SAN DIEGO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue groß angelegte Analyse liefert eine schlüssige Erklärung für die seit über 100 Jahren bekannten roten Wasserfälle in der Antarktis. Die Forscher führen die Färbung auf Eisenoxid zurück und zeigen gleichzeitig, dass das Wasser vermutlich aus einem ehemals mit Meerwasser gefüllten Salzwasser-Reservoir unter dem Taylor-Gletscher stammt. Anhand von 167 Proben und genetischen Daten zeichnen sie nach, wie Mikroorganismen die Mischung aus Salz- und Süßwasser im Umfeld des Bonneysees besiedeln. Damit rückt das Team ein polares „Meeresrefugium“ in den Fokus, das Ökosysteme über geologische Zeiträume geprägt haben könnte.

Antarktische „Blutfälle“: Salzwasser-Reservoir unter dem Taylor-Gletscher erklärt die rote Färbung
Antarktische „Blutfälle“: Salzwasser-Reservoir unter dem Taylor-Gletscher erklärt die rote Färbung (Foto: IT BOLTWISE)
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Rote Wasserfälle in der Antarktis wirken wie ein Naturphänomen aus einem Lehrbuch: Am Ende eines Gletschers stürzt Wasser über Eis in einen vereisten See, und über allem schimmert über Jahrzehnte hinweg eine markante Färbung. Bereits vor mehr als einem Jahrhundert hatten Forschende das als „Blood Falls“ bekannte Spektakel beobachtet und später auch eine chemische Hauptursache identifiziert: Die Farbe geht auf Eisenoxid zurück. Die neue Untersuchung geht jedoch einen Schritt weiter und fragt nicht nur nach dem „Warum“ der roten Tönung, sondern nach dem „Woher“ des Wassers und nach der biologischen Besiedlung jener Zone, in der sich Salz- und Süßwasser wiederholt mischen.

Im Zentrum der Ergebnisse steht ein Konzept, das man sich wie eine unterirdische Wasserader vorstellen kann: Ein Salzwasserreservoir unter dem Taylor-Gletscher soll die Blutfälle speisen. Nach den beschriebenen Befunden stützt das Forschungsteam die Vermutung, dass dieses Becken vor langer Zeit mit Meerwasser gefüllt war und später vom Gletscher überdeckt wurde. Als der Meeresspiegel nach Phasen vergangener Klimaverhältnisse sank und es weniger Polareis gab, habe sich das Reservoir erhalten, während der Taylor-Gletscher darüber hinwegschob. Dadurch konnte das Wasser offenbar nicht einfach ablaufen, und genau diese „eingefrorene“ Vorgeschichte wirkt bis heute in der Dynamik des Endbereichs nach.

Geografisch sind die Blutfälle eng verknüpft mit dem Taylor-Gletscher nahe dem McMurdo-Sund, der direkt an das Rossmeer grenzt. Von dort ergießt sich das austretende Wasser auf den eisbedeckten Bonneysee. Entscheidend ist die Übergangszone, in der sich das aus dem Untergrund kommende salzige Wasser mit Schmelzwasser aus den umliegenden Gletschern mischt. In dieser Mischung entstehen wechselnde Umweltbedingungen, und genau dort zeigen die Daten, dass viele Kleinstlebewesen nicht nur „irgendwie“ überleben, sondern offenbar auf die Anforderungen solcher Grenzlagen spezialisiert sind.

Für die Studie nahmen Zoumplis und Kolleginnen sowie Kollegen insgesamt 167 Proben von den Blutfällen und ihrer Umgebung. Die Forschenden setzten dann auf genetische Analysen, um die Mikrobiologie zuzuordnen: Unter den identifizierten Gruppen waren unter anderem Dinoflagellaten, Wimperntierchen und Kieselalgen. Besonders auffällig war die Stammeslinie vieler Eukaryoten im Bereich der Blutfälle: Hier führten die genetischen Hinweise vor allem auf Meereslebewesen zurück, etwa bei den Kieselalgen. Andere Gruppen passten weniger klar in dieses Bild und wurden demnach möglicherweise durch Winde in das Areal eingetragen.

Damit wird auch das „Wie“ greifbar, also welche Überlebensstrategien in einer polaren Wüstenlandschaft funktionieren, in der Licht, Temperatur und Salzgehalt stark variieren können. Das Team beschreibt für die Mikroorganismen aus der Blutfall-Region Lebenszyklus-Stationen, die als Überdauerungsformen dienen: Zysten und Sporen lassen sich als biologisches Gegenmittel gegen extreme Bedingungen verstehen, weil sie Stoffwechselprozesse phasenweise herunterfahren oder stabilisieren. Ein konkretes Beispiel liefern die Forschenden mit der marinen Kieselalge Chaetoceros socialis, die offenbar von einer aktiven Zelle in ein Sporenstadium wechseln kann, das mindestens neun Monate lang lebensfähig bleibt. Zusammengenommen passt das Bild zu der übergreifenden Aussage der Studie: Vergangene Umweltveränderungen haben heutige Ökosysteme geprägt – und das nicht abstrakt, sondern über nachweisbare Abstammungslinien und nachgewiesene Anpassungsmechanismen.

Interessant ist an dieser Konstellation auch, warum sie für die Zukunft der Forschung in der Polarregion relevant ist. Wenn ein unter dem Gletscher verborgenes System wie das beschriebene Salzwasserreservoir über geologische Zeiträume hinweg ein regelrechtes „Meeresrefugium“ konserviert, dann werden Mikrobiologie und Geochemie zu zwei Seiten derselben Geschichte. Aus solchen Daten können sich Hinweise ableiten lassen, wie empfindlich oder resilient polare Lebensräume gegenüber Änderungen von Temperatur, Schmelzwasserzufuhr und Salzchemie sein könnten. Für die Wissenschaft bedeutet das: Die Blutfälle liefern nicht nur eine spektakuläre Eisrand-Szene, sondern ein natürliches Langzeitlabor, in dem Klima- und Umweltgeschichte direkt im genetischen und funktionellen Aufbau der Mikroben sichtbar wird.

Für die Praxis – also für wen auch immer Polar-Feldforschung plant – ergibt sich daraus ein klarer Fokus. Die Untersuchung zeigt, dass man biologische Vielfalt in extremen Umgebungen nicht allein mit „aktuellen“ Messungen erklären kann, sondern Daten aus Geochemie, Probenahme-Design und Sequenzierung zusammenführen muss. Genau dieses Zusammenspiel wird künftig entscheidend sein, um aus der Vergangenheit abgeleitete Muster belastbarer zu machen. Die rote Färbung ist dabei zwar das sichtbarste Signal, doch die eigentliche Aussage liegt im Wasserweg unter dem Gletscher und in den biologischen Werkzeugen, mit denen Organismen die wechselnden Grenzbedingungen in der Mischzone aushalten.


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