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LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt: Extreme-Metal-Fans bewerten grafische Ekelbilder deutlich weniger abstoßend als Nichtfans. In einem Online-Experiment mit 148 Teilnehmenden sank die Ekelreaktion bei Fans bei Kunstwerken, Albumcovers und sogar bei alltäglichen Fotos spürbar. Gleichzeitig steigt die Heiterkeit – ein Hinweis darauf, dass Kontext und ästhetische Rahmung die Emotion umlenken. Offen bleibt, ob der Effekt durch Gewöhnung entsteht oder ob besonders humorvolle Menschen ohnehin stärker zu dem Genre tendieren.

Extreme-Metal-Fans empfinden Ekelbilder als weniger abstoßend – Studie
Extreme-Metal-Fans empfinden Ekelbilder als weniger abstoßend – Studie (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass „eklige“ Inhalte nicht automatisch abgestoßen wirken müssen, zeigt eine neue Studie zu Extreme-Metal-Fans. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Fans repulsive Bildwelten wie blutige Kunstwerke, abstoßende Albumcover und grobe Alltagsfotografien anders verarbeiten als Menschen ohne Bezug zur Szene. Während viele Personen bei solchen Motiven eher wegschauen oder negative Reaktionen erwarten, berichten die Extreme-Metal-Enthusiasten von weniger Ekel und weniger Verwirrung. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass die Reaktion „geringer“ ausfällt, sondern wie die Bilder insgesamt in die ästhetische Erfahrung eingeordnet werden.

Die Studie verortet das Phänomen im Spannungsfeld zwischen Ekel als Schutzsignal und dem Reiz, den dunkle Ästhetik in bestimmten Subkulturen entfalten kann. Ekel gilt in der Psychologie als grundlegende Emotion, die sich evolutionär als inneres Alarmsystem entwickelt hat, um vor potenziell krankmachenden Substanzen zu warnen. Typisch wäre, dass Menschen angesichts solcher Auslöser reflexartig abwenden; die individuelle Stärke dieser Reaktion nennen Psychologen „disgust propensity“. Extreme Metal – als Sammelbegriff für Subgenres wie Death Metal und Grindcore – setzt genau dort an: Verzerrte Gitarren, schnelle Drums und gurgelnde, animalisch wirkende Vocals treffen auf Texte, Bandnamen und Visuals, die häufig von Gore, Zerstörung und Verfall geprägt sind.

Damit stellt sich die Frage, ob Fans Ekel einfach „abschalten“, oder ob sie ihn aktiv umdeuten. Bereits frühere Arbeiten haben Konzepte wie „morbid curiosity“ untersucht, also die Neigung, sich für unangenehme Themen wie Tod zu interessieren, und fanden, dass diese Neigung mit höherer Freude an gewaltsam thematisierter Musik zusammenhängen kann. Ebenso diskutiert die Forschung zu negativer Emotion in der Kunst, dass Kunst nicht bloß „dunkel“ ist, sondern psychologische Distanz schaffen kann: Wer den Inhalt als Kunstrahmung erlebt, bleibt körperlich sicher und kann intensive, teils unangenehme Gefühle als eindrücklich und sogar genussvoll wahrnehmen. Die aktuelle Studie knüpft an diesen Gedanken an und erweitert ihn auf die Frage, wie Ekelbilder selbst als Kunst beurteilt werden.

Im Zentrum steht ein Experiment, das die emotionale Dynamik beim Betrachten von widerlichen Motiven systematisch misst. Die Forschenden verwendeten dafür das „Vienna Integrated Model of Art Perception“, das fünf mögliche emotionale Pfade unterscheidet: Langeweile und Distanz, Überraschung, das Gefühl von Harmonie und emotionaler Bewegung, eine negative Reaktion mit dem Wunsch wegzuschauen (inklusive Verwirrung) sowie persönlicher Erkenntnisgewinn und mentale Transformation. Angeworben wurden Teilnehmende primär über Universitätsumfelder und Online-Foren; nach Filtern für unvollständige Antworten verblieben 79 Extreme-Metal-Fans und 208 Nichtfans. Um sicherzustellen, dass die Fans das Genre tatsächlich kennen, mussten sie mindestens einen Extreme-Metal-Act benennen. Für den fairen Vergleich erfolgte anschließend ein statistisches Matching nach Alter und Geschlecht; zudem wurden Personen ausgeschlossen, die zwar klassisches Heavy Metal mochten, aber Extreme-Subgenres ablehnten. Übrig blieben 74 Extreme-Metal-Fans und 74 passende Nichtfans (durchschnittlich um die 30 Jahre), insgesamt 148 Teilnehmende.

