LONDON (IT BOLTWISE) – Bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit kommt ADHS nach klinischen Beobachtungen deutlich häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. Genannt werden Werte von etwa 25 Prozent für eine zugrunde liegende ADHS-Erkrankung. In der Praxis bleibt diese Schnittmenge laut Fachberichten jedoch oft unentdeckt. Das kann erklären, warum Therapien sich zu stark auf das Suchtverhalten konzentrieren und Rückfälle begünstigen.

Die Überschneidung zwischen Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Alkoholabhängigkeit wird in der klinischen Versorgung häufig zu spät sichtbar. Aktuelle klinische Beobachtungen und Fachberichte verweisen auf eine signifikante Schnittmenge: Bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit soll in rund 25 Prozent der Fälle eine ADHS-Erkrankung zugrunde liegen. Gleichzeitig wird die ADHS-Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung meist auf etwa 5 bis 6 Prozent geschätzt. Diese Differenz wirkt wie ein Warnsignal für Entzugskliniken und Therapiezentren, denn wenn ADHS-typische Muster nicht erkannt werden, fehlt der wichtigste Teil des Verständnisses für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeit.
Wird die neurobiologische Entwicklungsstörung im Alltag nicht diagnostiziert, verengt sich die Behandlung oft auf das Suchtverhalten. Der Kernmechanismus bleibt dann unbehandelt: die Disposition, die sich in Impulsivität, Aufmerksamkeitsproblemen und einer anstrengenden Selbstregulation zeigt. Expertenmeinungen aus dem Umfeld der Versorgung beschreiben genau diese Lücke als Rückfalltreiber. Betroffene versuchen demnach weiterhin, Symptome unbewusst über Substanzen zu regulieren – nicht aus „mangelnder Motivation“, sondern weil der gewohnte (wenn auch riskante) Weg zur kurzfristigen Entlastung erhalten bleibt.
Technisch lässt sich die Verbindung zwischen beiden Erkrankungen auch über die Neurochemie erklären: Alkohol und andere Suchtmittel lösen im Gehirn einen Dopaminkick aus. ADHS-Patienten zeigen dabei strukturelle Unterschiede im Dopaminstoffwechsel, wodurch Substanzen besonders verführerisch wirken können. In der Logik der Selbstmedikation geht es häufig nicht nur um „Betäubung“, sondern um konkrete Symptome: manche Betroffenen suchen Beruhigung bei innerer Unruhe, andere versuchen, die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Dass diese kurzfristige Wirkung langfristig destruktive Folgen haben kann, steht dabei im Hintergrund – doch im akuten Moment sind die entlastenden Effekte oft deutlich spürbarer als die späteren Kosten.
Neben Impulsivität spielt auch die emotionale Sensibilität eine Rolle, die in den Berichten als Rejection Sensitivity Dysphoria (RSD) beschrieben wird. RSD beschreibt eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber realer oder wahrgenommener Zurückweisung, Kritik und sozialer Ablehnung. Laut Darstellung von Dr. Anastasia Hronis kann dieser Leidensdruck viele Betroffene in Muster wie Rauschtrinken (Binge Drinking) treiben. Hier verschiebt sich die Perspektive: Alkohol wird dann nicht nur als Mittel gegen Konzentrationsprobleme oder Unruhe genutzt, sondern auch als kurzfristige „Regelung“ intensiver Gefühle. Für die Therapie bedeutet das, dass Abstinenzprogramme allein zu kurz greifen können, wenn Strategien für den Umgang mit emotionaler Dysregulation und den Auslösern von Impulsdurchbrüchen fehlen.
Entscheidend ist damit weniger die bloße Diagnosehäufigkeit als die praktische Implementierung in der Versorgung. Wenn jede zweite Person mit einer ADHS-Diagnose im Laufe des Lebens eine Abhängigkeit entwickeln kann, und wenn bei jedem vierten Alkoholiker ADHS als Basis beschrieben wird, muss die diagnostische Schleife in Entzugskliniken enger werden. Fachleute fordern deshalb, das medizinische Personal stärker zu sensibilisieren, damit ADHS in der Suchthilfe häufiger und früher erkannt wird. Für Träger und Leitungen heißt das auch: Screening- und Übergabekonzepte zwischen Suchteinrichtungen und ADHS-ambulanter Versorgung müssen organisatorisch so gestaltet sein, dass sie nicht an Zeitdruck, Personalwechsel oder unklaren Zuständigkeiten scheitern.
Am Ende steht ein therapeutisches Ziel, das über Substanzkontrolle hinausgeht: Menschen sollen lernen, Impulsivität und emotionale Spannung so zu adressieren, dass Suchtmittel nicht mehr als „funktionierende“ Selbstmedikation erscheinen. In den Berichten wird genau hier ein zentraler Ansatzpunkt benannt: erfolgreiche Suchttherapie bei ADHS-Betroffenen muss Strategien zum Umgang mit Impulsivität und emotionaler Dysregulation beinhalten. Für die Praxis kann das heißen, dass Entzugseinrichtungen ihre Behandlungslogik stärker mit verhaltens- und alltagsnahen Selbstregulationskompetenzen verbinden und dabei die Besonderheiten neurodivergenter Patientinnen und Patienten systematisch berücksichtigen.
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