LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere große Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für Deutschland wieder mit spürbarem Wachstum. Für das laufende Jahr erwarten sie ein Plus von 1,3 Prozent beim realen BIP, im kommenden Jahr 1,1 Prozent. Gleichzeitig warnen die Institute vor zu wenig Haushaltsdisziplin und kritisieren einen möglichen Konflikt mit dem EU-Ausgabenpfad. Ergänzt wird der Optimismus durch den Ifo-Geschäftsklimaindex, der im September von 88,8 auf 89,9 Punkte stieg.

Die Konjunkturzeichen in Deutschland werden deutlich freundlicher, allerdings nicht in einer Form, die Entwarnung rechtfertigt. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose haben die großen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr nach oben korrigiert: Statt eines deutlich schwachen Bilds erwarten sie nun einen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,3 Prozent. Für das nächste Jahr prognostizieren sie 1,1 Prozent Wachstum. Damit läge die Entwicklung wieder im Bereich „spürbar“, nachdem zuvor drei Jahre aus Rezession und Stagnation bestanden haben. Gleichzeitig bleiben die Belastungen greifbar: höhere Energiepreise und die Folgen der Trockenheit trafen etwa den Lastenverkehr auf dem Rhein zeitweise. Für 2028 sehen die Institute allerdings nur noch 0,4 Prozent Wachstum – ein Hinweis darauf, dass die Erholung zwar anzieht, aber in eine langfristig flachere Dynamik eingebettet bleibt.
Technisch betrachtet steckt hinter der Prognose eine Kombination aus zyklischen Effekten und strukturellen Bremsspuren. Die Institute gehen davon aus, dass die Inflation im laufenden und kommenden Jahr bei rund drei Prozent liegen dürfte und erst danach auf etwa zwei Prozent zurückgeht. In ihren bisherigen Annahmen war das Bild schwächer: Im Frühjahr hatten sie für das laufende Jahr noch ein Plus von 0,6 Prozent erwartet. Der Unterschied zeigt, dass die Messpunkte inzwischen eine bessere Lage widerspiegeln, aber die Schwäche der Nachfrage nicht einfach verschwunden ist. Genau hier setzt auch die Interpretation der Institute an: Die Gemeinschaftsdiagnose bildet die Grundlage für die BIP-Prognosen der Regierung und die Steuerschätzung – sie wirkt also direkt in politische Planungsrechnungen hinein.
Auch die aktuelle Umfrage-Datenlage deutet auf eine Konjunkturphase hin, die sich zumindest stabilisiert. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im September von 88,8 auf 89,9 Punkte und damit zum fünften Mal in Folge. Unternehmen bewerteten ihre Geschäftslage positiver, und die Erwartungen hellten sich weiter auf. Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, kommentierte: „Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Erholungskurs fort.“ Besonders sichtbar ist die Verbesserung in drei Bereichen: verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungssektor und Handel. Demgegenüber stagniert das Bauhauptgewerbe, während die Exporterwartungen im September leicht sanken – von 9,8 auf 8 Punkte. Das Minus liegt nach Angaben des Ifo vor allem an schlechteren Exportperspektiven der Automobilwirtschaft, einem Sektor, der seit der Umstellung auf neue Antriebs- und Lieferkettenlogiken oft besonders sensibel auf Rahmenbedingungen reagiert.
Für die Investitionsseite bleibt die Lage dagegen ambivalent. Oliver Holtemüller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, machte laut den Berichten vor Journalisten klar, dass der Aufschwung auf einem schmalen Fundament steht. In diesem Jahr stützt sich die wirtschaftliche Erholung demnach vor allem auf eine robuste Nachfrage aus dem Ausland und steigende öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur. Privater Konsum und private Investitionen laufen hingegen schwächer. Die Institute verweisen bei den Auftragseingängen aus dem Inland für Investitionsgüter darauf, dass sich die Werte zuletzt – ohne Großaufträge betrachtet – lediglich stabilisiert haben. Daraus leiten sie eine anhaltende Investitionszurückhaltung privater Unternehmen ab. In Zahlen bedeutet das: Die privaten Unternehmensinvestitionen sollen in diesem Jahr um 2,6 Prozent steigen, danach aber deutlich langsamer, nämlich um 1,6 Prozent und 1,4 Prozent in den Folgejahren. Für Unternehmen ist das vor allem eine Planungsfrage: Wer investiert, kann sich zwar auf einen allmählich besseres Umfeld stützen, muss aber mit einer unsicheren Nachfragedynamik und einem eher „schrittweisen“ Auslaufen der Schwäche rechnen.
