KASSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die IG Metall mobilisiert bei VW in Baunatal und bei Daimler Truck in Kassel gegen Stellenabbau und für den Erhalt der Industriestandorte. In Kassel nahmen am Montag laut Angaben vor Ort rund 150 Beschäftigte an einer öffentlichen Aktion vor dem Werkstor teil, während sich im Volkswagenwerk intern mehrere Hundert beteiligten. Die Gewerkschaft lehnt längere Arbeitszeiten sowie Einschnitte ab und fordert stattdessen Investitionen in neue Produkte und Technologien. Die Auseinandersetzung soll zudem in die anstehende Tarifrunde getragen werden, nachdem die Friedenspflicht am 31. Oktober endet.

Die Bilder am Werkstor wirken auf den ersten Blick überschaubar: Rund 150 Beschäftigte standen am Montag bei Daimler Truck in Kassel vor dem Eingang, traten in einer Mittagspause sichtbar auf und machten mit lautstarken Ansagen deutlich, dass der Druck in der Autoindustrie für sie nicht abebbt. Dass der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Dieter Seidel gleichzeitig „drei- oder viermal so viele“ Teilnehmende erwartet hatte, zeigt aber vor allem eines: Die Sorgen um Arbeitsplätze und Planbarkeit sind breit, die Bereitschaft zur sichtbaren, kurzfristigen Aktion hingegen bleibt in absoluten Zahlen begrenzt. Der Termin war Teil eines bundesweiten Automobilprotesttags der Gewerkschaft, der in Nordhessen mehrere Standorte zusammenführte – von Volkswagen in Baunatal über Daimler Truck in Kassel bis hin zu einem Zulieferer am Standort Schaeffler Vitesco in Bebra.
Technisch und organisatorisch interessant ist dabei die unterschiedliche Form, wie Protest und Beteiligung an den Werken ausgetragen wurden. In Kassel fand die Aktion vor dem Werkstor und damit öffentlich statt, während im Volkswagenwerk in Baunatal die Veranstaltung intern lief. Laut IG Metall wurden dort für die Früh- und Spätschicht zwei dezentrale Betriebsversammlungen im Bereich Gießerei sowie eine außerordentliche Zusammenkunft der Vertrauensleute organisiert; außerdem hätten sich vormittags 500 und nachmittags 350 Beschäftigte beteiligt. Vom Haupttor zum Versammlungsraum zogen die Protestierenden „trommelnd und klatschend“ – ein Ablauf, der zeigt, wie stark solche Tage auf unternehmensinterne Kommunikationswege, Schichtlogistik und die Koordination zwischen betrieblichen Gremien und Belegschaft angewiesen sind.
Im Hintergrund steht eine Debatte, die in der Produktion vieler Autohersteller längst die Werkhallen erreicht hat: Wie wird der Umbau finanziert, und wer trägt die Folgen? Die Kasseler Achswerk-Fakten liefern dafür einen wichtigen Kontext. Die knapp 2700 Beschäftigten in Kassel seien derzeit „besser abgesichert“ als viele Kolleginnen und Kollegen in der Branche, weil eine Vereinbarung den Standort sichert und betriebsbedingte Kündigungen bis 2035 ausschließt. Genau deshalb war die Warnung von Dieter Seidel so zugespitzt: Man dürfe sich nicht darauf ausruhen, denn wenn andere Arbeitgeber andernorts längere Arbeitszeiten durchsetzen und Einschnitte vornehmen, könne der Druck früher oder später auch bei Daimler Truck ankommen. Aus Sicht der Gewerkschaft ist das also weniger eine Frage einzelner Standorte als eine Kettenreaktion über die Branche hinweg.
Die IG Metall setzt dabei auf eine klare Forderungskante: längere Arbeitszeiten und Einschnitte lehnt sie ab und stellt dem die Investitionsagenda entgegen. Dennis Schindehüttte brachte den Kern der Argumentation in der Erzählweise der Gewerkschaft auf den Punkt: Mit mehr Arbeit ließe sich das Problem nicht lösen, und „da wird auch kein einziges Fahrzeug mehr verkauft werden, nur weil wir mehr arbeiten“. Diese Logik zielt auf die Ursachenfalle, in die sich Unternehmen im Umbruch häufig begeben: Wenn Nachfrage, Produktstrategie und industrielle Umrüstung unterschiedlich schnell wachsen, können Mehrarbeit und Personalkürzungen zwar kurzfristig Kapazität schaffen, langfristig aber die Wettbewerbsfähigkeit untergraben. Die Gewerkschaft fordert daher Investitionen in neue Produkte und Technologien und betont zugleich, dass Beschäftigte bereit seien, den Wandel aktiv mitzugestalten.
Dass die Debatte nicht nur im Werk beginnt, sondern auch in den Wertschöpfungsstufen darunter ankommt, machte ein weiterer Akteur beim Protest vor dem Daimler-Werk sichtbar: Thomas Biallaß vom Betriebsrat des Autohauses Emil Frey verwies darauf, dass sich das, was in den Werken passiert, nicht „vorne am Werkstor“ erledige. Sinkende Produktion treffe demnach Handel, Werkstätten und Zulieferer – also jene Bereiche, die oft zeitverzögert auf Änderungen in der Fahrzeugproduktion reagieren. Für das Management und für Betriebsräte bedeutet das: Planungssicherheit betrifft nicht nur Schichten und Maschinen, sondern auch Dienstleistungs- und Zulieferketten, in denen Personalbedarfe, Lagerhaltung und Servicekapazitäten auf Produktionszyklen abgestimmt sind. Der Aktionstag versteht sich deshalb nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Startpunkt einer längeren Auseinandersetzung.
Entsprechend formulierten die Gewerkschaftsvertreter den nächsten Schritt vorwärts und verknüpften den Protest mit der tariflichen Taktung. Schindehüttte bezeichnete den Aktionstag als „Anfang und nicht das Ende“ und stellte in Aussicht, dass die Auseinandersetzung in die anstehende Tarifrunde getragen wird. Zeitlich wird die Lage zusätzlich durch die Friedenspflicht strukturiert, die am 31. Oktober endet; bereits in der ersten Novemberwoche rechnet Schindehüttte mit weiteren Aktionen. Für Unternehmen ist das Signal eindeutig: In einer Phase, in der Produktionsumstellungen typischerweise sowohl Technik- als auch Personalentscheidungen nach sich ziehen, steigt die Bedeutung belastbarer Investitions- und Qualifizierungspfade. Denn wenn die Diskussion nur über Arbeitszeit und Einsparungen geführt wird, wird sie aus Sicht der IG Metall den industriellen Umbau nicht tragen – sondern im schlechtesten Fall beschleunigen.
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