MAINZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Biontech schließt drei deutsche Produktionsstandorte in Idar-Oberstein, Marburg und Tübingen. Betroffen sind rund 1800 Beschäftigte, die Schließungen sollen gestaffelt bis Ende 2028 erfolgen. Als Grund nennt das Unternehmen ein schwieriges Markt- und Investitionsumfeld sowie zu geringe Auslastung und Überkapazitäten. Parallel übernimmt eine Käuferin aus dem Peptid-Umfeld eine Berliner Tochterfirma weiter.

Biontech treibt die wirtschaftliche Neuausrichtung in Deutschland nun in die konkrete Umsetzung: Nach einer monatelangen Suche nach Käufern sollen drei Standorte mit insgesamt rund 1800 Beschäftigten in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz), Marburg (Hessen) und Tübingen (Baden-Württemberg) in einiger Zeit schließen. In Tübingen ist Ende 2027 geplant, in Marburg soll es Anfang 2028 enden und in Idar-Oberstein Ende 2028. Der Schritt ist mehr als eine reine Portfolio-Korrektur, weil gerade die Werke entlang der Wertschöpfungskette liegen – mit Produktionstätigkeiten, die sowohl für mRNA-basierte Ansätze als auch für angrenzende Plattformen relevant sind.
Der Vorstand stellt die fehlende Zukunft der Standorte in einen breiteren Kontext: Biontech führt an, dass sich der Verkauf der Werke nicht realisieren ließ. Ausschlaggebend sei im Wesentlichen das aktuell schwierige Markt- und Investitionsumfeld. Gleichzeitig verweist das Unternehmen auf betriebswirtschaftliche Gründe wie zu geringe Auslastung und Überkapazitäten sowie auf Kosteneinsparungen. Für die soziale Abfederung will Biontech die Schließungen sozialverträglich gestalten; mit dem Konzernbetriebsrat seien dazu ergänzende Abfindungskonditionen vereinbart worden, konkrete Details wurden jedoch nicht genannt.
Technisch interessant wird die Meldung dort, wo klar wird, welche Produktionsrollen die drei Standorte bislang erfüllt haben: Im Marburger Werk wurden bislang Covid-19-Impfstoffe auf mRNA-Basis sowie Plasmid-DNA hergestellt. Plasmid-DNA gilt in diesem Zusammenhang als wichtiges Ausgangsmaterial für mRNA-Impfstoffe und für bestimmte Zelltherapien. Das Werk liegt auf dem Gelände der historischen Behringwerke in Marburg. Biontech hatte das Areal einst vom Schweizer Pharmakonzern übernommen und dafür Investitionen getätigt, wodurch der Standort auch als Beispiel für den Aufbau von Kapazitäten nach einem klaren Produkt-Use-Case verstanden werden kann.
In Idar-Oberstein geht es laut Unternehmensangaben unter anderem um Therapeutika für frühe klinische Entwicklungsphasen. Tübingen wiederum ist als Standort besonders durch die Konkurrenz- und Konsolidierungsdynamik im Corona-Umfeld geprägt: Dort befindet sich der Sitz von Curevac, dem früheren Konkurrenten im Rennen um einen Corona-Impfstoff. Im Sommer 2025 hatte Biontech die Übernahme von Curevac angekündigt; die Transaktion zog sich über Monate hin. Dass Biontech die drei Werke nicht weiter betreiben will, hatten die Mainzer bereits im Frühjahr kommuniziert – damals mit Fokusbegründung auf die Krebsmedizin sowie strukturellen Kapazitäts- und Kostenthemen.
Auch die Vermarktungsversuche geben Einblick in die erwartbare Käuferlogik in der Bio-Industrie: Biontech beschreibt, interne Experten und professionelle Makler hätten Verkäufe der Standorte ausgelotet und dafür internationale, nationale sowie mittelständische Firmen und Investoren angesprochen. Dabei hätten sie sich insbesondere an Player gerichtet, die in der Herstellung von mRNA, Antikörpern und Plasmiden tätig sind oder in der Zell- und Gentherapie arbeiten. Für die Standorte in Marburg, Tübingen und Idar-Oberstein seien am Ende Prüfungen und vertrauliche Gespräche geführt worden, ohne dass es zum Abschluss kam. Anders verlief offenbar eine parallel laufende Transaktion: Die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies GmbH, ein Anbieter von Dienstleistungen für Forschung, Entwicklung und Analyse von Peptiden, wird mit rund 130 Stellen von der Dubag Group mit Sitz in München übernommen.
Warum treffen solche Schließungen ein Unternehmen dennoch so hart? Biontech stand in den vergangenen Jahren im Zeichen eines tiefgreifenden Wandlungsprozesses und einer Umstrukturierung. Die Nachfrage nach dem Covid-19-Impfstoff geht seit einigen Jahren zurück; bis heute habe es kein vergleichbar stark nachgefragtes Produkt gegeben. Gleichzeitig laufen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten an mehreren Fronten: vor allem in der Onkologie, zudem setzt das Unternehmen auf Immuntherapien auf mRNA-Basis sowie auf Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, bei denen Wirkstoffe aus dem Chemotherapie-Umfeld gezielt an Krebszellen gebracht werden sollen. Dass dieses Portfolio Geld bindet, spiegelt sich in den Zahlen: In den ersten sechs Monaten des Jahres steht laut Bericht ein Minus von 1,35 Milliarden Euro (Vorjahr: 802,4 Mio.). Parallel kündigen die Gründer Sahin und Türeci ihren Rückzug an und planen spätestens bis Ende des Jahres eine neue Firma, in der es um die nächste Generation mRNA-basierter Medikamente gehen soll; der neue Name soll Arife sein, der Hauptsitz bleibt in Mainz. Eine wichtige Personal- und Governance-Ebene folgt ebenfalls: Sahins Nachfolger als Vorstandsvorsitzender wird spätestens zum 1. Februar 2027 Guido Oelkers, der zuvor seit 2017 an der Spitze von Swedish Orphan Biovitrum (Sobi) stand.
Im Hintergrund bleibt damit eine zweite, konflikthafte Spur: Beim Zusammenspiel zwischen Biontech und Curevac gibt es nach Darstellung aus dem Unternehmen und aus früheren Aussagen einen Vertrauensbruch. Ingmar Hoerr soll Biontech dabei laut seinen Vorwürfen Täuschung vorgeworfen haben; in den damaligen Streitpunkten wurde insbesondere die Idee eines gemeinsamen Unternehmens thematisiert, die aus seiner Sicht nicht eingelöst worden sei. Für die Branche ist entscheidend, dass solche Reibungen nicht nur politisch sind, sondern auch strategische Konsequenzen haben können – etwa für Integrationspläne, Kapazitätsentscheidungen und die Frage, welche Teilbereiche nach einer Fusion überhaupt weiterbetrieben werden. Wenn nun drei deutsche Produktionsstandorte schließen, wird die Konsolidierung damit auch zum materiellen Faktor: Für Beschäftigte bedeutet das weit mehr als organisatorische Veränderungen; für die verbleibenden Standorte und Prozesse stellt sich umso stärker die Aufgabe, Auslastung, Skalierung und Kosten wieder in ein tragfähiges Verhältnis zu bringen.
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