Die Teilnehmenden füllten vorab Fragebögen zu allgemeinem Kunstinteresse, Präferenzen für komplexe oder mehrdeutige Kunstwerke sowie zur individuellen Ekelneigung aus. Danach sahen sie per Zufallszuweisung 16 Bilder in zufälliger Reihenfolge – jeweils aus zwei Bildsets: zwei ekelerregende Fine-Arts-Motive (zum Beispiel ein Porträt mit Verschmutzung), zwei Extreme-Metal-Albumcover ohne Bandnamen, zwei alltägliche grobe Fotografien (etwa Hautinfektionen) und zwei neutrale Kontrollbilder, bei denen ekelhafte Motive digital so verfremdet wurden, dass sie nicht mehr erkennbar waren. Unter jedem Bild bewerteten die Teilnehmenden sofortige Reaktionen auf einer 1- bis 5-Punkte-Skala zu den fünf Pfaden sowie den Humorgrad; zusätzlich erfolgte eine 0- bis 100-Punkte-Einschätzung, wie bekannt das Motiv wirke, wie stark Ekel empfunden werde und wie sehr es gefalle.

Die Ergebnisse zeichnen eine klare Trennlinie zwischen den Gruppen. In grundlegenden Kunstinteressen und der Präferenz für komplexe Kunst gab es kaum Unterschiede. Extreme-Metal-Fans berichteten jedoch, im Durchschnitt mehr Musik zu hören (etwa 151 Minuten pro Tag/Wocheinheiten im Mittel, gegenüber 100 bei Nichtfans) und wiesen eine niedrigere alltägliche Ekelneigung auf (Mittelwert 2,21 auf einer 0- bis 4-Skala gegenüber 2,57 bei Nichtfans). Beim direkten Bildvergleich bewerteten Fans die ekelhaften Kunstwerke um 12,73 Punkte weniger als „eklig“, die Albumcovers um 10,09 Punkte weniger und die groben Alltagsfotos um 8,86 Punkte weniger. Bei den verfremdeten Kontrollbildern lagen die Ekelbewertungen beider Gruppen dagegen nahezu gleich. Auch die emotionale Negativspur zeigte Differenzen: Auf der Skala für negative Verwirrung schnitten Extreme-Metal-Fans bei Kunstwerken (minus 0,55), Albumcovers (minus 0,57) und Fotos (minus 0,39) schlechter ab – als Interpretationsrahmen nutzen die Autorinnen und Autoren die Idee, dass sich die Motive für die Fans weniger bedrohlich anfühlen und sie mental weniger „zurückweisen“.

Parallel dazu kippte die Stimmung in Richtung Humor. Extreme-Metal-Fans bewerteten die Kunstmotive um 0,62 Punkte höher als amüsant und die Albumcovers um 0,68 Punkte höher. Bei den groben Fotografien und den neutralen Kontrollen fielen die Humorunterschiede geringer aus (0,21 bzw. 0,26 Punkte), was nahelegt, dass die ästhetische Inszenierung eine Rolle spielt. Der Forscher Albert Wabnegger beschreibt das so: „We were able to replicate the results from our previous study, again showing reduced disgust reactivity to disgusting content in extreme metal fans.“ Und er ergänzt die Logik des Befunds: „This suggests that the effect is relatively stable. Moreover, these findings are striking because they show that, under certain conditions, an emotion that is typically strongly aversive can be experienced in a markedly different, and even enjoyable, way.“ In der Studie deutet außerdem mehr Gefallen an den stilisierten Motiven der Fans darauf hin, dass groteske Themen gerade dann attraktiv werden, wenn sie als Teil einer Kunst- oder Subkultur-Ästhetik funktionieren.

Für die Einordnung ist der methodische Kern wichtig: Die Untersuchung misst den Zustand zu einem Zeitpunkt und kann daher Kausalität nicht beweisen. Es bleibt damit offen, ob das Hören und Verarbeiten von Extreme Metal Menschen allmählich „umtrainiert“ oder ob vor allem jene Menschen zur Szene kommen, die von Natur aus einen dunkleren Humor und eine andere Ekelverarbeitung mitbringen. Bemerkenswert ist auch, dass die Teilnehmendensamples eine höhere Männerquote aufweisen, was die Übertragbarkeit auf andere demografische Gruppen begrenzt. Für weitere Forschung empfehlen die Autorinnen und Autoren daher längsschnittliche Designs, physiologische Messungen und Kombinationen aus Ton und Bild, um die Übergänge zwischen Reappraisal, Gewöhnung und „metaemotionaler“ Verarbeitung besser zu entwirren. Der zentrale Praxisgedanke dahinter ist aber bereits jetzt klar: Emotionen sind nicht starr, sondern werden durch Kontext, Erwartungen und kulturelle Regeln der Wahrnehmung geformt.

Auch außerhalb der Subkultur wirft das Fragen auf, die weit über Geschmacksfragen hinausgehen. Wenn Humor dabei hilft, Ekel umzudeuten, könnte das perspektivisch mit Blick auf Interventionen interessant sein, etwa dort, wo Ekelreaktionen in psychischen Störungsbildern eine zentrale Rolle spielen. Merrick Powell, der eine frühere Arbeit zur „morbid curiosity“ leitete, ordnet das Ergebnis in ein breiteres Modell ein: „I think the most important takeaway is that it aligns with theories of extreme metal fans being active agents in reappraising extreme content even extending to the visual medium associated with the music.“ Damit bleibt die Studie nicht nur eine Momentaufnahme des Metal-Alltags, sondern liefert einen konkreten Anstoß dafür, wie ästhetische Rahmung und humorvolle Normverletzung Emotionen messbar verändern können.

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