “harmloseren” Kategorie hin zu einem echten Ausführungsrisiko entwickelt – und wie entscheidend sauberes, technikorientiertes Risikoverständnis für den Betriebsalltag von SharePoint-Installationen ist.
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