LONDON (IT BOLTWISE) – Binance beschreibt, wie Angreifer den Zugriff auf Wallet- und Signiersysteme über Monate vorbereitet haben. Ein gefälschtes Job-Interview führte dazu, dass ein Mitarbeiter eine mit Schadcode versehene Datei herunterlud. Erst danach nutzten die Angreifer interne Systeme und eine KI-Funktion, um Berechtigungen zu übernehmen und Hot Wallets über fast vier Stunden abzuziehen. Gleichzeitig kündigt der Börsenbetreiber technische Neubesetzungen sowie externe Sicherheitsprüfungen an.

Der jüngste Großangriff auf Binance wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Krypto-Hack, entpuppt sich bei genauer Betrachtung jedoch als mehrstufige Sicherheitslücke, die sich über Monate hinweg aufbaute. Laut der Darstellung von Binance begannen die Angreifer bereits im Juni mit vorbereitenden Schritten im Umfeld des Wallet-Teams, darunter das gezielte Nachladen einer manipulierten Version einer verbreiteten Software. Damit schufen sie eine Grundlage, auf der sich später Rechte erweitern und interne Abläufe missbrauchen ließen. Entscheidend dabei ist weniger nur die anfängliche Kompromittierung, sondern die anschließende Kette aus Zugriffswegen, die den Diebstahl trotz Sicherheitsmechanismen lange genug ermöglicht haben.
Besonders detailliert wird die Social-Engineering-Phase, bei der ein Mitarbeiter über ein Job-Portal kontaktiert wurde. Im September soll eine Person, die sich als Projekt-Director ausgab, zwei Gesprächsrunden geführt haben, bevor der vermeintliche HR-Vertreter schließlich ein „Assignment“ anforderte, das auf den Arbeitsrechner heruntergeladen werden sollte. In dem Dokument befand sich laut Binance bösartiger Code, der von den firmeneigenen Schutzmechanismen nicht erkannt wurde. Für Unternehmen ist das ein wiederkehrendes Muster in Angriffslinien: Selbst wenn Endpoint-Schutz vorhanden ist, entscheiden Pipeline-Details wie Dateitypen, Ausführungspfade und Erkennungsregeln darüber, ob der Schadcode schon am Anfang blockiert oder erst später Wirkung entfaltet.
Technisch liegt der Kern des Schadens laut Binance in der Kombination aus kompromittierten Arbeitsrechnern, internen Tools und Rechtemodellen rund um das Signieren von Transaktionen. In der Woche vor dem Diebstahl nutzten die Angreifer demnach den kompromittierten Rechner und ein internes KI-Tool, um die Arbeitsumgebung von zwei Ingenieuren aus dem Wallet-Team zu übernehmen; einer der beiden verfügte über Rechte, Software zu deployen. Neun Tage später reichten diese Rechte dann bis in einen Dienst hinein, der Transaktionen autorisiert, woraufhin die Angreifer innerhalb von fast vier Stunden Hot Wallets entleerten. Diese Hot Wallets sind bewusst für schnelle Auszahlungen ausgelegt, wodurch sie zwar operativ effizient, sicherheitstechnisch aber auch besonders attraktiv sind, wenn Angreifer Zugriff auf Signierprozesse bekommen.
Der Angriff sticht außerdem durch seine Geduld und eine Umgehung von Rückruf- oder Sperrmechanismen hervor. Binance erklärt, dass das bloße Stoppen von Auszahlungen nicht gereicht habe, weil die Angreifer eine Funktion ausgenutzt hätten, die ihnen erlaubte, die Bewegung von Geldern teilweise unabhängig von den Systemen des Unternehmens fortzusetzen. Dabei soll es ihnen gelungen sein, auf Ethereum zumindest anteilig einen Zugang zu einer Benutzer-Account-Komponente zu erhalten, deren Aktivierung auf der Blockchain selbst verzeichnet wurde, nicht jedoch in der internen Umgebung von Binance. Weil das eingesetzte Sicherheitssetup die Kontrolle über mehrere Systeme verteilt, sei ein schneller, zentraler Entzug nicht einfach möglich gewesen; stattdessen mussten die Teams einen workaround ausarbeiten, um den Abfluss zu stoppen.
Auch bei der Einordnung in den Branchenkontext zeigt sich, warum Krypto-Plattformen so oft Ziel komplexer Angriffe werden. Binance spricht von rund 6,3 Milliarden US-Dollar Schaden im Zusammenhang mit der größten bekannten Diebstahlaktion der Branche. Der bisherige Rekord soll im Februar 2025 bei Bybit gelegen haben, als etwa 1,5 Milliarden US-Dollar an digitalen Token entwendet wurden; damit wird ein Muster sichtbar, bei dem einzelne Vorfälle als Blaupause dienen können. Ergänzend nennt Binance Elliptic als Quelle dafür, dass die Beute über etwa 12.000 Wallets verschoben worden sei, um Spuren zu verwischen und Versuche zur Blockade der Funds zu erschweren. Für Verteidiger bedeutet das: Risikomanagement endet nicht beim Absichern der ersten Entry-Point-Komponente, sondern umfasst auch Monitoring und Reaktionsfähigkeit auf Transaktionsketten und Abflussrouten.
Im regulatorischen und geopolitischen Kontext bleibt die Lage gleichzeitig angespannt. Wie das FBI mitteilte, soll der Angriff durch die nordkoreanische Einheit TraderTraitor ausgeführt worden sein; Nordkorea habe die Vorwürfe jedoch zurückgewiesen. Das passt zu einem langfristig beobachteten Muster, in dem staatlich unterstützte oder zumindest mit Staaten assoziierte Gruppen regelmäßig als Cyberakteure im Finanz- und Infrastrukturumfeld auftreten. Binance verweist zugleich auf die eigene Historie: 2023 soll das Unternehmen sich in den USA wegen Verstößen gegen Anti-Geldwäsche-Regeln schuldig bekannt und hohe Strafen gezahlt haben, während der Gründer Changpeng Zhao nach einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe verbüßt und später eine Begnadigung erhalten haben soll. Gerade deshalb wirkt die technische Reaktion jetzt besonders wichtig, weil sie nicht nur einen einzelnen Vorfall adressiert, sondern auch Vertrauen in die operativen Kontrollen stützen soll.
Für die unmittelbare Schadensbegrenzung nennt Binance konkrete Schritte und Zahlen: Etwa 2,85 Milliarden US-Dollar seien eingefroren oder abgefangen worden, und der Börsenbetreiber will Kundenverluste übernehmen. Zudem gibt Binance an, 98 Prozent der betroffenen Token bereits wieder aufgefüllt zu haben. Operativ habe man die angegriffenen Systeme neu aufgebaut, kompromittierte Computer ersetzt und zusätzlich externe Sicherheitsfirmen für eine Prüfung des Vorfalls gewinnen wollen. Auch organisatorisch kündigt Binance an, einen Security-Research-Fonds aufzusetzen und mit KI-Unternehmen zusammenzuarbeiten, um KI-gestützte Schutzmechanismen für Krypto-Systeme zu verbessern. Für Entscheider ist das Signal klar: Wenn Angreifer KI-nahe interne Werkzeuge oder automatisierte Abläufe nutzen können, müssen Gegenmaßnahmen nicht nur im klassischen Sinne „hart“ sein, sondern auch in Richtung Monitoring, Anomalieerkennung und Zugriffskontrolle über Systemgrenzen hinweg deutlich stärker greifen.
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