LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft starke Symptome von Internetabhängigkeit mit langfristigen Veränderungen im Stresssystem des Körpers. In Haarproben fanden Forschende niedrigere Konzentrationen des Stresshormons Cortisol bei Personen mit höherer Belastung. Gleichzeitig zeigte sich keine Verbindung zu langfristigen Testosteronwerten im Haar. Das deutet darauf hin, dass bei anhaltender Überforderung eher eine „Erschöpfung“ der Stressachsen als ein klassisches Reaktionsmuster beteiligt sein könnte.

Die Diskussion um Internetabhängigkeit dreht sich meist um Verhalten: zu viel Scrollen, zu lange Gaming-Sessions oder der Griff zum Smartphone, obwohl Schule, Job oder soziale Termine darunter leiden. Neue Daten aus Japan verschieben den Fokus jedoch spürbar Richtung Biologie. In einer Untersuchung, die in Psychoneuroendocrinology veröffentlicht wurde, wurden vor allem langfristige Stressmarker im menschlichen Haar analysiert. Damit entsteht ein Bild, das weniger die kurzfristige Stressspitze erfasst, sondern eher die über Wochen aufsummierte „Arbeitsweise“ des hormonellen Systems.
Technisch hängt das mit einer zentralen Messfrage zusammen: Cortisol gilt als wichtigstes Stresshormon, doch in Speichel- oder Blutproben schwankt es stark. Der Tagesrhythmus, jüngste Bewegung, Alkohol, selbst ein kurzer Moment akuter Anspannung direkt vor der Entnahme können die Werte binnen Minuten verändern. Die Forschenden um Hideki Tsumura von der Tokushima University und Shuhei Izawa vom National Institute of Occupational Safety and Health in Japan nutzten deshalb eine andere Quelle. Sie analysierten Hormone, die im Haar eingeschlossen sind. Da Haare im Mittel etwa einen Zentimeter pro Monat wachsen, lässt ein etwa drei Zentimeter langer Abschnitt nahe der Kopfhaut Rückschlüsse auf eine rund dreimonatige Phase zu.
Im Studiendesign spielte neben Cortisol ein zweites Hormon eine Rolle: Testosteron. Dieser Botenstoff wird in vielen Kontexten mit Belohnungs- und Risikoverarbeitung in Verbindung gebracht. Die Studienlogik dahinter: Internetabhängigkeit ist häufig dadurch gekennzeichnet, dass kurzfristige Online-Belohnungen gewählt werden, obwohl langfristig negative Folgen drohen. Da sich Cortisol- und Testosteronsysteme gegenseitig beeinflussen können, erwarteten die Autorinnen und Autoren zumindest eine plausible Kopplung zwischen dem Ausmaß der Abhängigkeitssymptome und den langfristigen Testosteronkonzentrationen im Haar. Um die Vergleichbarkeit zu erhöhen, wurden 155 japanische Studierende rekrutiert (94 Frauen, 61 Männer, im Schnitt etwa 21 Jahre) und Personen mit endokrinen Erkrankungen, akuten psychischen Zuständen sowie mit Medikamenten ausgeschlossen, die Hormonspiegel beeinflussen könnten – darunter auch hormonelle Kontrazeptiva.
Die Teilnehmenden beantworteten den Internet Addiction Test, der unter anderem erfasst, wie oft die Internetnutzung Schlaf, schulische bzw. berufliche Leistung oder soziale Interaktionen stört. Zusätzlich wurde der aktuelle Depressionsstatus erhoben. Für die Laborarbeit entfernten die Forschenden zunächst externe Kontaminationen aus den Haarproben durch chemische Lösungsmittel, froren die Proben anschließend in Flüssigstickstoff ein und zerkleinerten sie zu feinem Pulver. Erst dann ließen sich die eingeschlossenen Hormone extrahieren und quantifizieren. In der statistischen Auswertung kontrollierten die Forschenden Variablen wie Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index und Depressionswerte sowie Haarpflegefaktoren wie Bleichen, Dauerwellen sowie die Häufigkeit des Haarwaschens – ein wichtiger Punkt, weil solche Routinen die Haarchemie verändern können.
Das Ergebnis ist besonders klar bei Cortisol: Die Haar-Cortisol-Konzentrationen standen negativ mit den Internetabhängigkeitssymptomen in Verbindung. Je stärker die berichteten Symptome, desto weniger Cortisol war langfristig im Haar „gespeichert“. Betrachtet man die Teilnehmenden zusätzlich in zwei Gruppen anhand eines Standard-Cutoffs, zeigte die Gruppe mit höherer Internetabhängigkeit im Mittel niedrigere Cortisolwerte als die Vergleichsgruppe. Für Testosteron fand das Team dagegen keine Assoziation; weder bei Frauen noch bei Männern war ein Zusammenhang zwischen Internetabhängigkeitssymptomen und langfristigen Testosteronkonzentrationen im Haar messbar. Die Forschenden interpretieren den Cortisolbefund als mögliches Muster einer chronischen Belastungsdynamik: Auf anhaltenden Stress kann zunächst vermehrte Cortisolproduktion folgen, danach jedoch eine Abschwächung, also eine Art physiologische „Abflachung“ der Stressachse.
Diese Deutung knüpft an Beobachtungen aus anderen psychischen Belastungsszenarien an. Niedrigere Cortisolmarker im Haar wurden bereits bei posttraumatischer Belastungsstörung, schwerer Depression und lang anhaltenden adversen Lebensumständen berichtet. Für die Praxis heißt das nicht, dass jede starke Internetnutzung automatisch zu einer ähnlichen biologischen Signatur führt. Aber die Studie liefert einen biologischen Anker dafür, dass sich hinter den Verhaltenssymptomen möglicherweise über Zeit ein erschöpftes Stresssystem verbirgt. Gleichzeitig bleibt der entscheidende methodische Haken bestehen: Die Untersuchung ist querschnittsbasiert, sie bildet einen Zeitpunkt ab. Ohne Längsschnittdaten kann sie nicht klären, ob ein bereits verändertes Stresssystem die Anfälligkeit für problematische Internetnutzung erhöht oder ob sich das Verhalten mit der Zeit in Richtung „Burn-out“ der Stressregulation auswirkt. Zudem könnten unbeobachtete Faktoren wie früheres Trauma die Biomarker beeinflusst haben.
Für Unternehmen und Plattformbetreiber ist das besonders relevant, weil sich daraus Konsequenzen für Prävention und Behandlung ableiten lassen könnten. Wenn sich Belastung nicht nur als Frage der Nutzungsdauer, sondern auch als langfristige physiologische Signatur darstellt, verschiebt sich der Bedarf weg von rein verhaltensgetriebenen Kampagnen hin zu Programmen, die Stressregulation, Schlafhygiene und psychische Stabilisierung systematisch adressieren. Für KI-gestützte Monitoring- oder Empfehlungssysteme bedeutet es außerdem: Ein „mehr Nutzung“ als alleiniger Risikosignalgeber greift möglicherweise zu kurz, während personalisierte Unterstützung dort eher ansetzen müsste, wo Stress und mentale Überforderung zusammenlaufen. In den kommenden Schritten werden vor allem Studien mit wiederholten Messzeitpunkten nötig sein, um aus der beobachteten Assoziation eine kausale Erzählung zu machen und die Rolle von Cortisol im Verlauf problematischer Internetnutzung präziser einzuordnen.
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