LONDON (IT BOLTWISE) – Immer mehr Mädchen erhalten eine ADHS-Neudiagnose, gleichzeitig verschiebt sich das Diagnosealter in der Versorgung deutlich nach hinten. Laut einer DAK-Auswertung steigt die Zahl der Diagnosen bei Mädchen stärker als bei Jungen. Diese Entwicklung wird nicht als bloßer Trend abgetan, sondern als Zeichen verbesserter Aufklärung und sensiblerer Erkennung. Besonders auffällig bleibt jedoch die Versorgungslücke: Viele Mädchen bekommen erst Jahre später eine gesicherte Diagnose.

Die Versorgung von ADHS gerät in Deutschland und darüber hinaus zunehmend in den Fokus, weil sich die Erkennungsraten zwischen Mädchen und Jungen spürbar verschieben. Der Kern der aktuellen Berichterstattung lautet nicht „Trend um jeden Preis“, sondern: Es gibt mehr Neudiagnosen – und die Dynamik ist bei Mädchen ausgeprägter. Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, warum ADHS lange Zeit stärker als Störung des Kindesalters mit hyperaktiven und impulsiven Auffälligkeiten bei Jungen wahrgenommen wurde. Gerade das schulische Umfeld macht Unterschiede oft sichtbar, doch nicht jede Symptomform erzeugt automatisch den gleichen Alarm, wie ein Blick auf die typischen Verhaltensmuster zeigt.
Welche Richtung diese Entwicklung nimmt, unterstreicht eine Untersuchung der Krankenkasse DAK in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld. In den Auswertungen zeigt sich, dass die Zahl der ADHS-Neudiagnosen bei Mädchen deutlich stärker steigt als bei Jungen. Bezogen auf die Prävalenz wird über die gesamte Bevölkerung hinweg ein Wert von rund 5,4 Prozent bei Kindern genannt, während Erwachsene mit etwa 3,3 Prozent veranschlagt werden. Für Entscheider in Gesundheitssystemen und Unternehmen mit Employee-Health-Programmen ist das relevant, weil Diagnosen nicht nur medizinische Ereignisse sind, sondern auch den Zeitpunkt bestimmen, an dem Unterstützungsleistungen greifen: Lernumfeld, Förderplanung, psychotherapeutische Zugänge und, falls nötig, medikamentöse Therapien.
Dass weibliche Betroffene heute vermehrt erfasst werden, wird in der Einordnung als Schließung einer langjährigen Versorgungslücke beschrieben. Historisch galt ADHS häufig als Muster, das bei Jungen im Alltag besonders schnell auffällt: Hyperaktivität und Impulsivität prallen in Klassenzimmern und im öffentlichen Raum stärker auf. Bei Mädchen äußern sich die Symptome hingegen öfter über Unaufmerksamkeit, Schwierigkeiten bei der Konzentration oder stärker „nach innen“ gerichtete Bewältigungsstrategien. Genau diese Internalisierung macht es wahrscheinlicher, dass Betroffene zunächst als „träumerisch“, „ruhig aber nachlässig“ oder schlicht „unmotiviert“ eingeordnet werden, statt als Hinweis auf eine neurodevelopmentale Störung. Die Folge ist nicht selten ein spürbar höheres Diagnosealter.
Die Altersunterschiede werden besonders deutlich, wenn man die Zeitspanne bis zur gesicherten Diagnose betrachtet. In der Quelle heißt es, dass das Diagnosealter bei Männern zwischen 11,2 und 22,7 Jahren liegt, während Frauen im Schnitt erst im Alter von 16,3 bis 28,6 Jahren diagnostiziert werden. Damit durchlaufen viele Betroffene Kindheit und Jugend ohne die passende therapeutische Unterstützung. Diese Verzögerung ist nicht nur ein „Papierproblem“ im Gesundheitssystem: Ohne Diagnose entstehen häufig Sekundärbelastungen wie Schulstress, wiederholtes Scheitern trotz durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher kognitiver Fähigkeiten sowie ein wachsender Bedarf an Kompensation. Auch die Anpassung von Lernstrategien, Routine-Design oder therapeutischen Trainings wird dadurch später möglich.
Ein historischer Blick liefert zusätzliche Plausibilität. Laut Zahlen des University College London (UCL) lag im Vereinigten Königreich im Zeitraum von 2000 bis 2018 die Diagnoserate bei Männern bei 74,3 pro 10.000, während sie bei Frauen bei lediglich 20 pro 10.000 lag. Der Abstand illustriert, wie stark Wahrnehmung und Erfassungswege die sichtbare Statistik prägen können – selbst wenn sich die Grundprävalenz in der Gesamtbevölkerung nicht dramatisch unterscheidet. Gleichzeitig zeigt die Quelle, dass gezieltes Training Konzentrationsprobleme aktiv adressieren kann. In der Praxis bedeutet das: ADHS-spezifische Trainings zielen typischerweise auf Aufmerksamkeitssplitting, Arbeitsgedächtnis-Strategien, Alltagsstruktur und Selbstmanagement ab – also genau jene Fähigkeiten, die im Unterricht und in der Leistungskultur über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Während Sensibilisierung und Diagnostikaufbau kurzfristig die Erfassungsquote beeinflussen, geht die Forschung in Richtung Mechanismen. Spezifische Projekte setzen dabei an physiologischen Schnittstellen an, die bei Frauen stärker im Blick stehen. In der Quelle wird die MAAM-Studie beschrieben, die vom King’s College London (KCL) und der Queen Mary University of London gestartet wurde. Das Projekt untersucht den Zusammenhang zwischen dem weiblichen Menstruationszyklus und Auftreten sowie Schwere von ADHS-Symptomen. Für die Entwicklung passgenauer Diagnostik und Behandlung ist das ein logischer Schritt: Wenn hormonelle Einflüsse die Symptomatik modulieren, können standardisierte Zeitpunkte der Befunderhebung und Verlaufskontrollen an Aussagekraft gewinnen. Ebenso kann die Forschung helfen, Fehldiagnosen zu vermeiden, indem sie erklärbare Schwankungen besser einordnet.
Für die betroffenen Familien und auch für Institutionen wie Schulen, Kliniken und Reha-Einrichtungen entsteht daraus eine Doppelstrategie: Erstens gilt es, Auffälligkeiten bei Mädchen frühzeitig als potenziell neurodivergent zu erkennen und die diagnostischen Kriterien so anzuwenden, dass unauffällige Symptome nicht untergehen. Zweitens sollte die Versorgung langfristig flexibler werden – etwa durch Berücksichtigung von Symptomvariationen und durch Therapieansätze, die nicht nur den Moment, sondern den Alltag verändern. In diesem Kontext ist auch die KI-gestützte Unterstützung in Redaktions- und Informationsprozessen ein Thema, sofern sie wie in der Quelle beschrieben automatisiert erstellt und geprüft wird; entscheidend ist am Ende, dass medizinische Aussagen überprüfbar bleiben und nicht aus einer einzelnen Datensicht heraus verallgemeinert werden.
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