LONDON (IT BOLTWISE) – Eine ADHS-Diagnose vor dem 18. Lebensjahr ist mit deutlich seltenerem Besuch religiöser Gottesdienste im frühen Erwachsenenalter verbunden. Laut einer Auswertung der Add Health-Daten sinkt die Wahrscheinlichkeit für regelmäßige Teilnahme um etwa 50 Prozent. Private Praxis wie Beten zeigt hingegen keinen vergleichbaren Rückgang. Besonders stark fällt der Unterschied bei schwarzen und asiatisch-amerikanischen Erwachsenen aus.

ADHS-Diagnose in der Kindheit hängt mit weniger Kirchbesuch im Erwachsenenalter zusammen
ADHS-Diagnose in der Kindheit hängt mit weniger Kirchbesuch im Erwachsenenalter zusammen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Frage, wie sich neurodivergente Lebensläufe in gesellschaftlichen Routinen abbilden, rückt mit einer neuen Untersuchung zur Rolle von ADHS in den Fokus. Im Zentrum steht nicht die medizinische Symptomatik selbst, sondern die Schnittstelle zwischen aufmerksamkeits- und impulsbezogenen Herausforderungen und einer sozialen Aktivität, die oft strikte zeitliche und kognitive Erwartungen mit sich bringt: der Besuch religiöser Gottesdienste. Forschungsseitig war die Religionspraxis bislang eher selten Thema, obwohl religiöse Gemeinschaften für viele Menschen als Stabilitätsanker gelten – mit emotionaler Unterstützung, Zugehörigkeit und gemeinschaftlichen Bewältigungsmechanismen.

Technisch und konzeptionell ist der Ansatz bemerkenswert klar: Die Forschenden um Laura Upenieks und Samuel H. Fishman (Baylor University) untersuchen, ob eine ADHS-Diagnose in der Kindheit die spätere Teilnahme an öffentlichen religiösen Settings verändert, ohne automatisch auch private Praxisformen zu beeinflussen. ADHS wird in der Psychologie typischerweise als neuroentwicklungsbedingte Störung beschrieben, bei der anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulskontrolle auftreten. Genau diese Merkmale können in Umgebungen mit langen, wiederkehrenden Abläufen problematisch werden: Eine liturgisch strukturierte Abfolge oder ein über längere Zeit sitzender Modus verlangt anhaltende Selbstregulation, Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit, Verhaltensnormen zu internalisieren. Wenn diese Anforderungen wiederholt schwerfallen, kann das Gefühl entstehen, „nicht zu passen“ – und daraus folgt möglicherweise die Entscheidung, den öffentlichen Rahmen dauerhaft zu meiden.

Um diese Hypothese zu prüfen, nutzten die Autoren Daten der Journal for the Scientific Study of Religion-Publikation, die auf der National Longitudinal Study of Adolescent to Adult Health (Add Health) basiert. Add Health begleitet Teilnehmende seit der Jugend bis in das frühe Erwachsenenalter und umfasst in der finalen Stichprobe 9.785 Erwachsene aus unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen. Die Auswertung unterscheidet dabei zwischen ADHS-Diagnosen vor dem 18. Lebensjahr, Diagnosen im Erwachsenenalter und keiner formalen Diagnose. Anschließend betrachten die Forschenden drei Dimensionen erwachsener Religiosität: die Häufigkeit von Gottesdienstbesuchen, die Häufigkeit des Betens und die subjektive Bedeutung von Religion im Alltag.

Im statistischen Kern zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang bei der öffentlichen Praxis. Die Modelle wurden so gestaltet, dass sie unter anderem Kindheitsdemografie, familiäre Strukturen, frühe Gesundheitsindikatoren wie Depression sowie religiöse Gewohnheiten in der Jugend berücksichtigen. Ergebnis: Eine ADHS-Diagnose vor dem 18. Lebensjahr war „konsistent“ mit rund 50 Prozent geringeren Chancen verbunden, im frühen Erwachsenenalter regelmäßig Gottesdienste zu besuchen. Eine Diagnose, die erst im Erwachsenenalter gestellt wurde, zeigte dagegen nicht denselben Effekt. Genau diese Trennung ist für die Interpretation wichtig: Sie spricht eher dafür, dass es die Kombination aus langfristigen Symptomen, institutionellem Labeling und erlernten Bewältigungsstrategien ist, die den Weg in öffentliche religiöse Routinen stärker prägt, als dass allein ein späterer Diagnosezeitpunkt einen sofortigen Verdrängungseffekt erzeugt.

