SCHIPKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Höhenwindturm in Schipkau (Südbrandenburg) soll zwar die geplante Größenordnung von 365 Metern erreichen, aber das Team muss wegen Wetter und starker Winde die nächste entscheidende Bauphase verschieben. Statt wie vorgesehen am Sonntag soll der Koloss im Laufe der kommenden Woche auf die finale Höhe wachsen. Der Hersteller will parallel das geplante Bürgerfest am Standort heute durchführen. Ob der XXL-Prototyp später einen Effizienzvorteil liefert, wird sich vor allem an den Betriebsdaten in den Folgejahren zeigen.

In der Kohleregion der Lausitz wird gerade an einem Projekt gearbeitet, das auf den ersten Blick wie ein Strommast wirkt, in der Dimension jedoch an die größten Bauwerke erinnert: In Schipkau soll sich ein Höhenwindturm mit einer geplanten Nabenhöhe von 300 Metern und einer Gesamthöhe von 365 Metern drehen. Laut Projektangaben sind die Bauarbeiten am Gittermast und der Stahlkonstruktion bereits „so gut wie abgeschlossen“. Für die öffentliche Wahrnehmung ist das Zeitfenster trotzdem relevant: Das Aufrichten auf die finale Höhe verzögert sich nun wegen Wetterbedingungen und starker Winde, die gerade in der kritischen Phase den Takt für Montage und Heben bremsen.
Technisch entscheidend ist dabei weniger die bloße Höhe als die Art, wie die Anlage im Bestand montiert wird. Der Turm entsteht als Gittermast mit einer Stahlkonstruktion, die an klassische Masten erinnert, aber für Windlasten in extremen Dimensionen ausgelegt sein muss. Der Hersteller nennt dabei Größenordnungen wie mehr als 2.000 Tonnen verbauten Stahls und 22.000 Einzelteile. So ein Aufbau hat nicht nur statische Anforderungen; er beeinflusst auch die Montage-Logistik. Nachdem die Turbine zunächst in gut erreichbarer Höhe montiert wurde, muss sie anschließend mit einem Teleskopmechanismus in die endgültige Position gehoben werden, während die Rotorblätter aufgrund der Wetterlage noch nicht wie geplant montiert werden konnten.
Der Weltrekord-Anspruch hängt deshalb unmittelbar mit dem Baufortschritt zusammen. Der Bundesverband Windenergie ordnet die Anlage nach derzeitiger Einschätzung als das größte Windrad der Welt ein. Die Vergleichsbasis ist dabei wichtig: Herkömmliche Windenergieanlagen erreichen typischerweise Nabenhöhen deutlich unter 200 Metern. Gleichzeitig gibt es in Deutschland bereits sehr hohe Anlagen, allerdings stärker konzentriert in Regionen mit vergleichsweise gutem Windangebot und weniger in Gegenden, in denen Windmessungen traditionell niedrigere Werte erwarten lassen. Als Beispiel nennt der Windenergie-Verband einen Hybridturm mit 199 Metern als Serienprodukt, der mit Rotorblättern insgesamt auf etwa 280 Meter kommt.
Für die Projektumsetzung spielt auch die Frage eine Rolle, wer die Technologie finanziert und in welcher Geschwindigkeit sie in die Praxis überführt werden soll. Die Gicon Gruppe mit Hauptsitz in Dresden baut den Windturm im Auftrag der 2019 gegründeten Bundesagentur für Sprunginnovationen. Die Förderlogik der Agentur zielt laut eigenen Angaben darauf, den Abstand zwischen Forschung und Unternehmensgründungen zu überbrücken und arbeitet dabei häufig mit Finanzierung im einstelligen Millionenbereich; im Einzelfall seien Beträge bis zu 35 Millionen Euro möglich. Interessant ist: Gicon selbst nennt keine Gesamthöhe der Investitionskosten für den Höhenwindturm, wodurch sich die Wirtschaftlichkeitsbewertung später stärker auf die konkreten Ertrags- und Verfügbarkeitsdaten stützen dürfte.
Warum baut man überhaupt in Höhen, die selbst für Windbranche-Verhältnisse „untypisch“ sind? Die technische Begründung lautet, dass in größeren Höhen in der Regel stärkere und gleichmäßigere Windverhältnisse herrschen. Wenn sich bei gleichem Rotordurchmesser ein höherer Energieertrag erzielen lässt, verschiebt sich die Zielsetzung von „mehr Fläche“ hin zu „besserer Qualität“ des Windangebots. Der Hersteller beschreibt genau dieses Prinzip: eine konstantere Einspeisung und damit erneuerbare Energie auch an Standorten, in denen das Windpotenzial geringer ausfällt. Für den späteren Betrieb nennt Gicon als Orientierung die Produktion von Strom für bis zu 7.500 Haushalte sowie einen Start mit 3,8 Megawatt Nennleistung; zukünftige Anlagen sollen mehr als 7 Megawatt erreichen.
Ob der Prototyp zur „zweiten Etage“ in bestehenden Windparks wird, ist vor allem eine Frage der Betriebsdaten. Der Windenergie-Verband bezeichnet das Projekt zunächst als Machbarkeitsdemonstration und stellt klar, dass es nicht als Serienprodukt gedacht sei. Entscheidend werde, welche realen Betriebsdaten die Anlage liefert und ob sie die in den Windgutachten prognostizierten Erträge tatsächlich erreicht. Gicon plant dennoch, Anfang der 2030er-Jahre in die Serienfertigung zu gehen. Parallel wird laut Entwickler ein Potenzial gesehen, bis zu 4.000 Höhenwindtürme in Deutschland in bereits bestehenden Windparks nachzurüsten, ohne zusätzliche Flächen außerhalb der Parks zu benötigen – damit würde sich die Debatte um Flächenkonkurrenz und Genehmigungsprozesse in der Branche noch einmal verschieben.
Für den Markt bedeutet die Verzögerung durch Wetter und starke Winde zunächst vor allem eine Verschiebung des Zeitpunkts, an dem sich das Projekt öffentlich und technisch „einmal mehr beweisen“ kann: Rotorblätter, Nabenhöhe, Aerodynamik und Anlagenverfügbarkeit müssen im Zusammenspiel funktionieren. In der Praxis entscheidet sich das nicht nur an der Montage, sondern auch daran, wie gut sich der komplexe Aufbau in den Regelbetrieb übertragen lässt. Wenn die Anlage die angekündigten Ertragsziele in einem belastbaren Zeitraum erreicht, könnte der Höhenwindturm zum Referenzpunkt für künftige Konzepte werden – und die Frage von Investoren, Entwicklern und Netzbetreibern nach „höher, gleichmäßiger, effizienter“ bekommt dann eine neue, messbare Grundlage.
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