BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Übernahme von 178 Tegut-Märkten durch Edeka sorgt für neuen Gegenwind aus der Wettbewerbspolitik. Die Monopolkommission kritisiert die wachsende Marktkonzentration und erwartet Nachteile für Verbraucherinnen und Verbraucher. Das Bundeskartellamt hatte das Vorhaben zwar genehmigt, Edeka musste es aber gegenüber dem ursprünglichen Plan verkleinern. Unklar bleibt derweil, wie es mit weiteren Tegut-Standorten weitergeht, während auch andere Händler Kaufinteressen signalisieren.

Die geplante Übernahme von Tegut-Filialen durch Edeka ist im Lebensmitteleinzelhandel weniger ein lokales Einkaufssignal als vielmehr ein weiterer Schritt in Richtung hoher Konzentration. Im Kern geht es um 178 Tegut-Supermärkte, die Edeka übernehmen soll – ein Umfang, der im Vergleich zum ursprünglichen Vorhaben reduziert wurde. Für die Wettbewerbspolitik ist das ein klassischer Prüfstein: Sinkt mit jeder Fusion die Anzahl unabhängiger Anbieter, steigt das Risiko, dass Preise, Konditionen und Sortiment über längere Zeit weniger stark durch Wettbewerb „nach unten“ und „nach vorn“ getrieben werden. Genau an dieser Stelle setzt die Kritik an, die die Monopolkommission in der aktuellen Debatte verstärkt.
Der Präsident der Monopolkommission, Tomaso Duso, benennt dabei sowohl das Wettbewerbsproblem als auch den Vollzug durch die Kartell- und Wettbewerbsbehörden. „Für den Wettbewerb ist es schmerzlich, dass ein weiterer Händler vom Markt verschwindet“, sagte Duso. Gleichzeitig sieht er den entscheidenden Hebel nicht nur in der Genehmigung selbst, sondern in der nachgelagerten Kontrolle des Marktverhaltens: „Die Behörden werden jetzt noch intensiver darauf achten müssen, dass die großen Vier die Preise nicht hochtreiben oder Innovationen verhindern.“ Mit den „großen Vier“ sind Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe gemeint. Aus technischer Sicht lässt sich das als ein Problem weniger „eines“ Produkts erklären, sondern als strukturelles Risiko: Wenn Anbieter im Markt sich stark ähneln, weil Sortiment und Beschaffungswege zunehmend an ähnliche Skaleneffekte gekoppelt sind, nimmt die Wirksamkeit von Preissignalen ab.
Dass die Behörde überhaupt grünes Licht gegeben hat, wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zur Sorge um Marktmacht. Die Genehmigung des Bundeskartellamts bezog sich jedoch auf ein angepasstes Vorhaben: Edeka musste sein Vorhaben abspecken und darf sich zunächst nur die 178 Tegut-Märkte einverleiben. Ursprünglich waren mehr Standorte geplant; die Zahl liegt nun um 24 unter dieser Planung. Das Bundeskartellamt begründet die Entscheidung damit, dass auf diese Weise in den betroffenen Regionen Verschlechterungen für Verbraucherinnen und Verbraucher vermieden werden sollen. In der Praxis bedeutet das: Die Behörde setzt bei der räumlichen und marktbezogenen Betrachtung an, weil die Wettbewerbsintensität häufig lokal kippt. Selbst wenn ein Konzern überregional groß ist, entscheidet sich die Marktdynamik oft in konkreten Einzugsbereichen.
Die Monopolkommission stellt genau diese Logik inzwischen grundsätzlich infrage. Laut dem unabhängigen Beratungsgremium vereinten die vier großen Handelsketten in Deutschland bereits heute mehr als 90 Prozent der Umsätze des hiesigen Lebensmitteleinzelhandels. Daraus leitet das Gremium ab, dass ein zentraler Bereich der Versorgung in Deutschland faktisch in den Händen von nur vier Unternehmen konzentriert ist. Besonders relevant ist dabei die Kombination aus Marktanteil und Homogenität: Das Sortiment sei weitgehend gleich, und in einem sehr transparenten Markt könnten sich die Unternehmen recht leicht aufeinander einstellen. Gleichzeitig geraten die Lieferanten unter Druck, weil sie als Gegenparteien in Preis- und Konditionsverhandlungen an Verhandlungsmacht verlieren. Die Monopolkommission verweist dabei ausdrücklich auf „Missbräuche von Nachfragemacht“ – also auf das Risiko, dass große Einkäufer ihre Stellung ausnutzen können, etwa durch zunehmend harte Konditionen oder durch die Verlagerung von Risiken entlang der Lieferkette.
