SCHIPKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Lausitz wächst ein Windrad auf Rekordniveau: Der Turm misst 365 Meter. Das Dresdner Unternehmen Gicon hat die Pilotanlage im bestehenden Windpark hochgezogen und will die offizielle Inbetriebnahme im November abschließen. Im Fokus steht die Frage, ob der Höhenwindturm mit mehr Ertrag wirklich skaliert werden kann. Bis dahin liefern die anlaufenden Betriebsdaten eine harte Prüfung für das Konzept „zweite Etage“ im Bestand.

In der Lausitz, genauer in Schipkau in Südbrandenburg, entsteht gerade ein neues Referenzobjekt für die Windstromerzeugung: Ein Höhenwindturm mit 365 Metern Gesamthöhe. Der Projektstart war nach schwierigen Wetterbedingungen und Verzögerungen zeitweise zäh; dennoch wurde der Rekord-Ausbau laut Ankündigung bereits am Montag (28.) erreicht. Was auf den ersten Blick wie ein reines Größenrennen wirkt, ist in der Sache vor allem ein Belastungstest für Ingenieursentscheidungen, die man sonst eher am Reißbrett diskutiert: Gittermastbauweise, extrem hohe Nabenhöhe und ein Montagemechanismus, der den Turm in die finale Position bringt.
Technisch betrachtet setzt Gicon auf eine Konstruktion, die nicht wie ein klassischer Windturm „aus einem Guss“ wirkt, sondern wie ein Hybrid aus Strommast-Optik und Rotor-nahem Baukörper. Der Turm besteht aus einem Gittermast und einer Stahlkonstruktion, die laut Betreiber mit mehr als 2.000 Tonnen verbautem Stahl und 22.000 Einzelteilen beschrieben wird. In der Umsetzung wurde die Turbine zunächst in einer gut erreichbaren Höhe montiert, bevor die finale Positionierung erfolgte: Der Innenturm musste mit einem Teleskopmechanismus gehoben werden, während die Rotorblätter mit eingeplant wurden. Die Nabenhöhe der Anlage liegt bei 300 Metern; damit ist der Abstand zwischen Rotorscheitel und Boden so groß, dass sich im Betrieb andere Windprofile einstellen als bei Anlagen unterhalb der 200-Meter-Klasse.
Damit stellt sich die wichtigste Branchenfrage: Handelt es sich tatsächlich um das weltweit höchste Windrad? Nach derzeitiger Einschätzung des Bundesverbandes Windenergie ist es zumindest das größte Windrad der Welt; gleichzeitig verweist der Verband auf regionale Besonderheiten. In Süddeutschland werden demnach bereits besonders hohe Windräder betrieben, weil der Wind dort im Vergleich zum Norden statistisch schwächer ausfällt. Als Vergleich wird ein 199 Meter hoher Hybridturm als Serienprodukt von Max Bögl genannt; mit Rotorblättern kämen diese Anlagen insgesamt auf rund 280 Meter. Der Unterschied ist damit weniger ein „Rekordmarketing“, sondern eine technische Konsequenz aus dem Ziel, an jedem Standort das nötige Windangebot über die Höhe besser zu treffen.
Entscheidend für die Bewertung ist aber nicht nur die Spitze der Bauhöhe, sondern wer die Anlage in welchem Rahmen realisiert. Die Gicon Gruppe mit Hauptsitz in Dresden baut den Windturm im Auftrag der 2019 gegründeten Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Die Agentur verfolgt laut eigener Formulierung das Ziel, „die Brücke [zu] bauen zwischen Forschergeist und Unternehmertum“, wobei SPRIND staatlich fördern kann. Für die Projektlogik ist das relevant, weil Pilotanlagen typischerweise dort ansetzen, wo Serienprodukte noch nicht wirtschaftlich genug sind oder Genehmigungsfragen neuartige Randbedingungen mitbringen. Gicon nennt allerdings keine Höhe der Investitionskosten, und gerade diese Lücke ist für Unternehmen später ein zentraler Bewertungsfaktor.
Warum lohnt sich überhaupt ein Höhenwindturm? Laut Gicon treten in größeren Höhen in der Regel stärkere und gleichmäßigere Windverhältnisse auf. Bei gleichem Rotordurchmesser könne der Höhenwindturm damit etwa den doppelten Energieertrag gegenüber einer konventionellen Anlage erreichen; zusätzlich wird argumentiert, dass sich solche Türme innerhalb bestehender Windparks errichten lassen. Das adressiert ein wiederkehrendes Praxisproblem der Energiewende: Flächenkonflikte. Wenn die „zweite Etage“ in vorhandenen Park-Strukturen entsteht, bleibt die zusätzliche Flächennutzung geringer, während die Einspeisung tendenziell konstanter wird. Beim Zielbild nennt Gicon zudem eine mögliche Stromproduktion für bis zu 7.500 Haushalte; für die Pilotanlage wird zunächst eine Nennleistung von 3,8 Megawatt angegeben, spätere Generationen sollen mehr als 7 Megawatt erreichen.
Für die Markteinordnung ist die Bewertung des Windenergie-Verbandes aufschlussreich: Das Projekt wird zunächst vor allem als Machbarkeitsdemonstration eingeordnet. Der Gittermastturm sei kein Serienprodukt; entscheidend werde daher, welche Betriebsdaten die Anlage liefert und ob sie die in Windgutachten prognostizierten Erträge tatsächlich erreicht. Genau hier entscheidet sich in der Praxis, ob Höhenwind als nächster Skalierungsschritt funktioniert oder ob etwa Lastwechsel, Wartungsaufwand oder die Kostenstruktur im Betrieb die theoretischen Vorteile überholen. Gicon plant, Anfang der 2030er Jahre mit der Serienfertigung zu beginnen, und nennt für Deutschland ein Potenzial von bis zu 4.000 Höhenwindtürmen als Nachrüstung in bestehenden Windparks. Zugleich betont das Projekt, dass Genehmigungen für extrem hohe Windtürme in der Praxis anspruchsvoller sein könnten.
Für Unternehmen, die Windenergie entwickeln, betreiben oder in Zulieferketten investieren, verschiebt der Höhenwindturm den Fokus von der reinen Anlagenstatik hin zu ganzheitlichen Betriebsfragen: Welche Ertragskurven ergeben sich über das Jahr, wie robust sind Bau- und Montagekonzepte bei Wettereinflüssen, und wie lässt sich ein solches Projekt wirtschaftlich wiederholen? Die offizielle Inbetriebnahme ist im November geplant; bis dahin dürfte die Pilotanlage in Schipkau zum Benchmark werden, an dem sich später Leistungsdaten, Verfügbarkeit und Wartungsstrategien messen lassen. Die nächsten Monate sind damit nicht nur „Praxistest“, sondern auch ein Signal dafür, wie schnell der Schritt von der Demonstration zur skalierbaren Infrastruktur gelingen kann.
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