LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Entwicklerteam baut mit „Artcraft“ eine kostenlose Open-Source-Suite als Gegenentwurf zu Adobes Creative Cloud. Die Anwendungen sollen vertraute Workflows abbilden, etwa mit einer Photoshop-Ersetzung namens „Photocraft“. Laut Projektangaben entstand ein erster Nachbau mithilfe KI in kurzer Zeit, der Funktionsumfang ist aber noch nicht vollständig. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach rechtlichen Grenzen, weil das Ziel klar auf Adobes Produkte einzahlt.

Artcraft zielt auf eine Lücke, die in vielen Design-Teams seit Jahren zwischen Budgetplan und Workflow-Ehrgeiz klafft: Wer Illustrator: innen, Fotograf: innen oder Grafikdesigner: innen beschäftigt, steht häufig vor der Creative-Cloud-Frage „mieten oder bleiben“. Der Kern des Problems liegt weniger in einzelnen Funktionen als im Modell aus monatlichen Abo-Kosten und der engen Kopplung an eine Cloud-Umgebung. Genau dort setzt ein kleines Entwicklerteam um Brandon Thomas an, indem es eine kostenlose Open-Source-Suite entwickelt, die die typischen Bearbeitungsaufgaben aus dem Adobe-Ökosystem nachbilden und zugleich die wiederkehrenden Kosten reduzieren soll.
Technisch ist Artcraft dabei bewusst als Sammlung mehrerer Anwendungen gedacht, nicht als einzelnes Plugin. So soll „Photocraft“ als Ersatz für Photoshop dienen, während „Lightcraft“ die Rolle übernimmt, die viele Nutzer: innen bislang aus dem Lightroom-Umfeld kennen. Der Ansatz erinnert damit weniger an ein neues Kreativ-Ökosystem, sondern eher an eine portierbare Funktionslandschaft: ähnliche Zielgruppen, ähnliche Arbeitslogik, aber ohne den Umweg über ein kommerzielles Abo und ohne zwingende Cloud-Anbindung. Laut Projektstand befindet sich die Software allerdings noch in einer frühen Entwicklungsphase; das Team betont, dass das Projekt schnell vorankommt, gleichzeitig aber noch Monate für das Abdecken von 99 Prozent der gewünschten Features nötig seien.
Die auffällige Dynamik kommt aus dem KI-Einsatz während der Entwicklung. Thomas und sein vierköpfiges Team nennen als KI-Baustein den Large-Language-Ansatz von Anthropic (Claude Opus 5.5) und entwickeln die Anwendungen mit der Programmiersprache Rust. In der Praxis bedeutet das: KI unterstützt beim Schreiben und Verfeinern von Code, bei der Umformung von Anforderungen in Implementierungsbausteine und bei der schnelleren Iteration von Funktionalität. Dass Artcraft nicht nur für Windows und macOS, sondern auch für Linux lauffähig sein soll, senkt für viele Teams die Hürde, die sonst bei proprietären Plattformentscheidungen entsteht, weil der eigene Geräte- und Server-Stack weniger eingeschränkt wird.
Neben der technischen Umsetzung steht für viele die Glaubwürdigkeitsfrage im Raum: Ein Entwickler behauptet, er habe Photoshop mithilfe KI in nur einer Sitzung nachgebaut. Für die Einordnung ist wichtig, dass solche Aussagen typischerweise den Weg von Prototypen zu ausgereifter Software meinen: Ein funktionierender Startpunkt unterscheidet sich deutlich von einem Produkt, das alle Randfälle abdeckt, robuste Dateiformate beherrscht und in produktiven Workflows stabil bleibt. Genau diese Lücke spricht das Projekt selbst an, wenn es auf Defizite verweist, die erste Tester: innen benannt haben. Das deckt sich mit dem, was in der Open-Source-Praxis häufig passiert: KI kann die erste Codebasis stark beschleunigen, aber die Qualitätsstufen – Performance, Kompatibilität, UI-Feinschliff und die vollständige Feature-Abdeckung – bleiben handwerklich und zeitlich aufwendig.
Rechtlich wird es damit nicht automatisch „entspannt“, nur weil es Open Source ist. Denn Artcraft bewegt sich in einem Bereich, in dem sich Funktionsäquivalenz und Ähnlichkeit in der Benutzersicht potenziell berühren. Ob Adobe den Nachbau dulden wird, hängt nicht an der Frage, ob KI verwendet wurde, sondern daran, wie nah die Implementierung in entscheidenden Details an geschützte Inhalte heranreicht – und ob dabei etwaige Marken-, Urheber- oder Lizenzfragen tangiert werden. Zusätzlich kommt ein zweiter Faktor hinzu, der zwar nicht für die Rechtslage allein ausschlaggebend ist, aber für die Motivation: Thomas schreibt, Adobe habe ihm laut seiner Darstellung mehrfach eine Stornogebühr berechnet, was ihn wiederum „seitdem“ zum konsequenten Gegenentwurf bewegt. Solche Vorwürfe sind in dieser Darstellung eindeutig als Behauptung des Entwicklers zu verstehen, nicht als festgestellter Sachverhalt.
Für den Markt könnte Artcraft dennoch einen Effekt haben, der über den direkten Wettbewerb um „Photoshop-Ersatz“ hinausgeht. Wenn KI-Tools tatsächlich so weit in die Implementierungsarbeit hineinreichen, dass Funktionsfamilien in kurzer Zeit als Arbeitsprototypen entstehen, steigt der Druck auf etablierte Anbieter, ihre eigenen Tools schneller in Richtung offene Ökosysteme, transparente Schnittstellen und klare Preisstrukturen weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob Artcraft den Sprung schafft, der in der Praxis über Erfolg entscheidet: nicht der erste Nachbau, sondern die nachhaltige Qualität, die Supportfähigkeit in Teams und die Zuverlässigkeit über längere Zeit. Bis dahin ist die Open-Source-Suite vor allem ein spannender Blick darauf, wie sich KI-gestützte Softwareentwicklung von der Idee bis zur nutzbaren Werkzeugkette beschleunigen lässt – mit echten Chancen, aber auch mit klaren Reife- und Rechtsfragen.
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