SCHIPKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Der 365 Meter hohe Höhenwindturm von Gicon soll als erstes Geschäftsmodell in einem kleinen Pilotwindpark getestet werden. Geplant sind 3 bis 5 Anlagen, bevor das Unternehmen in einem weiteren Schritt auf 100 Windräder in Deutschland skaliert. Die Forschungsanlage wurde mit 25 Millionen Euro Baukosten errichtet und soll nach den letzten Arbeiten im November in den Betrieb gehen. Gicon verspricht dabei einen doppelten Energieertrag gegenüber konventionellen Anlagen und will bestehende Windparks durch Nachrüstung nutzen.

Die Lausitz bekommt ein neues Großexperiment: In Schipkau steht ein Windrad, das mit 365 Metern Höhe als höchstes Windkraftwerk der Welt in den Bau- und Testfokus rückt. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Rekordzahl, sondern der nächste Schritt in Richtung Skalierung. Denn das Dresdner Unternehmen Gicon will das bereits erreichte technische Ziel nicht beim Forschungsbetrieb belassen, sondern daraus ein marktfähiges Geschäftsmodell formen. Laut Plan soll die Erkenntnis aus dem Höhenwindturm im Anschluss in einem kleinen Pilotwindpark mit 3 bis 5 Anlagen umgesetzt werden, bevor eine deutlich größere Serie in den Blick kommt.
Technisch setzt der Ansatz auf die Idee, die Energieausbeute weiter nach oben zu verlagern. Die Anlage wurde als Forschungsanlage inklusive Rotorblättern auf 365 Meter errichtet und erreicht eine Nennleistung von 3,8 Megawatt. Dass die Anlage inzwischen ihre endgültige Höhe erreicht hat, ist für die Projektlogik wichtig: Erst mit einer abgeschlossenen Bauhöhe lassen sich aerodynamische Effekte, strukturelle Belastungen sowie das Zusammenspiel von Rotor, Turm und Steuerung zuverlässig bewerten. Nach Abschluss der letzten Arbeiten soll der Betrieb im November aufgenommen werden – damit verschiebt sich der Fokus vom Bau-Engineering hin zu den Messreihen, die für eine spätere Wirtschaftlichkeitsrechnung zentral sind.
Die Finanzierung und Auftragsschnittstelle zeigen zugleich, warum das Projekt für die Branche mehr als ein Einzelrekord ist. Gicon baute den Höhenwindturm im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), die dafür eine wichtige Starthilfe leistete. Die Baukosten werden mit 25 Millionen Euro beziffert – ein Betrag, der eher nach Pilot- und Demonstrationslogik als nach Serienmarkt aussieht. Genau hier liegt der Knackpunkt: Die Übertragung aus dem Forschungssetup in die industrielle Umsetzung erfordert belastbare Aussagen zu Verfügbarkeit, Wartungsaufwand, Transport- und Montageprozessen sowie zur langfristigen Ertragskurve. Gicon verweist außerdem darauf, dass die Anlage für 20 Jahre Haltbarkeit ausgelegt ist, was den Übergang von der Demonstration zur Asset-Planung erleichtern soll.
Damit das Modell funktionieren kann, muss auch die Markteinführung praxistauglich sein. Das Unternehmen spricht explizit davon, zunächst die Wirtschaftlichkeit solcher XXL-Anlagen nachzuweisen und bestehende Windparks nachzurüsten, statt ständig neue Flächen zu suchen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein Nachrüstmodell reduziert den Aufwand, der üblicherweise bei der Standortsuche, Genehmigungsstrecken und Netzanschlussfragen entsteht. Gicon nennt als Zielgröße zunächst 100 Anlagen in Deutschland und beschreibt den Weg als Skalierung vom Pilot in größere Stückzahlen. Dabei wirkt der Verweis auf bereits vorhandene Windparks wie eine Strategie gegen „Wachstum durch Landverbrauch“ – denn die technische Hürde ist groß genug, um nicht zusätzlich geografische Unsicherheiten zu multiplizieren.
Der Ertrag ist dabei das Versprechen, das Investoren und Projektierer am Ende überzeugen muss. Gicon sagt, der riesige Turm könne den doppelten Energieertrag einer konventionellen Windenergieanlage erzielen. Auch wenn dieser Wert erst durch den späteren Betrieb und die Messungen vollständig untermauert werden müssen, zeigt die Aussage die Richtung: Durch mehr Höhe soll mehr Windpotenzial erschlossen werden, bei gleichzeitigem Ziel, die Anlage dort zu betreiben, wo bereits Infrastruktur vorhanden ist. Der Bundesverband Windenergie wird in der Meldung außerdem mit dem Hinweis zitiert, dass sich keine höhere Windkraftanlage finde – das unterstreicht, dass die technische Messlatte derzeit außergewöhnlich hoch liegt und die Branche damit eine Art Referenzprojekt erhält.
Marktseitig ist das Projekt zudem als Signal für die internationale Konkurrenz zu lesen. Im Text wird erwähnt, dass andere Akteure versucht hätten, in diese Höhe zu kommen, und dass Gicon diese Hürde bereits erreicht habe. Gleichzeitig geht es nicht nur um die „Bau-fähig“-Phase, sondern um die „Betreib-fähig“-Phase: Transport, Montage und Betrieb in der realen Projektumgebung werden mit der Pilotserie zur eigentlichen Bewährungsprobe. SPRIND-Projektmanager Julian Keil nennt als Ausblick, weitere 1.000 bis 2.000 Anlagen in die Welt zu bringen – das ist eine ambitionierte Größenordnung, die allerdings stark davon abhängt, ob die Wirtschaftlichkeit im Pilot bestätigt wird und ob sich ein Nachrüstprozess im Feld reproduzierbar durchführen lässt. Für die Branche wäre das ein wichtiger Hebel, weil dadurch nicht nur neue Anlagenstandorte entstehen müssten, sondern bestehende Portfolios technisch weiterentwickelt werden könnten.
Für Unternehmen, die in der Windindustrie arbeiten, rückt damit vor allem die Frage in den Vordergrund, wie sich die Erkenntnisse aus dem Demonstrator in Prozesse und Lieferketten übersetzen lassen. Der Sprung von einer einzelnen XXL-Anlage zu Pilotparks und späteren 100er-Strukturen bedeutet, dass Materialbeschaffung, Logistik, Serviceteams und Qualitätskontrollen auf ein neues Größenregime abgestimmt werden müssen. Interessant ist außerdem, dass das Projekt bereits Anfragen aus anderen Ländern angedeutet hat – das spricht dafür, dass das technische Konzept auch außerhalb Deutschlands als Option diskutiert werden könnte. Bis zum November-Betriebsstart bleibt der Fokus deshalb zweigeteilt: Es geht um Messdaten zur Energieausbeute und um die praktische Umsetzung der nächsten Projektstufe. Wenn Gicon die angekündigte Skalierung erreicht, könnte der Höhenwindturm von Schipkau damit von einem Rekordobjekt zu einem planbaren Investitionsmodell werden.
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