LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Arbeitgeber wollen befristete Verträge deutlich häufiger einsetzen. Laut einer Umfrage unter 469 Personalverantwortlichen plant ein Viertel der Firmen künftig mehr Befristungen, während weniger Unternehmen sie zurückfahren wollen. Bereits heute nutzen 30 Prozent das Instrument, in der Industrie liegt der Anteil bei 42 Prozent. Zugleich machen sich Beschäftigte mehr Sorgen um ihre berufliche Zukunft.

Die Personalplanung in Deutschland wird spürbar flexibler, aber nicht zum Vorteil aller Beteiligten: Wenn Arbeitgeber stärker auf befristete Verträge setzen, reagieren sie häufig auf ein Gemisch aus schwachem Wachstum, konjunktureller Unsicherheit und wiederkehrenden Liefer- und Standortschocks. Genau diese Logik spiegelt eine Befragung wider, die auf Angaben von 469 Personalverantwortlichen deutscher Arbeitgeber basiert und sich auf das dritte Quartal 2026 bezieht. Für die Unternehmen geht es dabei um Beweglichkeit ohne Kündigungen; für Beschäftigte bedeutet es dagegen, dass sich Unsicherheit schneller in den Alltag verlagert.
Im Detail planen 26 Prozent der befragten Firmen, künftig mehr Befristungen zu nutzen. Das sind deutlich mehr als im Vorjahr, als der Anteil bei 12 Prozent lag. Gleichzeitig will nur noch ein Fünftel die Zahl befristeter Verträge reduzieren: 18 Prozent wollen Befristungen zurückfahren, nach 23 Prozent im Vorjahr. Bereits heute setzt ein spürbarer Teil der Betriebe auf dieses Instrument: 30 Prozent arbeiten mit befristeten Verträgen. Besonders stark ist die Nutzung in der Industrie, wo 42 Prozent Befristungen einsetzen, im Handel sind es 22 Prozent, im Dienstleistungssektor 24 Prozent.
Größenunterschiede verstärken die Trendlinie. Während bei Kleinbetrieben etwa jeder fünfte Betrieb befristet beschäftigt, berichten 59 Prozent der Großunternehmen von der Nutzung befristeter Verträge. Diese Spreizung lässt sich technisch und organisatorisch gut erklären: In größeren Organisationen ist die Planbarkeit von Projekten, Qualifizierungszyklen und Ressourcenbedarfen stärker datengetrieben und daher auswertbar, was die Entscheidung für befristete Einsatzfenster erleichtert. In kleineren Betrieben fällt die Personalplanung hingegen oft individueller aus; dort wird flexibler eher über andere Stellschrauben versucht, etwa über Arbeitszeitgestaltung oder externe Unterstützung.
Rechtlich sind sachgrundlose Befristungen in Deutschland begrenzt: Grundsätzlich sind sie nur für zwei Jahre möglich, während eine Verlängerung auf vier Jahre geplant ist. Wenn Unternehmen die bestehenden Spielräume derzeit stärker ausnutzen, wirkt das nach außen wie eine Art Risikomanagement für das eigene Budget und die eigene Kapazitätsplanung. In der Befragung wird zudem deutlich, dass wirtschaftlicher Druck die Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Führung stark prägt: 44 Prozent der Betriebe nennen ihn als prägenden Faktor der vergangenen zwölf Monate. In der Industrie werden die Folgen besonders deutlich sichtbar; 17 Prozent berichten, dass Restrukturierung und Stellenabbau das Miteinander bestimmen – mehr als doppelt so häufig wie im Handel.
Damit rückt auch die Frage in den Vordergrund, wie Unternehmen Flexibilität organisatorisch kombinieren. Neben Befristungen setzen 33 Prozent der Befragten künftig stärker auf Arbeitszeitkonten, 21 Prozent wollen mehr mit Überstunden erreichen und 15 Prozent nennen Outsourcing als Hebel. Das ist nicht nur eine Alternative zur Vertragslaufzeit, sondern verschiebt das Risiko in andere Bereiche: Arbeitszeitkonten verlagern Belastung stärker in die interne Schwankungssteuerung, Überstunden koppeln die Personalkapazität direkter an kurzfristige Nachfragespitzen, während Outsourcing die Ausführung teilweise aus dem eigenen Betrieb in externe Prozesse verlagert. Gerade in Branchen mit wechselnden Projektvolumina kann diese Kombination besonders attraktiv sein, weil sie Spielräume ohne dauerhafte Kopfzahlbindung eröffnet.
Interessant ist außerdem, dass nicht alle Sektoren den gleichen Weg gehen. Dienstleister nennen überdurchschnittlich häufig die Einführung neuer Arbeitsmodelle, die oft als Reaktion auf Kostendruck und den Einsatz von KI gelten. Damit wird Künstliche Intelligenz nicht nur als Optimierungs-Tool verstanden, sondern als Auslöser für Prozessneugestaltung: Wenn Tätigkeiten stärker automatisiert oder assistiert werden, verändert sich typischerweise auch, wie Aufgaben verteilt, überwacht und zeitlich geplant werden. Für HR kann das heißen, dass Qualifikationsprofile schneller wechseln und der Bedarf an befristeten Spezialrollen steigt, während gleichzeitig unbefristete Stellen genauer auf dauerhaft stabile Kernaufgaben ausgerichtet werden.
Für Unternehmen entsteht daraus eine klare Management-Aufgabe: Flexibilität durch veränderte Vertrags- und Arbeitszeitmodelle muss mit einer stabilen Personalarbeit gekoppelt werden, sonst kippt sie in Fluktuation und Motivationseinbußen. Die Befragung legt nahe, dass die Kehrseite der Beweglichkeit schon jetzt sichtbar ist, weil sich viele Beschäftigte um ihre berufliche Zukunft sorgen und womöglich Abstiegsängste entwickeln. Praktisch bedeutet das, dass Personalverantwortliche nicht nur auf Instrumente schauen sollten, sondern auch auf Übergänge: klare Qualifizierungswege, transparente Perspektiven für befristete Mitarbeitende und eine nachvollziehbare Planung, die Erwartungslücken reduziert.
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