DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Der Geschäftsbetrieb in 83 Filialen soll vorerst weiterlaufen, während das Unternehmen die Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft schaffen will. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde Frank Kebekus benannt. Der Fall trifft rund 12.000 Beschäftigte und wirft Fragen auf, ob Insolvenzgeld und weitere Standortentscheidungen möglich sind.

Die Warenhauskette Galeria versucht es erneut mit einem Schritt in Richtung geordneter Sanierung: Beim Amtsgericht Düsseldorf wurde die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Laut Unternehmensangaben soll der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen zunächst weiterlaufen. Damit setzt Galeria nach 2020, 2022 und 2024 zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren auf Insolvenz als rechtlichen Rahmen, um den Betrieb zu stabilisieren und die Grundlage für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen. Für die rund 12.000 Beschäftigten bedeutet das vor allem eins: eine Phase hoher Unsicherheit, in der Gehaltsfragen und mögliche Schließungen nicht nur strategisch, sondern ganz unmittelbar den Alltag betreffen.
Entscheidend ist dabei auch, in welchem verfahrensrechtlichen Kontext die Kette steht. Ob Beschäftigte Insolvenzgeld erhalten können, ist derzeit unklar; zugleich verweist der Text auf eine Planüberwachung im Zusammenhang mit der bislang letzten Insolvenz. Wenn ein Unternehmen weiterhin in der Planüberwachung befindlich ist, kann nach Aussagen eines Sprechers der Bundesagentur für Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass nicht erneut Insolvenzgeld gezahlt werden kann. Gleichzeitig gilt: Die tatsächliche Bewertung hängt von der konkreten Situation ab, sodass selbst bei ähnlichen Ausgangslagen keine automatischen Schlüsse zulässig sind. Das Amtsgericht Essen hatte zudem die Planüberwachung bislang nicht aufgehoben, während das Amtsgericht Düsseldorf den Eingang des Insolvenzantrags bestätigte.
Für die operative und rechtliche Steuerung des nächsten Abschnitts steht mit Frank Kebekus bereits ein Name im Raum. In einer internen Mitteilung an die Belegschaft, die der dpa vorliegt, schrieben die Geschäftsführer sinngemäß, man sei überzeugt, dass Galeria eine erfolgreiche Zukunft haben werde. Als oberste Priorität wird zudem die Sicherung der Gehaltszahlungen für die nächsten Monate genannt. Kebekus ist dabei kein unbeschriebenes Blatt: Der Düsseldorfer Rechtsanwalt hatte als Sachwalter bereits die Insolvenzverfahren 2020 und 2022 begleitet. Der Betriebsrat wollte sich zunächst nicht öffentlich äußern, betonte aber auf Anfrage den Fokus auf die Beschäftigten. In einem Flugblatt an die Mitarbeitenden fordert der Gesamtbetriebsrat Aufklärung über die Lage; parallel beklagte Verdi eine bislang fehlende Transparenz. Silke Zimmer, Bundesfachbereichsleiterin Handel, machte deutlich, dass schnelle Klarheit gebraucht werde, wie es für die rund 12.000 Beschäftigten weitergeht.
Historisch fügt sich die erneute Insolvenz in eine Folge aus Marktstress und Eigentümerwechseln ein. Infolge der vorherigen Verfahren waren bereits zahlreiche Filialen geschlossen worden; die Gläubiger hatten dabei laut Bericht auf Milliardenforderungen verzichtet, um der Kette einen Weg aus der Krise zu ermöglichen. Vor gut zweieinhalb Jahren hatte Galeria, damals noch unter dem Namen Galeria Karstadt Kaufhof, den bislang letzten Antrag gestellt. Damals war die Schieflage des Mutterkonzerns Signa ein zentraler Auslöser, in deren Folge neun der damaligen 92 Warenhäuser geschlossen werden mussten. Seit Sommer 2024 gehört Galeria zudem zur US-Investmentgesellschaft NRDC und einer Beteiligungsgesellschaft des Unternehmers Bernd Beetz; entsprechend verschwanden die bisherigen Namen Kaufhof und Karstadt aus dem Firmennamen. Auch der Sitz wurde von Essen nach Düsseldorf verlegt.
