MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die BFU untersucht einen Beinahe-Unfall einer Boeing 787-9 der Vietnam Airlines in München, bei dem das Flugzeug beim Start über die Startbahn hinauslief. Laut Zwischenbericht wurden dabei die Bremsen der Maschine betätigt; wie es dazu kam, bleibt zunächst offen. Der Copilot erhöhte kurz vor dem Abheben den Triebwerksschub manuell, während die Pedale auf der Pilotenseite bewegt worden sein sollen. Eine abschließende Bewertung der Ursache soll erst im Abschlussbericht rund ein Jahr nach dem Ereignis folgen.

In München wirft ein Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) Fragen auf, weil beim missglückten Start einer Boeing 787-9 der Vietnam Airlines Bremsen betätigt worden sein sollen. Das Flugzeug war Mitte August nach der Startfreigabe über die Startbahn hinausgeschossen, konnte aber gerade noch abheben. Verletzt wurde laut BFU niemand, dennoch ist der Kern des Rätsels klar: Welche Software- oder Hardware-Mechanik und welche menschliche Interaktion während des Startlaufs dazu geführt haben, dass ein Bremsvorgang registriert wurde.
Technisch betrachtet ist der Befund deshalb brisant, weil Startvorgänge im Normalfall ohne aktives Bremsen ablaufen. Pilot Sebastian Kloth, Leiter der Arbeitsgruppe Accident Analysis & Prevention (AAP) der Pilotenvereinigung Cockpit, ordnet das ein: Für einen regulären Start würden keine Bremsen verwendet; als Gegenmaßnahme bei einem Abbruch greift typischerweise eine automatische Bremsfunktion. Alternativ könne ein Start auch komplett manuell abgebremst werden, wobei die manuelle Bremse über Fußpedale gesteuert wird – und genau hier liegt der mögliche Überschneidungsbereich zwischen Steuerung und Bremse: Die gleiche Bauweise kann in Einzelfällen dazu führen, dass Pedalbewegungen während des Starts versehentlich auch Bremswirkung entfalten.
Für die Interpretation ist außerdem entscheidend, was die BFU im Zwischenstand tatsächlich zeigt und was noch fehlt. Der Bericht soll nach Darstellung der BFU vor allem Fakten sammeln, nicht abschließend erklären. Kloth verweist darauf, dass der Zwischenbericht zwar Auffälligkeiten markiere, aber noch nicht beantworte, wodurch der registrierte Bremsvorgang ausgelöst wurde. Zudem betont er, dass eine zentrale Stellungnahme der Piloten noch nicht in der verfügbaren Darstellung enthalten ist, obwohl sie für das Verständnis der Abläufe im Cockpit typischerweise maßgeblich ist. Auch der BFU-Sprecher macht deutlich, dass der Abschlussbericht – voraussichtlich etwa ein Jahr nach dem Unfall – die Analyse und Bewertung der Ursache liefern soll.
Der Ablauf vor dem Abheben lässt sich aus dem Zwischenstand zeitlich fassen: Die Boeing 787-9 erhielt am 15. August um 13.55 Uhr die Startfreigabe. Kurz darauf wurde der Startlauf aktiviert, und Sekunden danach soll die Bremspedale ausgelöst und permanent gehalten worden sein. Kurz vor dem Abheben erhöhte der Copilot den Triebwerksschub manuell; laut BFU führte das dazu, dass das Flugzeug über die Startbahn hinauslief, auf das Gras dahinter geriet und dennoch im letzten Moment abheben konnte. Dabei kam es zu Kollisionen von Heck und Fahrwerk mit 20 Lampen des Beleuchtungssystems an der Startbahn; auch der Rumpf wurde beschädigt. Nach der Landung stellte die BFU zudem Schäden an vier Reifen fest.
Auffällig ist dabei auch, was das Timing der Geschwindigkeit im Startlauf betrifft. Kloth hebt hervor, dass das Flugzeug während des Starts 18 Sekunden lang die gleiche Geschwindigkeit beibehalten habe, statt wie erwartet zu beschleunigen. Für Außenstehende wirkt das zunächst wie ein technischer oder verfahrensbezogener Stopp im System, für die Untersuchung bedeutet es aber vor allem: Es muss nachvollzogen werden, welche Informationen die Besatzung zu diesem Zeitpunkt erhielt, wie sie die Situation interpretierte und warum die Handlungen anschließend in Richtung „letzter Moment“ eskalierten. Ohne die fehlende Pilotenperspektive bleibt die technische Plausibilität allein nur ein Teilbild; deshalb warnt Kloth bei der Interpretation ausdrücklich.
Neben der Frage nach Bremsauslösung und Geschwindigkeit rückt der Bericht auch Kommunikations- und Besatzungsaspekte in den Fokus. In der Funkkommunikation mit dem Tower soll der Pilot das Kürzel „pan pan“ verwendet haben, ein Dringlichkeitssignal im internationalen Flugverkehr, das unterhalb des Notsignals „Mayday“ angesiedelt ist. Der Zwischenstand beschreibt außerdem einen Pilotenwechsel: Vier Piloten saßen im Cockpit; einer soll den Platz des 64-jährigen Startverantwortlichen übernommen haben, obwohl dieser laut Bericht über mehr Flugerfahrung verfügte. Der Flug wurde dann nach Angaben der BFU abgebrochen; in Abstimmung mit der Flugsicherung ließ man 62 Tonnen Kerosin ab, weil das voll betankte Flugzeug für die Landung zu schwer gewesen wäre. Anschließend flog die Maschine zweimal am Flughafen vorbei, während das Bodenpersonal eine Sichtprüfung vornahm, bevor nach rund zwei Stunden die Landung erfolgte.
Für die Branche ist der Zwischenstand vor allem deshalb relevant, weil er zeigt, wie eng bei Großflugzeugen Verfahrensdisziplin, Bedienlogik und die Auswertung von Flugdaten zusammenlaufen. Die BFU hat unter anderem Teile der Bremssysteme sichergestellt, um sie genauer zu untersuchen – das ist ein klassischer Schritt, um Hardwarefehler, Verkabelungs- oder Sensorprobleme vom menschlich veranlassten Pedalgebrauch zu trennen. Gleichzeitig bleibt Raum für Kombinationen aus technischen und menschlichen Faktoren, wie Kloth es grundsätzlich beschreibt. Für Unternehmen und Technikverantwortliche in der Luftfahrt bedeutet das: Schon die Zwischenphase der Unfalluntersuchung liefert wichtige Ansatzpunkte für Schulungsthemen, Wartungsroutinen und die genaue Auslegung von Anzeigen, aber die belastbaren Schlussfolgerungen kommen erst mit dem Abschlussbericht.
Auch wenn bei dem Ereignis keine Verletzten zu beklagen waren, macht der Fall deutlich, wie schnell sich ein Startszenario in eine kritische Grenzlage entwickeln kann, selbst wenn die Crew noch rechtzeitig gegensteuert. Der weitere Verlauf der BFU-Untersuchung wird daher genau beobachtet werden: Nicht nur die Frage, ob der Bremsvorgang versehentlich ausgelöst wurde, sondern auch, wie die Cockpit-Umgebung – Anzeigen, Entscheidungszeitfenster und Teamabsprachen – das Handeln während der 18 Sekunden Geschwindigkeitsstagnation beeinflusst hat. Bis dahin bleibt der Zwischenstand ein Puzzleteil, das zwar den Weg zur Erklärung weist, die endgültige Ursache aber noch offenlässt.
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