LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem Stichtag am 1. Juli für EU-weit lizenzierte Krypto-Plattformen steigt laut mehreren Aufsichtsstellen die Zahl von Betrugsversuchen. Täter nutzen die Verunsicherung aus, indem sie sich sowohl als Krypto-Börsen als auch als Regulatoren ausgeben und Konten oder Webseiten zur Geldübertragung fälschen. Besonders betroffen sind Nutzer von Anbietern, die nach der neuen Rechtslage nicht rechtzeitig eine Zulassung erhalten haben. Die Ermittler warnen vor Überweisungsanfragen über angebliche Support-Kanäle und empfehlen, Informationen öffentlich zu prüfen.

Mit den neuen EU-Krypto-Regeln ist für viele Marktteilnehmer ein echter Umschaltmoment gekommen. Seit dem 1. Juli dürfen Krypto-Unternehmen, die im Rahmen des EU-Regimes weiter in der Region aktiv sein wollen, nicht mehr einfach nur unter nationalen Erlaubnissen weiterarbeiten, sondern müssen eine Lizenz nach der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) vorweisen. Genau in dieser Übergangsphase, in der unautorisierte Anbieter den Betrieb einstellen, verkaufen oder Aktivitäten umschichten müssen, sehen mehrere Aufsichtsstellen eine sichtbare Zunahme von Betrugsmaschen gegen Kundinnen und Kunden von Krypto-Börsen. Die zentrale Gefahr ist dabei weniger eine einzelne „neue“ Technik, sondern ein Timing-Effekt: Wer gerade nach einem legalen Alternativanbieter sucht, wird von Kriminellen besonders leicht in gefälschte Abläufe hineingezogen.
Technisch betrachtet ist die Masche vor allem Social-Engineering rund um Identitäten und Zugriffswege. Betrüger versuchen, Kundinnen und Kunden dazu zu bringen, Vermögenswerte in gefälschte Konten zu übertragen, indem sie sich als reguläre Kommunikationspartner ausgeben. Stéphane Pontoizeau, Executive Director der Aufsicht über Marktintermediäre und Marktinfrastrukturen bei der Autorité des Marchés Financiers (AMF), bringt den Moment auf den Punkt: „This moment is an opportunity for scammers more than usual.“ Er beschreibt außerdem, wie das Vorgehen in der Praxis häufig aussieht: „People pretend to be from AMF staff and tell customers to transfer their assets to a fake website, “ heißt es sinngemäß in seiner Schilderung, gefolgt von der Warnung, dass die Täter „every opportunity“ nutzen. Gerade das Zusammenspiel aus gefälschter Identität, vermeintlichem Dringlichkeitsdruck und einem manipulierten Ziel (Website oder App) macht die Betrugsversuche schwerer zu erkennen als klassische „Investment-Scams“ ohne Behördenbezug.
Der regulatorische Hintergrund zeigt, warum die Angriffsfläche so kurzfristig größer wurde. Viele Krypto-Firmen, die in der EU zuvor mit nationalen Genehmigungen arbeiteten, mussten laut den vorliegenden Angaben ihre EU-Aktivitäten vorerst beenden oder umstellen, weil ihnen die erforderlichen MiCA-Zulassungen auf EU-Ebene fehlten. Eine wichtige Kennzahl in der Debatte liefert die Zahl der bereits genehmigten Player: Nur 323 Krypto-Unternehmen haben nach einer Ende Juli aktualisierten Liste eine Lizenz erhalten. Parallel schätzt ein Datenanbieter, dass mehr als 1.700 unlizenzierte Unternehmen ihre Tätigkeit einstellen müssten. Der Markt kennt damit in kurzer Zeit zwei Gruppen: lizenzierte Anbieter, bei denen Nutzer eher „sicher“ wechseln können, und unautorisierte Anbieter, die ihre Kundinnen und Kunden zum Abziehen der Assets auffordern müssen – ein Prozess, der Kriminellen als Eintrittstor dienen kann.