Der kritischste Teil der Meldung betrifft die Wirtschaftspolitik und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen. Die Institute warnen angesichts des starken Zuwachses bei staatlichen Ausgaben und Krediten, dass der Staat seine Spielräume überschätzt. Die Ausgabenquote – Staatsausgaben im Verhältnis zum BIP – soll von 50,2 Prozent im vergangenen Jahr bis 2028 auf 52 Prozent steigen. Auch die Defizitkennziffern bewegen sich in eine Richtung, die Konsolidierung künftig schwerer machen dürfte: Das staatliche Finanzierungsdefizit soll von 3 Prozent des BIP im vergangenen Jahr über 4,1 Prozent in diesem Jahr bis auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 zunehmen. Die Schuldenquote wiederum wird von 62,7 Prozent auf rund 69 Prozent steigen. Hinzu kommt eine steigende Zinsbelastung, die künftigen Regierungen mehr „Budgetdruck“ macht – ein Mechanismus, der in Hochzinsphasen schnell spürbar wird, weil Zinsausgaben weniger flexibel sind als etwa Investitions- oder Ausgabeposten.
Besonders brisant ist die Konstellation mit den EU-Fiskalregeln. Nach Angaben der Institute droht Deutschland in einen Konflikt mit dem reformierten fiskalpolitischen Ordnungsrahmen der Europäischen Union zu geraten, der seit 2024 stärker über einen festgelegten Pfad der Staatsausgaben als über rein fiskalische Defizitziele steuert. Die Institute rechnen damit, dass Deutschland in diesem Jahr sowie in den Jahren 2027 und 2028 den zulässigen Anstieg der Staatsausgaben überschreitet und damit die notwendige Sanierung des Staatshaushalts in die Zukunft verschiebt. Selbst bei Einhaltung der nationalen Schuldenbremse würde die Schuldenquote mittelfristig weiter steigen, und die Zinsausgaben dürften erheblich zunehmen. Damit wachse der Konsolidierungsbedarf, also die Notwendigkeit, dass der Staat weniger Geld ausgibt oder die Steuern anhebt. OECD-Hinweise zur Ausgabendisziplin und Warnungen vor steigenden Anleiherenditen passen in dieses Bild: Die Spielräume werden weniger durch politische Ambitionen als durch Zins- und Regelmechanik begrenzt.
Für die nächsten Monate ist entscheidend, wie sich die inländische Nachfrage entwickelt und wie schnell der Arbeitsmarkt der Konjunktur hinterherläuft. Im kommenden Jahr sollen nach Prognose vor allem die inländische Verwendung und damit ein moderater Aufschwung des privaten Konsums den Takt vorgeben. Zusätzlich erwarten die Institute einen allmählichen Anstieg der Wohnungsbauinvestitionen, die in den vergangenen Jahren einen großen Teil der Flaute mitgetragen haben. Wie üblich verzögert sich der Arbeitsmarkt: Die Erwerbstätigkeit dürfte zunächst weiter sinken, die Arbeitslosenquote soll in diesem Jahr bei 6,4 Prozent liegen und erst 2028 unter sechs Prozent fallen. Im Durchschnitt über beide Jahre erwarten die Institute Arbeitslosenzahlen von mehr als 2,9 Millionen Personen. Für Unternehmen und Beschäftigte bedeutet das: Selbst wenn sich die Konjunkturlage verbessert, bleibt der Übergang in Richtung stabiler Beschäftigung eher graduell. Für die Unternehmensplanung wirkt die Kombination aus besserer Außenkonjunktur, Investitionszurückhaltung und fiskalischem Druck wie ein enges Zeitfenster – wer heute strategisch bündelt, muss gleichzeitig auf die Fähigkeit des Staates setzen, Budgetpfade einzuhalten.
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