LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – BMW stellt Milan Nedeljković zufolge auf ein umfangreiches Personalstrukturprogramm um, das bis zu 8.000 Stellen betreffen kann. Der Umbau soll vor allem den indirekten Bereich in Deutschland betreffen und mit einer neuen Arbeitsweise im Unternehmen verbunden werden, bei der auch KI zum schnelleren Arbeiten eingesetzt wird. Parallel treibt BMW die „Neue Klasse“ mit 40 Modellen bis Ende 2027 voran, während im China-Geschäft wegen Preisdruck und aggressivem Wettbewerb die Margen unter Druck stehen. Nedeljković fordert politische Gespräche über marktadäquate Preise statt weiterer Abschottung.

BMW geht nach den Worten seines neuen Vorstandsvorsitzenden Milan Nedeljković in einen „Krisenmodus“ – nicht, weil das Unternehmen technologisch den Anschluss verliert, sondern weil sich das Wettbewerbsumfeld nach seiner Darstellung radikal verändert hat. In dem Interview wird der Startpunkt deutlich: Während der Vorgänger Oliver Zipse noch vorsichtig an der Erzählung einer stabilen Linie festgehalten habe, bereite BMW nun ein hartes Spar- und Umbaupaket vor. Im Kern soll der Wandel Tempo bekommen, ohne die bereits angestoßene Produkt- und Technologieoffensive zu gefährden. Nedeljković verweist darauf, dass BMW in den vergangenen Jahren mehrere Weichen gestellt habe, darunter eine komplett neue Architektur und „richtungsweisende“ neue Technologien, die über die „Neue Klasse“ in den nächsten Jahren in immer schnelleren Schritten in Serie gehen sollen.
Der strategische Bezugsrahmen ist dabei zugleich ein operativer Fahrplan: BMW plant bis Ende 2027 insgesamt 40 Modelle der Neuen Klasse. Entscheidend sei, dass dieses Potenzial nach Darstellung des Vorstands nicht durch innere Trägheit verspielt werde. Als Beschleuniger nennt Nedeljković ein Personalstrukturprogramm, das gemeinsam mit dem Betriebsrat im Sommer innerhalb von nur sechs Wochen vereinbart worden sein soll. Auf dieser Basis sollen Stellen nicht einfach „weggekürzt“ werden, sondern die Größenordnung des Abbaus erst aus den geplanten Prozess- und Strukturveränderungen ableitbar sein. Gleichzeitig macht er die Richtung klar: Statt nur klassisch zu sparen, setzt BMW nach eigener Beschreibung auf neue Arbeitsweisen und den Einsatz von KI, um schneller und effektiver zu werden – ausdrücklich als Teil des Umbau-Designs, nicht als Afterthought.
Bei den betroffenen Bereichen grenzt BMW die Lage ein: Auf Nachfrage heißt es, der Abbau betreffe vor allem den indirekten Bereich, insbesondere Verwaltung, Entwicklung und Planung in München. Anders als in manchen Krisenkommunikationen zielt die Maßnahme nach Angaben von Nedeljković ausdrücklich nicht auf Mitarbeiter in den Werken. Zudem stellt BMW klar, dass betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen seien; die Grundlage dafür ist eine Betriebsvereinbarung, die das Vorgehen nach Aussage des Vorstands eindeutig untersagt. Auch das Umfeld in den Produktionsstandorten wird gegliedert: Deutsche Werke seien gut ausgelastet, das größte Werk in Spartanburg sowie das Werk in Südafrika liefen „am Limit“. In China dagegen sieht BMW technisches Ausbaupotenzial, aber einen Engpass beim Personalaufbau – ein Detail, das zeigt, dass das Unternehmen nicht in jedem Standort denselben Hebel zieht.
