BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor einem massiven Credential-Spray gegen die Azure-CLI. In einem Zeitraum von 12 bis 26. Juni sollen mehr als 81 Millionen Login-Versuche mindestens 78 Konten in 64 Organisationen kompromittiert haben. Besonders kritisch: Viele Ziele hatten Conditional-Access-Richtlinien aktiv, die jedoch offenbar nicht für den verwendeten OAuth-Flow griffen. Der Angriff setzt auf den veralteten Resource Owner Password Credentials (ROPC)-Mechanismus, um MFA- und Policy-Schutz zu umgehen.

Azure-CLI-Credential-Spray nutzt ROPC und umgeht Conditional Access
Azure-CLI-Credential-Spray nutzt ROPC und umgeht Conditional Access (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein groß angelegter Credential-Spray gegen die Azure-CLI zeigt, wie schnell vermeintlich „abgesicherte“ Identity-Landschaften durch einen einzigen falsch adressierten Authentifizierungsweg ins Wanken geraten. Wie aus Berichten von Huntress hervorgeht, kamen zwischen dem 12. und 26. Juni mehr als 81 Millionen Login-Versuche zusammen, die mindestens 78 Microsoft-Konten über 64 Organisationen hinweg betroffen haben. Die Angreifer sollen dabei vor allem auf weit verbreitete Passwörter aus kompromittierten Listen gesetzt haben – kein ausgefeiltes Exploit-Know-how. Damit trifft die Kampagne direkt die Realität vieler Enterprises: selbst starke Governance scheitert, wenn die Authentifizierungslogik für Sonderfälle nicht vollständig abgedeckt ist.

Technisch steht weniger „Azure-CLI als Angriffsvektor“ im Vordergrund, sondern der verwendete OAuth-Mechanismus. Laut den Untersuchungen nutzt die Kampagne einen deprezierten Grant-Typ namens Resource Owner Password Credentials (ROPC). In diesem Modell liefert ein Nutzer bzw. ein Angreifer direkt Benutzername und Passwort an den Client, der die Credentials anschließend gegen einen Token austauscht. ROPC ist seit OAuth 2.1 nicht mehr als bevorzugter Weg gedacht und kollidiert laut Microsoft-Dokumentation mit Multi-Faktor-Authentifizierung, weil ROPC typischerweise nicht zwingend über den Authorization-Endpoint läuft, der Policy-Checks auslöst. Genau dort entsteht die Lücke: Conditional Access (CAP) wurde zwar „aktiviert“, aber nicht für den konkreten Flow korrekt konfiguriert.

Der Impact wird besonders deutlich, weil viele betroffene Firmen Conditional-Access-Richtlinien aktiviert hatten. Die Kampagne soll trotzdem erfolgreich gewesen sein, etwa wenn MFA zwar grundsätzlich im Tenant vorhanden war, jedoch nicht zuverlässig für den spezifischen Authorization-Kontext erzwungen wurde. In den Berichten werden typische Fehlkonfigurationen genannt: MFA nur für bestimmte Apps statt für „All Cloud Apps“, MFA nur für ausgewählte Benutzergruppen statt „All Users“ oder MFA-Einschränkungen in Abhängigkeit von Quellen wie „non-trusted locations“. Zusätzlich wird hervorgehoben, dass manche Unternehmen keinerlei MFA-Policy besaßen. Das Entscheidende für Administratoren: MFA kann grundsätzlich funktionieren – aber „funktionieren“ heißt in diesem Kontext „für den verwendeten OAuth-Flow tatsächlich greifen“.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Angriffsdynamik und ihre Koordination. Die Angreifer sollen in der ersten Phase zwischen dem 12. und 21. Juni nur wenige erfolgreiche Logins pro Tag erzielt haben, im Schnitt zwei bis vier kompromittierte Konten pro Tag. Am 19. Juni gab es allerdings einen Ausreißer mit zwölf kompromittierten Identitäten. Ab dem 22. Juni kippte der Rhythmus: 30 Identitäten über 23 Unternehmen wurden binnen kurzer Zeit betroffen. Gleichzeitig berichtet Huntress von einer breiteren Welle aus Credential-Spray-Attacken über mehrere Autonome Systeme (ASNs). In einem betreuten Datensatz sei das Volumen der Credential-Spray-Angriffe um über 155x gestiegen; pro Tenant lag der Mittelwert bei rund 1.964 fehlgeschlagenen Angriffen pro Monat. Solche Kennzahlen sind ein Warnsignal für Security Operations, nicht nur für Microsoft-Umfelder.

