LONDON (IT BOLTWISE) – Eine KI-gesteuerte Kampagne namens CaptiveCrunch nutzt öffentliche WLAN-Portale, um Microsoft-Zugänge von Geschäftsreisenden zu übernehmen. Betroffen sind laut Microsoft und ReliaQuest vor allem ausgewählte Personen aus mehreren Branchen. Technisch setzt das Vorgehen am Captive-Portal-Mechanismus an und täuscht Anmeldeseiten, um auch MFA-Bestätigungen missbräuchlich zu verwenden. Außerdem verschleppen die Angreifenden gefälschte Updates Nutzer in die Installation von Schadsoftware.

Wer sich im Hotel oder auf einer Konferenz schnell mit dem WLAN verbindet, rechnet in der Praxis vor allem mit einer lästigen Weiterleitung zur Anmeldeseite. Genau diese Schnittstelle steht jedoch im Zentrum einer Kampagne, die Berichten zufolge eine russisch gesteuerte Hackinggruppe als Urheber nutzt. Microsoft ordnet das Vorgehen der Untergruppe Midnight Blizzard zu, die außerdem unter den Namen APT29 oder NOBELLIUM bekannt ist. Westliche Regierungen sehen den russischen Auslandsgeheimdienst SVR als möglichen Hintergrund, während Sicherheitsanbieter die Operation in der technischen Auswertung insbesondere unter dem Label CaptiveCrunch führen.
Das Angriffsmuster beginnt an einem Ort, an dem IT-Abteilungen üblicherweise wenig Aufmerksamkeit aufbringen: am Captive Portal. Ein solches Portal prüft noch bevor ein Gerät „normal“ surfen darf, ob der Browser auf eine Anmeldeseite umgeleitet wird. Die Angreifenden machen sich dabei Mechanismen zunutze, die den Datenverkehr zwischen WLAN-Endgerät und Portal beeinflussen können. Konkret beschreibt ReliaQuest verdächtigen DNS-Verkehr an WLAN-Zugängen, die in Hotels und ähnlichen Umgebungen betrieben werden. Wenn DNS- und HTTP-Anfragen manipuliert werden, landen Nutzer*innen auf Seiten, die wie Microsoft- oder Systemoberflächen wirken, obwohl sie kontrolliert werden.
Entscheidend ist dabei, wie die Gruppe an die Infrastruktur herankommt. Microsoft hält es für möglich, dass ein zentraler Dienstleister betroffen sein könnte, über den mehrere Portale parallel laufen, kann das aber nicht bestätigen. ReliaQuest vermutet dagegen eher einzelne, schlecht abgesicherte Verwaltungszugänge an Geräten oder Komponenten, die Captive-Portal-Funktionen steuern. Naheliegend wäre dann, dass ein kompromittierter Verwaltungszugang nicht nur ein einzelnes WLAN, sondern mehrere Netzwerke an unterschiedlichen Standorten auslösen kann. Die Zielauswahl wirkt laut den bisherigen Angaben zudem nicht breitflächig, sondern fokussiert: Vor allem Reisende aus Finanz-, Rechts-, Gesundheits-, Energie- und weiteren Branchen stehen im Visier.
Auf den präparierten Seiten folgt der operative Teil: Microsoft nennt gefälschte Browser- oder System-Updates, die die Angreifenden Windows-Nutzer*innen unterjubeln. Teilweise geschieht das über die sogenannte ClickFix-Methode, bei der Opfer dazu gebracht werden, einen Dialog in Windows zu öffnen und einen eingefügten Befehl selbst auszuführen. Wer das tut, installiert die Schadsoftware im Grunde eigenhändig, auch wenn die eigentliche Vorbereitung der Angreifenden im Hintergrund läuft. Microsoft identifiziert in diesem Zusammenhang mehrere Werkzeuge: Die Backdoor „CornFlake“ protokolliert Tastatureingaben, erzeugt Screenshots und greift auf Mikrofon sowie Kamera zu. Der Infostealer „ChocoShell“ sammelt Zugangsdaten, Cookies und Microsoft-365-Sitzungen, sodass sich später innerhalb der gestohlenen Identitäts- und Sitzungsinformationen weitere Schritte ableiten lassen. Gesteuert werden diese Komponenten über ein eigenes Kontrollpanel namens „FruitStone“.
Besonders riskant für Unternehmen ist, dass die Angreifer nicht nur klassische Credentials abgreifen, sondern auch Authentifizierungsvorgänge in ihrem Ablauf kontrollieren. Laut Microsoft nutzen manche Portale seit Mitte Juli zusätzlich Microsofts Device-Code-Anmeldeprozess. Dabei wird dem Opfer ein Anmeldecode angezeigt, den die Angreifenden selbst bei Microsoft anfordern und die Nutzer*innen dann auf der echten Anmeldeseite eingeben lassen. Wenn das Opfer anschließend sogar die Mehr-Faktor-Authentifizierung (MFA) bestätigt, autorisiert es in Wahrheit die Sitzung der Angreifenden, nicht die eigene. Die Login-Seite bleibt dabei täuschend echt, weil der kritische „Missbrauch“ im Hintergrund den Autorisierungsfluss trifft. Microsoft ordnet dieses Vorgehen zwar als nicht grundsätzlich neu ein und schreibt NOBELLIUM diese Methode bereits seit August 2024 zu; neu sei vor allem die Einbettung in den WLAN-Anmeldeprozess, die den unerwarteten Login-Wunsch für Betroffene plausibler erscheinen lässt.
Auch die Reichweite des Schadens ist damit weniger eine Frage der „einmaligen“ WLAN-Verbindung, sondern der nachgelagerten Konten- und Sitzungsübernahme. Microsoft beschreibt die Kampagne als „weitreichend, aber gezielt“ und nennt mehrere betroffene Länder weltweit, führt jedoch keine vollständige Liste öffentlich auf. ReliaQuest berichtet zudem von kompromittierten Zugängen in mehreren US-Städten sowie in Indien und Saudi-Arabien; für Deutschland nennt die Darstellung bislang keine öffentlich bestätigten Fälle. Für die Praxis bedeutet das: Selbst in Ländern, in denen noch keine konkreten Vorfälle öffentlich sind, kann eine Hotel- oder Konferenz-Umgebung bereits ein Risiko tragen, wenn der Captive-Portal-Zyklus manipuliert wird. Unternehmen sollten daher stärker auf den „letzten Meter“ achten – also darauf, wie Gastzugänge technisch auf Portalumleitungen, DNS-Validierung und Authentifizierungsflüsse reagieren.
Aus strategischer Sicht verschiebt CaptiveCrunch den Fokus in Richtung Identitäts-Sicherheit statt nur Netzwerksperren. Die Kombination aus gefälschten Portal-Interaktionen, gezielten Tools für Überwachung und Session-Diebstahl sowie dem Missbrauch von Device-Code und MFA zeigt, dass Angreifer die Authentifizierungskette als eigentlichen Angriffspunkt begreifen. Gleichzeitig entsteht für IT-Teams ein klarer Prüfpfad: Wie wird der Captive-Portal-Mechanismus betrieben, sind Verwaltungszugänge gehärtet, und lässt sich erkennen, ob DNS- oder HTTP-Verbindungen zu Anmeldeseiten nicht dem erwarteten Pfad folgen? Genau an diesen Stellen entscheidet sich, ob ein öffentliches WLAN für Angreifer nur ein Branding-Problem bleibt – oder ob es zum Startpunkt für kompromittierte Microsoft-Zugänge wird.
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