Technisch betrachtet bekommt diese Logik vor allem im Kontext China eine besondere Schärfe. Nedeljković spricht davon, dass ein Hyperwettbewerb mit teils ruinösem Preiskampf kein Dauerzustand sein könne, gleichzeitig aber für Druck auf die Gewinnmargen sorge. Der neue iX3, der als erster Ableger der Neuen Klasse genannt wird, wird in China lokal adaptiert angeboten; dabei betont BMW, dass der Preis nicht 1:1 mit Europa vergleichbar sei, weil Herstellung und Konfiguration marktspezifisch erfolgen. Als Marktdaten ordnet Nedeljković den chinesischen Neuwagenmarkt ein: Für dieses Jahr erwartet BMW demnach einen Rückgang auf unter 20 Millionen Autos gegenüber 24 Millionen im Vorjahr, während die Produktion mit fast 30 Millionen weiter hoch liege. Das bedeutet aus Sicht des Vorstands, dass ein großer Teil exportiert werden, was die Autopreise weltweit unter Druck setzen kann.
Die Debatte geht dabei über Fahrzeugpreise hinaus und mündet in eine politische Forderung nach fairen Wettbewerbsbedingungen. Nedeljković unterscheidet zwischen Wettbewerbsvorteilen, die auf fairen Rahmenbedingungen beruhen, und selektiv geförderten Vorteilen, die zu Verzerrungen führen. Für die konkrete Situation formuliert er, dass „einige“ chinesische Autos in Europa zu Preisen angeboten würden, die betriebswirtschaftlich nicht nachvollziehbar seien; daraus entstehe in Europa protektionistischer Druck. Seine Lösung setzt deshalb auf Dialog und Vermittlung eines gegenseitigen Verständnisses über marktadäquate Preise auf politischer Ebene, gefolgt von konkreten Maßnahmen – und er positioniert sich gegen weitere Abschottung. Auch die mögliche Eskalationsdynamik adressiert BMW: Als Risiko nennt er Vergeltung über Lieferketten, etwa indem Batteriezellen beschränkt würden, von denen Europa abhängig sei. In der Konsequenz landet die Botschaft bei der Politik: Wettbewerbsfähigkeit werde nicht durch Abschottung erreicht, sondern durch das Schaffen stabiler Regeln für den Standort.
Parallel verschiebt Nedeljković den Fokus auf die Industriearbeitszeit und den Tech-Stack dahinter. Er verweist auf bevorstehende Metalltarifverhandlungen im Herbst, ordnet die Diskussion aber als Frage der generellen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ein – insbesondere mit Blick auf Tempo in Forschung, Entwicklung und Industrialisierung. Als Engpass nennt er unter anderem hohe Energiepreise und Bürokratie, aber auch die 35-Stunden-Woche. Seine Argumentation: Deutschland müsse Geschwindigkeit in Zukunftstechnologien sichern, von KI-gestützter Entwicklung bis hin zu Chip-Technologien und Systemen für autonomes Fahren. Für ein Industrieumfeld brauche es deshalb einen „Inkubator“, also einen Wirtschaftsraum, der die Industrialisierung von Innovationen ermöglicht – mit gezielter Förderung, attraktiven Arbeitskosten, flexiblen Arbeitszeitregelungen und niedrigen Energiekosten. Die 35-Stunden-Woche bezeichnet Nedeljković dabei als Hindernis für innovative neue Industrien, die im globalen Wettbewerb um Schnelligkeit stehen.
Abseits der Produktions- und Technologieachse verknüpft der Vorstandsvorsitzende die Unternehmenslage mit politischer Stabilität. Er äußert sich zu Wahlergebnissen mit Blick auf den Aufstieg der AfD und sieht darin eine Belastung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Verständnis von Demokratie. Für ihn kann es dabei nicht darum gehen, „eine einzelne Partei“ zu stoppen, sondern den Menschen zu vermitteln, wie Deutschlands Erfolgsgeschichte als Symbol für Freiheit, Wohlstand und Fortschritt fortgeschrieben werden soll. Für BMW ist das mehr als nur ein politischer Kommentar: Denn die Unternehmensstrategie, die er beschreibt, setzt auf planbare Rahmenbedingungen, schnelle Innovationszyklen und verlässliche Handelswege. Genau hier könnten sich die beschriebenen Maßnahmen – KI-gestützte Prozessneugestaltung, die beschleunigte Umsetzung der Neuen Klasse sowie die Forderung nach fairen Preisregeln – in den nächsten Monaten als Prüfstein erweisen, ob das Unternehmen in einer Phase mit hoher Preisdynamik sowohl operativ als auch strategisch handlungsfähig bleibt.
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