Im Marktvergleich zeigt sich, dass das Problem nicht auf Azure beschränkt ist, sondern strukturell auf Token- und Grant-Varianten hinausläuft. Wo Microsoft CAP Regeln bereitstellt, existieren bei anderen Cloud-Ökosystemen analoge Policy- und AuthN-Integrationspunkte: AWS Identity and Access Management mit Federation und Condition-Keys oder Google Cloud Identity-Aware-Mechanismen. Auch dort gilt: Sobald ein „Legacy“-oder indirekter Authentifizierungsweg genutzt wird, können Schutzmechanismen an der Grenze zwischen Client-Flow und Policy-Evaluierung hängen bleiben. Als Gegenentwurf werden in der Praxis häufig zusätzliche Kontrollen eingesetzt, etwa für OAuth-Client-Registrierungen, restriktive App-Berechtigungen und „least privilege“ für CLI-Workflows. Unabhängig vom Provider bleibt die Kernfrage: Deckt die Policy wirklich den gesamten Pfad bis zur Token-Ausgabe ab – oder nur den aus Sicht des Administrators „normalen“ Browser- oder Interaktionsweg?

Ein besonders heikler Punkt für Entscheider ist der Zusammenhang zwischen ROPC und CAP-Überprüfungen. Die Berichte argumentieren, dass Legacy-Protokolle wie ROPC bestimmte CAPs umgehen können, wenn sie nicht über den Authorization-Endpoint laufen, an dem Policies typischerweise evaluiert werden. Damit entsteht eine Art „Policy-Shadow“: Der Tenant wirkt sicher, aber einzelne Authentifizierungsflüsse sind faktisch außerhalb des beabsichtigten Kontrollrahmens. Genau hier liegt der Unterschied zu „MFA ist kaputt“. Korrekt formuliert lautet die Botschaft: MFA und CAP sind nicht automatisch universell, sondern müssen pro App-Typ, pro Benutzergruppe und pro Authorization-Flow getestet und validiert werden. Security-Teams sollten daher nicht nur Richtlinien aktivieren, sondern auch deren tatsächliche Durchsetzung in Live-Authentifizierungssequenzen überprüfen.

Für die Abwehr empfehlen die Untersucher mehrere Maßnahmen, die sich wie ein Sicherheits-„Hardening“ über CAP und Azure-CLI-Usage legen. Dazu zählt, CAP so zu schärfen, dass MFA für „All Users“, „All Cloud Apps“ und relevante Client-App-Typen erzwungen wird. Ergänzend wird angeraten, die Azure-CLI-Anwendung für Nicht-Admins stärker einzuschränken, statt CLI-Clients breit zu erlauben. Außerdem sollte die Response-Geschwindigkeit an der Credential-Validität ausgerichtet werden: Wenn ein Passwort aus einer Spray-Liste noch gültig ist, wirkt jede Policy zu spät. In einer realen Incident-Response heißt das oft: beschleunigte Kontosperrungen, gezieltes Rotieren betroffener Secrets und enges Monitoring von Token- und Anmeldeereignissen, um weitere Erfolgswellen zu bremsen.

Der Blick nach vorn zeigt, dass solche Vorfälle die Konfigurationstiefe von Identity-Plattformen stärker in den Fokus rücken werden. In zukünftigen Release-Zyklen ist zu erwarten, dass Anbieter zusätzliche Prüfmechanismen gegen Legacy-Grant-Typen integrieren, die CAP-Richtlinien transparenter mit den konkreten OAuth-Flows verknüpfen. Für Entwickler und Plattformteams entsteht parallel eine klare Aufgabenliste: CLI-gestützte Workflows sollten bevorzugt über moderne, flow-spezifische Authorizations laufen, statt auf veraltete Mechanismen auszuweichen. Zudem werden sich Security-Teams stärker an messbaren Durchsetzungsindikatoren orientieren müssen – etwa „Policy evaluated“-Signale pro AuthN-Typ. Insgesamt ist die Meldung ein Lehrstück: Künstliche Intelligenz mag für SOC-Automation sorgen, aber der entscheidende Hebel bleibt weiterhin saubere Authentifizierungsarchitektur und konsequentes Policy-Testing im Zusammenspiel aus CAP, OAuth und MFA.


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