BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundesarbeitsgericht hat am 7. Mai 2026 klargestellt, dass Einwurf-Einschreiben im Kontext von bEM-Einladungen keinen sicheren Zugangsnachweis ersetzen. Gleichzeitig bringt das Beitragssatzstabilisierungsgesetz ab dem 1. Januar 2027 die Teilkrankschreibung für gesetzlich Versicherte in 25-, 50- oder 75-Prozent-Stufen. Für Arbeitgeber und HR wird damit die juristische Dokumentation rund um bEM, Krankmeldungen und Fristen noch entscheidender. Parallel sorgt die Rechtsprechung zum Elternzeit-Kündigungsschutz für zusätzliche Schutzbarrieren in der Praxis.

Wer krankheitsbedingt kündigen will, braucht nicht nur eine belastbare Gesundheitsprognose, sondern vor allem ein rechtssicheres Betriebliches Eingliederungsmanagement (bEM). Das Bundesarbeitsgericht (BAG) entschied am 7. Mai 2026 (Az. 2 AZR 184/25), dass ein Einwurf-Einschreiben keinen zwingenden Anscheinsbeweis für den tatsächlichen Zugang einer bEM-Einladung liefert. Damit rückt der Zugangsnachweis in den Mittelpunkt: Bestreitet der Arbeitnehmer den Erhalt, muss der Arbeitgeber die Zustellung anderweitig beweisen. Die Entscheidung betrifft mittelbar auch die nächste große Weichenstellung im Arbeitsrecht: juristische Fehler im bEM werden zunehmend als systematisches Risiko betrachtet.
Technisch betrachtet liegt die Streitfrage weniger im juristischen Konstrukt als im Postprozess. Im entschiedenen Fall hatte der Arbeitgeber den Auslieferungsbeleg eines Einwurf-Einschreibens vorgelegt und argumentiert, die Einladung sei ordnungsgemäß zugegangen. Die Erfurter Richter stellten jedoch darauf ab, dass moderne Scan-Verfahren der Deutschen Post den Auslieferungsbeleg erzeugen, bevor der Brief tatsächlich im Briefkasten landet. Für den Arbeitgeber bedeutet das: „Scan als Zugang“ reicht im Zweifel nicht. Praktisch heißt das, dass HR-Prozesse (Dokumentation, Versandwege, Fristenmanagement) eng mit Zustellmethoden verzahnt werden müssen, statt sich allein auf Belege zu verlassen.
Markt- und arbeitsrechtlich relevant ist dabei die zweite, vom BAG konkretisierte Pflicht: Arbeitgeber müssen nach jeder erneuten Arbeitsunfähigkeit von mehr als sechs Wochen innerhalb eines Jahres ein neues bEM anbieten. Das gilt auch dann, wenn frühere Einladungen ignoriert wurden oder ein abgeschlossenes Verfahren erst kurz zuvor zurückliegt. Für Unternehmen erhöht sich damit der administrative Takt. In der Praxis entstehen häufig Lücken, etwa wenn bEM-Module in HR-Systemen nur einmal pro „Krankheitsfall“ ausgelöst werden, nicht aber pro erneuter Blockdauer. Als Gegenpol zur Rechtsprechung der Arbeitsgerichte wirken zudem laufende Reformen im Sozialrecht und im Beitragswesen, die ärztliche Bescheinigungen verändern.
Zum 1. Januar 2027 greift die Teilkrankschreibung als Kernbestandteil des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (Bundestag am 10. Juli 2026, Zustimmung des Bundesrats bereits erfolgt). Ärztinnen und Ärzte können dann bei Erkrankungen über vier Wochen eine Arbeitsunfähigkeit in 25, 50 oder 75 Prozent feststellen. Voraussetzung ist eine Zustimmung des Arbeitgebers innerhalb von sieben Tagen. In den ersten sechs Wochen läuft die anteilige Lohnfortzahlung, danach folgt Teilkrankengeld. Nicht betroffen sind privat Versicherte sowie Minijobber. Für die Arbeitgeberseite bedeutet das: bEM-Logik, Krankmeldungs-Workflows und Zustimmungsfristen müssen sauber zusammenlaufen, sonst steigt das Risiko rechtlicher Angriffsflächen.
Neben den bEM-Details verschärft die Rechtsprechung zum Kündigungsschutz in Elternzeit den Compliance-Fokus. Das BAG konkretisierte am 18. Juni 2026 (Az. 2 AZR 213/25): Der Schutz entsteht für jeden beantragten Elternzeitabschnitt neu, auch wenn mehrere Abschnitte in einem Antrag gebündelt werden. Kündigungen innerhalb der achtwöchigen Vorwirkungsfrist vor einem Abschnitt sind ohne Zustimmung der Landesbehörde unwirksam. Gerade in Restrukturierungen ist das entscheidend, weil die zeitliche Planung von Kündigungs- oder Beendigungsprozessen häufiger auf Vorwirkungsfristen aufsetzt. Daneben bleibt die betriebsbedingte Kündigung ohnehin komplex: Sozialauswahl, Massenentlassungsanzeige und Dokumentation wirken als zusätzliche Hürden.
Ausblickend lohnt sich für Unternehmen eine doppelte Vorbereitung: erstens auf wiederkehrende bEM-Angebote und zweitens auf neue medizinische Bescheinigungsformen. Bei der Teilkrankschreibung werden Zustimmungsfristen und die Abgrenzung zwischen anteiliger Lohnfortzahlung und Teilkrankengeld neue Schnittstellen zwischen HR, Payroll und ggf. Betriebsärzten schaffen. Zweitens sollten Arbeitgeber die Nachweiskette für bEM-Einladungen resilient gestalten: Wenn Arbeitnehmer den Zugang bestreiten, braucht es Verfahren, die mehr bieten als „Scan ist erstellt“. Einordnung aus der Branche fällt häufig ähnlich aus: IT-gestützte Dokumentation, lückenlose Aktenführung und standardisierte Kommunikationswege gelten als die wirksamsten Hebel, um Kündigungen im Streitfall zu stabilisieren. Für Betroffene bleibt zugleich die Frist im Blick: Wer angegriffen wird, muss innerhalb von drei Wochen nach Zugang Kündigungsschutzklage erheben.
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