Dass die aktuelle Lage erneut eskaliert, hängt laut Bericht eng mit Liquiditäts- und Mietthemen zusammen. Im April 2026 beklagten mehrere Vermieter ausbleibende Mietzahlungen; die Geschäftsführung führte dies auf Liquiditätsschwankungen zurück und räumte ein, Vermieter um eine Stundung gebeten zu haben. Erst im Juni erhielt Galeria eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro. Das Geld dient unter anderem dazu, einen laufenden Kredit abzulösen und offene Mietzahlungen zu begleichen; die Kreditlinie stellt die US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers bereit. Sie ist durch die Ware von Galeria abgesichert und an einen auf drei Jahre angelegten Sanierungsplan gekoppelt, der weitere Schließungen vorsieht. Zudem hatte Galeria im Juli angekündigt, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. Ohne tragfähige Lösungen sei die Fortführung der jeweiligen Filialen gefährdet; alle Standorte müssten nachhaltig profitabel wirtschaften.
Für die Marktsicht liefern die Zahlen des Handelsforschungsinstituts EHI einen Hintergrund, der weit über den Einzelfall hinausgeht. Demnach sanken die Erlöse über die Jahre deutlich: 2019 erzielte Galeria Karstadt Kaufhof mit 174 Filialen einen Nettoumsatz von 4,5 Milliarden Euro, sechs Jahre später setzte Galeria dem Bericht zufolge mit weniger als der Hälfte der Standorte nur noch 2 Milliarden Euro um. Auch die Marktanteile der Kauf- und Warenhäuser sind gefallen: Laut EHI gingen sie seit 2020 von 4,2 Prozent auf zuletzt 1,2 Prozent zurück. In diesen Daten sind neben Galeria auch andere Ketten wie Müller und Woolworth enthalten. Die Strukturkrise trifft damit nicht nur einen Anbieter, sondern eine gesamte traditionelle Handelsform; ein Aus für Galeria würde zudem das Ende einer „klassischen“ Warenhaus-Ära markieren.
Der Druck auf den Einzelhandel insgesamt bleibt dabei hoch. Laut Angaben eines Kreditversicherers hat die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel ein Zehnjahreshoch erreicht: Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 meldeten demnach gut 2.600 Einzelhändler Insolvenz an. Der Bericht nennt prominente Beispiele wie Kodi und Mäc Geiz, deren Filialen geschlossen wurden, sowie die Deko-Kette Depot und die Baumarktkette Hellweg, die ebenfalls abgewickelt wird, während Filialen teils von anderen Händlern wie Bauhaus übernommen werden. Dazu kommt: In den vergangenen Jahren wurden bundesweit zehntausende Geschäfte dauerhaft geschlossen, nicht ausschließlich aufgrund von Insolvenzen. Eine Prognose des Handelsverbands Deutschland sieht für dieses Jahr sogar einen Rückgang der Geschäftszahl auf unter 300.000; Ende 2015 waren es noch etwa 372.000.
Für die weitere Entwicklung ist besonders interessant, wie viel „Fortführung“ realistisch bleibt. Handelsexperten halten den Fortbestand unter bestimmten Bedingungen für möglich, aber nicht als Vollsortimenter. So wird im Bericht eine Aussage von Johannes Berentzen zitiert: 40 bis 50 Standorte seien unter dem richtigen Eigentümer und mit einer klar differenzierten Positionierung fortführungsfähig. Lokal verankerte Konzepte mit Erlebnischarakter sowie ergänzende Drittpartner und eine bessere Aufenthaltsqualität könnten dabei eine Rolle spielen. Fehlt dagegen ein Investor, der eine echte Transformation durchziehen will, spricht der Bericht von einer geordneten Abwicklung als möglichem Szenario. Genau in dieser Spannung entscheidet sich, ob Galeria das Insolvenzverfahren dieses Mal tatsächlich in eine stabile Neuausrichtung überführen kann oder ob die Kette trotz neuer Finanzierung wieder in den nächstfolgenden Refinanzierungs- und Standortkampf gerät.
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