Historisch betrachtet ist diese Debatte kein Einzelfall. Die Monopolkommission hatte bereits im November 2025 in einem Sondergutachten vor einer hohen und zunehmenden Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel gewarnt. Solche Gutachten erfüllen in der Wettbewerbspolitik oft eine doppelte Funktion: Sie bündeln Argumente, machen typische Muster sichtbar und liefern damit auch eine Art „Referenzrahmen“ für spätere Einzelfallprüfungen. Für die gegenwärtige Tegut-Entscheidung ist das wichtig, weil es zeigt, dass die Sorge nicht erst mit der aktuellen Genehmigung aufkommt, sondern in einem längeren Beobachtungszeitraum verankert ist. Hinzu kommt ein praktisches Umsetzungsproblem: Lieferanten scheuen den Konflikt mit den großen Abnehmern: Wenn es an Risikobereitschaft fehlt, wird es schwieriger, Missbräuche überhaupt aufzudecken und dauerhaft abzustellen. Für Behörden bedeutet das wiederum, dass sie auf belastbare Indizien angewiesen sind.
Neben Edeka bewegen sich weitere Marktteilnehmer in Richtung „Buy-and-build“-Strategien, die das Konzentrationsbild zusätzlich prägen können. Nach Angaben in der Berichterstattung hatte die Schweizer Genossenschaft Migros Zürich im März angekündigt, Tegut verkaufen zu wollen. Tegut ist in Deutschland mit rund 300 Standorten aktiv, beschäftigt knapp 7.500 Menschen und ist laut Angaben seit 2013 Teil der Migros-Gruppe; die Marke wurde 1947 in Fulda gegründet. Auch andere deutsche Handelsketten interessieren sich für den weiteren Erwerb: Die Smart-Store-Kette Tante Enso erhielt im Juni bereits die Freigabe für 36 Supermärkte, während die Rewe-Gruppe beabsichtigt, bis zu 40 Filialen zu übernehmen. Für diese Rewe-Entscheidung steht jedoch noch die finale Entscheidung aus; ebenso ist unklar, was aus den übrigen Tegut-Standorten wird. Für die Marktstruktur heißt das: Der Markt befindet sich in einer mehrphasigen Umbruchphase, in der sich Entscheidungen über mehrere Pakete zeitlich überlappen können.
Unternehmensseitig ist die aktuelle Lage deshalb nicht nur ein juristisches Kapitel, sondern auch ein Signal an die Beschaffungs-, Preis- und Filialplanung. Wenn Händler mit hoher Marktdichte in einem transparenten Umfeld agieren, können sich Lieferkonditionen schneller angleichen, weil Alternativen für Hersteller regional und organisatorisch begrenzt sind. Zugleich wird für Wettbewerbsbehörden die Messlatte höher: Genügt es, die unmittelbare Zahl der Märkte im Genehmigungsbeschluss zu begrenzen, oder muss stärker auf strukturelle Risiken im Zusammenspiel aus lokalen Überlappungen, Sortimentstransfers und Verhandlungsdynamik geachtet werden? Die Monopolkommission macht jedenfalls deutlich, dass die bloße Genehmigungsfähigkeit nicht automatisch eine „Wettbewerbsverträglichkeit“ im Sinne langfristiger Verbraucherinteressen bedeutet. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bleibt der praktische Effekt daher eng an die Ausgestaltung gebunden: nicht nur an die Preise im Regal, sondern auch daran, ob Innovationen in Sortiment, Service und Lieferlogistik tatsächlich weiter Fahrt aufnehmen können – oder ob sie im Zuge von Skalenvorteilen weniger stark wachsen.
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