LONDON (IT BOLTWISE) – Eine kleine Pilotstudie untersucht einen drogenfreien, selbstinduzierten Trancezustand, der über persönliche Geräusche und Gesten in Gang kommt. Dabei sinken offenbar stark die selbstbezogenen Gedankenschleifen, während Körpergrenzen verschwimmen und ein Gefühl von Verbundenheit zunimmt. Gleichzeitig steigen Messwerte für inneren Frieden und allgemeine Zufriedenheit im Vergleich zu einem gewöhnlichen Mahl. Unklar bleibt jedoch, ob die Effekte dauerhaft sind oder sich nur auf den Zustand selbst beziehen.

Auto-induzierter Trancezustand verändert Selbstwahrnehmung und Wohlbefinden
Auto-induzierter Trancezustand verändert Selbstwahrnehmung und Wohlbefinden (Foto: IT BOLTWISE)
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Auto-induzierte kognitive Trance ist auf den ersten Blick kein typisches KI- oder Software-Thema – und doch berührt sie einen Kernpunkt, der auch in technischen Disziplinen relevant ist: Wie stabile Muster entstehen, wenn das „Ich“ als Filter für Wahrnehmung und Bedeutung dient. Eine neue Studie beschreibt genau diesen Mechanismus in menschenzentrierter Sprache: In einem drogenfreien Trancezustand verschwimmt offenbar die Grenze zwischen dem eigenen Körper und der Umwelt. Für die Psychologie ist das vor allem deshalb interessant, weil das Selbst dort nicht als abstraktes Konzept gilt, sondern als Zusammenspiel aus messbaren Komponenten der Selbstwahrnehmung – von gedanklicher Selbstfokussierung bis hin zu dem, was sich als „Kontrollinstanz“ über Bewegungen anfühlt.

Der theoretische Unterbau startet bei einer bekannten Zweiteilung des Selbst. Psychologen unterscheiden dabei grob das narrative Selbst – den inneren Erzähler, der Vergangenheit, Zukunft und Persönlichkeit zu einem kohärenten Storyline-System verknüpft – sowie das minimale Selbst, das unmittelbare, körpergebundene Gefühl, im eigenen Körper verankert zu sein und Bewegungen zu steuern. Genau an diesem „Grip“ setzt die Forschung zur Selbsttranszendenz an: Theorien gehen davon aus, dass ein weniger selbstzentriertes Erleben emotionalen Frieden begünstigen kann. In der Fachliteratur gibt es bereits Hinweise auf solche Zusammenhänge, etwa aus einem theoretischen Beitrag von 2011 (10.1037/a0023059) sowie aus Studien, in denen das Auflösen physischer Grenzen während Meditationspraktiken mit mehr Wohlbefinden verknüpft wurde (10.1016/j.concog.2016.09.013, 10.3390/brainsci11060819).

Der neue Schritt besteht darin, diese Perspektive auf eine Praxis zu übertragen, die nicht über Stillsitzen funktioniert, sondern über Bewegung, Ausdruck und sensorische Vertiefung: auto-induzierte kognitive Trance. Die Studie beschreibt den Zustand als lernbar und drogenfrei; charakteristisch seien tiefe sensorische Immersion, spontane Körperbewegungen und lebendige mentale Bilder. Praktizierende sollen dabei ohne externe Hilfsmittel einsteigen, indem sie persönliche Geräusche und Gesten nutzen. Um die Wirkung systematisch zu erfassen, befragten die Forschenden 17 trainierte Personen – mit einem Durchschnittsalter von 49 Jahren und überwiegt weiblichen Teilnehmenden – und ließen sie in randomisierter Reihenfolge zwei Momente detailliert abrufen: einmal den letzten gewöhnlichen Wachzustand (konkret ein Mahl) und einmal eine besonders intensive, erinnerte Trance-Sitzung. Zusätzlich zu offenen Fragen gaben die Teilnehmenden quantitative Bewertungen auf Skalen von 0 bis 100 zu verschiedenen Aspekten der Selbstwahrnehmung und des emotionalen Zustands.

Die Auswertung zeigt deutliche Verschiebungen im narrativen Selbst. So sank die Zeit, in der die Teilnehmenden Zukunftsgedanken berichteten, von 31,5 % im gewöhnlichen Zustand auf 2,7 % in der Trance. Auch present-fokussierte Gedanken gingen von 63,5 % auf 37,0 % zurück; eine Person formulierte, sie sei während der Trance „vollständig gegenwärtig“ statt „im Raum“. Noch stärker wurde die Trennung von Gedanken und Selbst erlebt: Die Werte dafür, sich als Autor von Gedanken und Gefühlen zu fühlen, fielen von 67,4 auf 12,1. Interessant ist dabei die Nuance, dass das Gefühl, eher Beobachter zu sein, sich nicht im gleichen Maß veränderte. Ebenfalls markant war die Veränderung der Zeitwahrnehmung: Der Eindruck, „Zeit sei im Geist präsent“, sank von 64,3 auf 7,0; elf von siebzehn konnten zudem kaum einschätzen, wie schnell die Zeit in der Trance verging. Parallel dazu erfuhr das minimale Selbst eine starke Verschiebung: Die als motorische Selbstwirksamkeit verstandene Handlungsinstanz brach von 83,8 auf 10,4 ein, weil Bewegungen und Lautäußerungen als spontan oder „unaufhaltsam“ beschrieben wurden.

