BERLIN/FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – In Tarifgesprächen für das private Bankgewerbe haben Arbeitgeber zentrale Gewerkschaftsforderungen abgelehnt. Verdi fordert unter anderem verbindliche Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz bei Personalplanung und Qualifizierung. Zusätzlich soll es Beschäftigten möglich sein, Bestandteile ihres Gehalts in bis zu 20 zusätzliche freie Tage pro Jahr umzuwandeln. Die nächste Gesprächsrunde findet am 2. November in Frankfurt statt.

Die Tarifverhandlungen im privaten Bankgewerbe verschieben sich gerade spürbar von klassischen Themen wie Entgeltrunden hin zu Fragen, die künftig in fast jeder Personalabteilung auftauchen werden: Wie wirkt KI in der Arbeitswelt, und wer trägt die Verantwortung, wenn Algorithmen Qualifizierungs- oder Einsatzentscheidungen mitbestimmen? Verdi bringt in diese Debatte konkrete Regelbedarfe ein und knüpft sie an Personalplanung, Weiterbildung und transparente Rahmenbedingungen. Arbeitgeberseite zeigt dagegen wenig Bereitschaft, Schutz- und Mitbestimmungsregeln in Tariftexte zu gießen, die über den bisherigen Gestaltungsspielraum hinausgehen.
Im Kern geht es bei den Gesprächen um den Umgang mit mehreren gleichzeitigen Forderungen. Verdi fordert eine Erhöhung der Entgelte um 6 Prozent und will darüber hinaus den Einsatz Künstlicher Intelligenz verbindlich regeln. Dabei geht es laut Forderungsbild nicht um ein allgemeines „KI ja oder nein“, sondern um Vereinbarungen, die Planbarkeit herstellen sollen: Personalplanung und Qualifizierung sollen so gestaltet werden, dass neue KI-gestützte Prozesse nicht einseitig zu Lasten der Beschäftigten gehen. Ergänzend verlangt die Gewerkschaft eine Option zur Arbeitszeit- und Freistellungssteuerung, bei der Beschäftigte Gehaltsbestandteile in bis zu 20 zusätzliche freie Tage pro Jahr umwandeln können.
Die Arbeitgeber haben in den bisherigen Runden mehrere Punkte pauschal zurückgewiesen. Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Thomas A. Lange, erklärte nach den Gesprächen in Berlin, man sei grundsätzlich nicht bereit, über verschärfte Kündigungsschutzregeln zu verhandeln. Auch für Transformationsprozesse, die durch den Einsatz neuer Technologien entstehen, brauche es nach dieser Lesart keine tarifliche „Nachhilfe“. Bei der Teilforderung zur Arbeitszeitverkürzung mit zusätzlichem Freizeitkontingent äußerten die Arbeitgeber Unverständnis: Sie bewerten die gewünschte Größenordnung als Arbeitszeitverkürzung von fast 10 Prozent und sehen dadurch seriöse Personalplanung gefährdet. In der Logik dahinter geht es um Kapazitäten in sensiblen Bankbereichen, in denen Schicht- oder Einsatzmodelle nicht beliebig skaliert werden können.
Spannend ist dabei die Schnittstelle zwischen KI und Tarifvertrag: Während Verdi eine Regelung in Form verbindlicher Vereinbarungen anstrebt, argumentiert die Gegenseite, dass solche technischen Veränderungen nicht zwangsläufig in tarifliche Detailregeln übersetzt werden müssten. Technisch betrachtet bedeutet das für Unternehmen, dass die Ausgestaltung von KI in HR-Workflows oft von der Architektur der Systeme abhängt: Von der Datenqualität und dem Rollenmodell bis hin zu der Frage, wer nachgelagert die Ergebnisse prüfen darf. Genau diese Kontroll- und Planungslogik ist im Gewerkschaftsansatz implizit enthalten, weil Personalplanung und Qualifizierung nicht erst dann starten sollen, wenn die Umstellung bereits läuft. Umgekehrt werden tarifliche Vorgaben von Arbeitgebern häufig als starre Leitplanken interpretiert, die sich nur schwer an unterschiedliche Einsatzorte und Projektsituationen anpassen lassen.
Ökonomisch und organisatorisch bleibt zudem der Verteilungsmechanismus umstritten. Die Gehaltsforderung von Verdi wurde als deutlich zu hoch bewertet, zugleich signalisierten die Arbeitgeber einen fairen Ausgleich. Die Gewerkschaft hatte die monetäre Forderung mit der steigenden Inflation begründet. Interessant ist, dass beide Seiten trotz der Ablehnung einzelner Bausteine nicht jede Verhandlungsoption ausschließen, sondern stärker nach dem „Wie“ der Kompromisse suchen: Entweder über Verhandlungsphrasen zu Transformations- und Übergangszeiten oder über flexible Ausgleichsmodelle, die sich in die Kapazitätsplanung einfügen. Damit wird die Runde zu einer Art Testfall, wie schnell sich Arbeitsbeziehungen in Richtung technologiegetriebener Anpassungsprozesse bewegen.
Die nächsten Schritte sind bereits terminiert: Die Gespräche sollen am 2. November in Frankfurt fortgesetzt werden, eine dritte Runde ist für den 23. November in Berlin anberaumt. Für Unternehmen im Bankgewerbe ist das nicht nur eine Frage der Verhandlungstaktik, sondern auch eine Planungssache: Wer KI in bestehenden Abläufen einführt, muss in der Praxis Qualifizierungskurven und Übergangsphasen definieren, die Mitarbeiter nicht überfordern und gleichzeitig die Produktivitätsanforderungen erfüllen. Ob am Ende tarifliche KI-Regeln stehen oder eher Übergangsrahmen ohne Detailbindung gefunden werden, entscheidet sich in den nächsten Verhandlungsrunden – und damit auch, wie verbindlich künftig Anforderungen an Transparenz, Qualifikation und Mitwirkung in der Bankbranche festgehalten werden.
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