Bei privaten Praktiken ergibt sich dagegen ein anderes Bild. In ersten Modellen wirkten Personen mit ADHS-Diagnose in der Kindheit zunächst weniger häufig beim Beten oder stuften Religion als weniger wichtig ein. Diese Zusammenhänge verschwanden jedoch, nachdem die Forschenden demografische Hintergründe und die religiöse Beteiligung in der Jugend mit einbezogen hatten. Die Studie deutet damit darauf hin, dass ADHS primär die „behaviorale Kapazität“ für sozial strukturierte, interpersonell geprägte Settings beeinträchtigen kann, nicht aber zwingend die persönlichen spirituellen Bindungen. Solitäres Beten lässt mehr Kontrolle über Tempo, Format und Timing – ohne den gleichen Druck durch Publikum, soziale Beobachtung und die Erwartung, sich kontinuierlich in Gruppenabläufe einzufügen.

Besonders aufschlussreich ist die Interaktion mit Herkunft und Kontext. Die Forschenden erweiterten das Modell um eine mögliche Verstärkung des Effekts über rassische und ethnische Linien hinweg. Die Abnahme der Gottesdienstbesuche fiel demnach deutlich stärker bei schwarzen und asiatisch-amerikanischen Erwachsenen aus als bei weißen Erwachsenen. In den berichteten Ergebnissen lagen die Chancen für wöchentliche Teilnahme bei schwarzen Personen mit kindlicher ADHS-Diagnose um 78 Prozent niedriger als bei weißen Teilnehmenden ohne ADHS. Für asiatisch-amerikanische Erwachsene zeigte sich sogar ein um 90 Prozent niedrigeres Odds-Niveau im Vergleich. Als mögliche Erklärungsrichtung nennen die Autoren unterschiedliche Versammlungsnormen und strukturelle Ungleichheiten: Längere Gottesdienstformate könnten Aufmerksamkeit länger belasten, während kulturelle Akzente auf Disziplin und interdependente Rollen die Wahrnehmung von Verhaltensabweichung verstärken und Entfremdung wahrscheinlicher machen. Gleichzeitig verweisen sie darauf, dass Zugänge zu Gesundheitsversorgung nicht für alle Gruppen gleich sind und dass Unterdiagnosen sowie strafende Disziplin in Schulen an die Stelle einer medizinischen Behandlung treten können.

Wichtig bleibt dabei, wie die Studie methodisch begrenzt ist. Die Zuordnung erfolgt über selbstberichtete Diagnosen, was die Einteilung in „hat ADHS“ versus „hat kein ADHS“ fehleranfällig machen kann: Wer ADHS-Symptome erlebt, aber keine formale Abklärung erhält, könnte fälschlich der „nicht betroffen“-Gruppe zugeordnet werden. Für Frauen ist das besonders relevant, weil Symptome häufig weniger als „störende“ Hyperaktivität, sondern eher als innere Unaufmerksamkeit in Erscheinung treten. Zudem kann die binäre Diagnose keine Aussagen zur genauen Schwere der ADHS-Merkmale liefern, etwa ob Hyperaktivität und Inattentiveness unterschiedliche Auswirkungen auf religiöses Verhalten haben. Auch beim Religionsspektrum gibt es eine Brechung: Messgrößen erfassen vor allem christliche Traditionen, während nicht-christliche Strömungen in einer breiteren Restkategorie zusammengefasst werden. Für Religionsgemeinschaften und Anbieter von Unterstützungsangeboten heißt das: Ein praxisnaher Hebel könnte darin bestehen, stärker sensorisch- und zeitlich flexible Angebote zu schaffen – etwa kürzere Gottesdienste oder ausgewiesene Rückzugsräume. Entscheidend ist dabei weniger ein pauschales „Sonderangebot“, sondern die Frage, wie sich soziale Erwartungen so gestalten lassen, dass neurodiverse Mitglieder dauerhaft teilnehmen können.

Aus Branchenperspektive berührt die Studie eine Schnittstelle, die auch weit über Religionsgemeinschaften hinaus relevant ist: Unternehmen und öffentliche Institutionen arbeiten zunehmend mit Diversity-Strategien, stoßen aber oft an die gleichen Grenzen, sobald Anforderungen an Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Sitzdauer in festen Routinen verankert sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass Barrieren weniger durch die „Identität“ einer Person entstehen, sondern durch die konkrete Ausgestaltung von Abläufen. Für die nächste Forschungsrunde liegt der Mehrwert daher in präziseren Vergleichen: Welche religiösen Traditionen mit unterschiedlichen liturgischen und kulturellen Mustern sind besonders kompatibel? Und wie verändern sich Teilnahmequoten, wenn Angebote wie sensorisch freundliche Umgebungen oder flexibelere Erwartungen tatsächlich implementiert werden? Bis dahin liefert die Studie vor allem eines: einen belastbaren Hinweis darauf, dass die öffentliche religiöse Teilhabe im Erwachsenenalter bei früh diagnostizierter ADHS deutlich häufiger abbricht – während private Praxisformen vergleichsweise stabil bleiben.


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