LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Erwachsene mit ADHS ihre Diagnose sehr unterschiedlich bewerten. Vor allem hyperaktive und impulsive Symptome hängen deutlich mit positiveren Einstellungen zusammen. Bei überwiegend aufmerksamskeitsbezogenen Problemen ist die Tendenz dagegen weniger freundlich, die Daten sind jedoch nicht in jedem Test gleich stark. Damit liefert die Forschung einen differenzierteren Blick darauf, wie Menschen ihre neurodivergenten Merkmale interpretieren.

Erwachsene mit ADHS erleben die eigene Diagnose nicht einfach als „nur Belastung“. Eine aktuelle Veröffentlichung im Journal of Attention Disorders argumentiert vielmehr, dass die gefühlsmäßige Bilanz davon abhängt, welche Symptomdimension im Vordergrund steht. In der Studie wurden speziell zwei Bereiche betrachtet: Hyperaktivität und Impulsivität auf der einen Seite sowie Inattention auf der anderen. Das Ergebnis ist für die Praxis relevant, weil es die häufig pauschale Diskussion über ADHS als einheitliches Problemfeld aufbricht und zeigt, dass Betroffene unterschiedliche Deutungsmuster entwickeln können.
ADHS beginnt in der Kindheit und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Diagnostisch werden typischerweise Symptome in Kategorien gefasst: Inattention äußert sich etwa als Schwierigkeiten, Fokus zu halten, Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten oder sich zu organisieren. Hyperaktivität und Impulsivität betreffen dagegen eher überschießende motorische Aktivität, innere Unruhe oder Handlungen, die ohne Abwägung erfolgen. Der Forschungsfokus lag lange stark auf den negativen Folgen – von schulischen Hürden über Probleme bei der Emotionsregulation bis hin zu Spannungen in Beziehungen. Die neue Arbeit knüpft genau hier an und fragt: Wie wirkt sich die Symptomverteilung darauf aus, ob Menschen ihre ADHS-Eigenheiten auch als Stärke oder Ressource interpretieren?
Den Hintergrund bildet eine Reihe qualitativ orientierter Ansätze, die in den vergangenen Jahren stärker auf persönliche Narrative geschaut haben. Solche Arbeiten berichten, dass viele Betroffene neben Schwierigkeiten auch positive Seiten benennen, etwa hohe Energie, ungewöhnliches Denken oder einen Antrieb für Neuheit. Die aktuelle Studie geht jedoch einen Schritt weiter und versucht, diese „Positivität“ systematisch zu messen. Federführend ist Gili Katabi von der Tel-Aviv University; die Autorinnen und Autoren entwickeln dafür eine formale Skala, die Einstellungen zu ADHS in positive Attitüden übersetzt. Im Kern geht es darum, ob solche positiven Gefühle davon abhängen, ob die Symptomlage eher hyperaktiv/impulsiv oder eher vorwiegend inaufmerksam ist.
Um das zu testen, konstruierten die Forschenden die „Positive Attitudes Toward ADHD Scale“. Die Fragen zielen auf die Wahrnehmung positiver Aspekte der eigenen Diagnose ab, basierend auf wiederkehrenden Themen aus früheren Interviews wie Kreativität, dynamischer Energie und Resilienz. Die Teilnehmenden bewerteten Aussagen auf einer fünfstufigen Skala. Insgesamt wurden drei unterschiedliche Stichproben genutzt: In Israel nahmen 84 junge Erwachsene mit formaler ADHS-Diagnose teil, die die Fragebögen im Laborsetting ausfüllten. Eine zweite israelische Gruppe umfasste 125 Erwachsene; hier ergänzten strukturierte klinische Interviews per Telefon die Verifikation der ADHS-Kriterien zum Zeitpunkt der Erhebung, wobei Personen mit starkem Alkohol- oder Cannabiskonsum ausgeschlossen wurden. Als dritte Gruppe kam ein Online-Sample hinzu: 126 englischsprachige Erwachsene aus 24 Ländern, die Diagnose- und Behandlungsverläufe schriftlich detailliert darlegten, um ihre Zuordnung abzusichern.
Die Auswertung zeigt zunächst einen übergreifenden Zusammenhang: Je stärker die ADHS-Symptomatik insgesamt ausgeprägt ist, desto eher berichten Menschen auch günstigere Einstellungen zur eigenen Diagnose. Entscheidend ist jedoch der Blick auf die zwei Symptomdimensionen. In allen drei Stichproben erwies sich eine höhere Häufigkeit von hyperaktiven und impulsiven Symptomen als starker Prädiktor für positive Einstellungen. Für Inattention ergibt sich demgegenüber ein anderes Bild: Höhere Ausprägungen der Aufmerksamkeitsprobleme gingen im Trend mit weniger positiven Einstellungen einher, allerdings war dieser negative Effekt nicht in jeder Stichprobe statistisch eindeutig. In einem zusätzlichen Follow-up testeten die Forschenden 35 Teilnehmende aus der zweiten Stichprobe auf allgemeine Lebenszufriedenheit; dabei blieb der Zusammenhang zwischen hyperaktiven Symptomen und positiven ADHS-Einstellungen als eigenes Muster sichtbar. Das deutet darauf hin, dass die neue Skala spezifische Gefühle zur Diagnose misst – nicht lediglich generelle Zufriedenheit.
Inhaltlich fügt sich das in ein breiteres Bild ein, das ADHS nicht nur als Defizit, sondern auch als Quelle bestimmter psychologischer Ressourcen diskutiert. Die Autoren verweisen dabei auf ältere Befunde, in denen hyperaktivitäts- und impulsivitätsbezogene Faktoren mit späteren Bereichen wie Beziehungs- und Jobzufriedenheit zusammenhingen. Gleichzeitig betont die Studie Grenzen, die man in der Interpretation ernst nehmen sollte: Die neue Skala stützt sich ausschließlich auf Selbstberichte. Aussagen über Kreativität oder Flexibilität korrespondieren nicht automatisch mit objektiven Leistungstests, etwa in Aufgaben zur divergenten Kreativität. Außerdem handelt es sich um subjektive Einstellungen, die für Themen wie Selbstwert, Coping und Identitätsarbeit wichtig sind – aber getrennt von beobachtbaren Vorteilen betrachtet werden müssen.
Auch mögliche Verzerrungen spielen eine Rolle. Gesellschaftliche Deutungsmuster können beeinflussen, welche Symptomseite leichter „umframen“ lässt: Unruhe lässt sich eher als überschäumende Energie interpretieren, während inaufmerksame Merkmale wie Wegdriften oder Vergessen sozial weniger anschlussfähig wirken und schwerer positiv darzustellen sind. Die Forschenden nennen zudem eine konkrete Einschränkung der Skala: Hyperfokus wurde nicht systematisch abgefragt. Genau dieses Erleben – die starke, anhaltende Vertiefung in Aufgaben, die als besonders interessant wahrgenommen werden – könnte bei manchen Personen das Bild weg von der Inattention und hin zu einer anderen positiven Aufmerksamkeitsdynamik verschieben. Für die nächste Forschungsrunde schlagen die Autorinnen und Autoren vor, auch Fremdberichte aus dem Umfeld einzubeziehen und zu prüfen, ob diese gegensätzlichen Deutungsmuster bereits bei Kindern und Jugendlichen existieren oder erst mit der Zeit als erwachsenenspezifische Anpassungsleistung entstehen.
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