Besonders aufschlussreich ist die Art, wie die Studie mit Begriffen wie Dissoziation umgeht. Klinisch kann Dissoziation als psychische Belastungsreaktion verstanden werden, in den vorliegenden Berichten stand jedoch eine selbstgesteuerte, nicht-pathologische Form im Vordergrund. Mehrere Teilnehmende schilderten, ein Körper bewege sich und mache Geräusche „von selbst“, während ein Anteil die Szene beobachte. Zugleich beschrieben einige eine Art Bremse: Diese „beobachtende“ Komponente könne die Tiefe der Trance begrenzen und einen Rest an Kontrolle erhalten. Solche Differenzierungen sind relevant, weil sie erklären, warum ein verändertes Selbstgefühl nicht zwangsläufig als belastend erlebt werden muss, obwohl es in anderen Kontexten auch beunruhigend wirken kann.

Auch die Körpergrenzen wurden messbar weniger durchlässig im Sinne einer weicheren Trennlinie zur Umgebung: Die wahrgenommene Unterscheidbarkeit eigener Körpergrenzen sank von 83,8 auf 36,5. Gleichzeitig stieg das Gefühl von Verbundenheit mit der Umgebung von 28,4 auf 75,9. Der Kernpunkt in den Wohlfühl-Daten: Glück und Zufriedenheit lagen in der Trance deutlich höher als beim Mahl. Insgesamt stieg der Glückswert von 50,5 auf 74,2; der größte Sprung kam aus der Dimension „innerer Frieden“, die von 44,3 auf 74,7 anstieg. Umgekehrt liefert die Korrelation nicht einfach eine lineare Gleichung „Grenzen verschwinden gleich glücklicher“: Nur zwei signifikante Zusammenhänge traten hervor – wer weniger „im Zentrum“ der eigenen Szene war oder weniger stark an einem festen Selbstpunkt verankert blieb, berichtete tendenziell mehr Glück. Weichere Körpergrenzen und das starke Verbundenheitsgefühl zeigten dagegen in dieser Stichprobe keine statistisch eindeutige Kopplung, und Veränderungen im narrativen Selbst korrelierten nicht zuverlässig mit dem Wohlbefinden.

Gleichzeitig adressieren die Forschenden selbst mehrere methodische Grenzen, die für eine Einordnung in wissenschaftliche und praktische Kontexte entscheidend sind. Erstens bleibt die Stichprobe mit 17 Personen klein und die Teilnehmenden waren offenbar stark vorgebildet und häufig im Gesundheitsbereich tätig – das kann die Generalisierbarkeit einschränken. Zweitens stützen sich die Daten auf retrospektives Erinnern: Teilnehmende sollen sich zwei Zustände vorstellen und vergleichen, was gerade bei intensiven Erlebnissen Erinnerungsverzerrungen begünstigen kann. Hinzu kommt, dass das „kontrastierende“ Ereignis ein Mahl war; dieses Setting könnte die Aufmerksamkeit im gewöhnlichen Zustand stärker auf körperliche Empfindungen gelenkt haben. Drittens spielt Training eine Rolle: Alle Teilnehmenden wurden durch dieselbe Trainingsinstitution geschult, sodass Erwartungen und gemeinsame „Erlebnis-Schemata“ die Berichte mitprägen könnten. In dieser Vorsicht liegt aber auch ein klarer Forschungsauftrag: In der Zukunft müssten longitudinale Designs klären, ob solche Zustandsverschiebungen in wiederholter Praxis zu stabilen Persönlichkeits- oder Wohlbefindensänderungen führen – oder ob es primär beim temporären Erleben bleibt.

Ein letzter wichtiger Punkt betrifft die Interpretation: Die Studie betont, dass sie weder Ursache-Wirkung belegen kann noch Trance automatisch als Therapie einordnet. Das ist wissenschaftlich sauber und zugleich praxisrelevant. Denn veränderte Selbstprozesse können sich nicht nur angenehm anfühlen, sondern auch Angst oder destabilisieren – unabhängig davon, ob es sich um Meditation oder andere Methoden handelt. Wer die Ergebnisse für Anwendungen in Bildung, Coaching oder Gesundheitskontexte diskutiert, sollte daher zwei Dinge auseinanderhalten: den beobachteten Zustandseffekt im Labor-/Trainingsrahmen und den potenziellen Transfer in den Alltag. Genau hier kann die Forschung in Richtung einer präziseren, datengetriebenen Prozessbeschreibung gehen – welche Erwartungen, Einstellungen, Rahmenbedingungen und Integrationswege nach der Sitzung darüber entscheiden, ob „Selbstgrenzen weich werden“ als Offenheit erlebt wird oder als Belastung.


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