Auch die europäische Aufsicht reagiert auf die konkrete Betrugsstrategie, weil sich hier weniger lokale Zuständigkeiten als vielmehr grenzüberschreitende Identitäts- und Markenmissbrauchsfragen stellen. Laut ESMA („aware of fraudulent practices involving the misuse of Esma’s logo and identity, including through the use of falsified documents, to promote scams“) seien gefälschte Unterlagen im Umlauf, die den Eindruck offizieller Kommunikation erzeugen. Bekannt sind zudem große Börsen, die laut den Angaben eine EU-Lizenz erhalten haben, darunter Coinbase, Kraken und OKX. Dem gegenüber steht als besonders sichtbares Beispiel Binance, das als größte Handelsplattform am prominentesten „nicht EU-reguliert“ im Sinne des neuen Regimes auftaucht. Diese Gegenüberstellung ist für Betrüger nützlich: Wer ohnehin mit einer „Zulassungslücke“ rechnet, kann mit professionell wirkenden Dokumenten und Logos scheinbar plausibel Druck aufbauen.
Die Relevanz geht aber über einzelne Webseiten hinaus. Weltweit seien Verluste durch Krypto-Betrug und Betrugsmodelle wie Fake-Investments im vergangenen Jahr auf 17 Mrd. US-Dollar gestiegen, nach 6 Mrd. US-Dollar fünf Jahre zuvor – und damit deutlich schneller als das allgemeine Risikobild vieler anderer Bereiche. Insbesondere sogenannte Impersonation-Fraud-Fälle hätten laut Chainalysis stark zugenommen. Damit treffen zwei Dinge zusammen: erstens der Marktdruck durch regulatorische Umstellungen, zweitens die aus Sicht der Täter günstige Zielgruppe, denn Nutzer, die kurzfristig ihren Anbieter wechseln müssen, sind eher bereit, Anweisungen „von außen“ zu befolgen. Genau diese Muster beschreibt auch Tom Keatinge, Gründungsdirektor des Centre for Finance and Security am UK-basierten Royal United Services Institute: Er spricht von einer „prime opportunity for fraudsters“, weil Kriminelle regulatorische Unklarheit häufig ausnutzen. Aus seiner Sicht werden Personen, die mit der Abschaltung ihres bisherigen Wallet-Providers konfrontiert sind, besonders anfällig für Fallen, die mit Fake-Websites arbeiten.
Für die operative Risikokontrolle ist außerdem entscheidend, wie Regulatoren den Übergang gestalten. Einige EU-Staaten hätten Berichten zufolge viele Last-Minute-Anträge für Lizenzen bekommen, wobei in der Diskussion offen bleibt, wie viel Durchgriff nationaler Aufsichten bei Verstößen gegen nicht lizenzierte Anbieter realistisch haben. Die AMF versucht laut den Angaben, das Risiko von Betrug durch eine gewisse „Beruhigung“ des Übergangs zu senken: Sie verzichtete darauf, einen besonders aggressiven Deadline-Zeitpunkt zu setzen, zu dem unlizenzierte Krypto-Unternehmen ihre französischen Aktivitäten beenden müssen. Pontoizeau erklärte dazu, dass man „avoid a false emergency feeling among clients“ wollte, weil genau in so einer Situation Kundinnen und Kunden eher in Fallen geraten. Aus seiner Perspektive ist die richtige Gegenmaßnahme nicht weniger Information, sondern bessere Auswahl: „Take your time to make a wise choice of the crypto-asset service provider that you want to use.“ Sobald konkrete Täter identifiziert würden, will der Regulator die Strafverfolgung informieren, wenn sich Personen als AMF-Mitarbeiter oder als lizenzierte Firmen ausgeben.
Auf Seiten weiterer Aufsichtsstellen wird die Prävention deutlich konkreter, und sie lässt sich auch für Unternehmen mit eigenen Krypto-Workflows gut übersetzen. Die niederländische Aufsicht, die Autoriteit Financiële Markten, warnt, dass Betrüger eine Gelegenheit sehen könnten, Investoren und Verbraucher zu täuschen, insbesondere wenn diese sich nach dem Inkrafttreten der neuen Regeln nach Alternativen umsehen. Der praktische Leitfaden lautet: Kryptohändler sollten vorsichtig sein, wenn ein Dritter Geldübertragungen anfordert, und öffentlich verfügbare Informationen prüfen – etwa über die Website und App. Für IT- und Compliance-Verantwortliche in Unternehmen bedeutet das: Nicht nur Prozesse zum Anbieterwechsel müssen sauber dokumentiert sein, auch die Erkennung von Identitätsmissbrauch (falsche Absender, Domain-Varianten, gefälschte Formulare) sollte in die Incident-Response-Logik integriert werden. Der Marktwechsel ist damit nicht nur ein Rechts- und Buchhaltungsthema, sondern unmittelbar eine Frage der Sicherheitsarchitektur und der Nutzerführung.
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