HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Chevron und ExxonMobil melden im zweiten Quartal zusammen 26,5 Mrd. USD an Gewinnen und profitieren von hohen Preisen für Rohöl sowie Treibstoffe. Gleichzeitig wächst der politische Druck: Donald Trump wirft der Branche „price gouging“ vor und kündigt Eingriffe in die Preisbildung an. Im Zentrum steht weniger das Rohöl selbst als die Verfügbarkeit von Benzin und Diesel, weil Raffineriekapazitäten unter Stress geraten. Sollte der Zugang zur Straße von Hormus weiter eingeschränkt bleiben, rechnen Manager mit weiteren Preissprüngen an der Tankstelle.

ExxonMobil und Chevron liefern zum Quartalsstart ein Signal, das an der Börse gefeiert und politisch beobachtet wird: In den drei Monaten bis Ende Juni summierten sich die Ergebnisse der beiden Schwergewichte auf 26,5 Mrd. USD. Chevron kam dabei auf 12,2 Mrd. USD Nettogewinn, das ist laut Bericht das Fünffache des Vorjahreswerts und für das Houston-basierte Unternehmen ein Rekord. ExxonMobil folgte mit 14,5 Mrd. USD und erzielte damit im zweiten Quartal doppelt so viel wie im Vorjahr; zugleich ist es laut Text der beste Quartalsgewinn seit dem Beginn des Ölpreisanstiegs nach der russischen Invasion in 2022. Gerade weil die Marge bei den Unternehmen sichtbar steigt, geraten sie stärker in den Fokus eines Präsidenten, der die Preisbildung an der Tankstelle nicht nur kommentiert, sondern zeitweise auch als politisches Handlungsfeld behandelt.
Technisch betrachtet liegt die Spannung nicht primär im Rohölpreis, sondern in der Kette dahinter: Welche Mengen zu welchen Kosten zu Benzin, Diesel und anderen Produkten veredelt werden können. In den Berichten heißt es, beide Konzerne hätten die Produktion auf nahezu Rekordniveau hochgefahren und liefen Raffinerien nahe an der Maximalleistung, um Kunden während der durch den Nahost-Konflikt ausgelösten Störung zuverlässig zu versorgen. Nach der Eskalation rund um den 28. Februar, als Angriffe auf den Iran den Golfraum trafen, wurden laut Text Fördermengen reduziert; gleichzeitig beeinträchtigten die Ereignisse Raffineriebetriebe im Nahen Osten und darüber hinaus. Das wirkt wie ein Engpassverstärker: Sobald die Veredelungskapazität nicht mit der Nachfrage mithält, verschieben sich Preisrelle in Richtung der Endprodukte, selbst wenn Rohöl in seinem historischen Korridor bleibt.
Exxons CFO Neil Hansen ordnet genau diese Mechanik ein. Im Text wird beschrieben, dass bei einer weiteren Preissteigerung bei Erdölprodukten vor allem dann ein Risiko besteht, wenn die Straße von Hormus – ein schmaler Engpass, über den typischerweise etwa ein Fünftel der globalen Öllieferungen fließt – für Tankerverkehr geschlossen würde. Er verweist außerdem auf weitere Belastungen für den globalen Energiemarkt: ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien sowie die Entscheidung Chinas, Produkte nicht zu exportieren. Der springende Punkt: Hansen nennt als „pain point“ weniger das Rohöl, sondern die Produkte wie Benzin und Diesel, deren Preise durch schrumpfende globale Raffineriekapazität stärker angezogen werden. Er beschreibt zudem, dass bei niedriger Raffinerieverfügbarkeit die Margen „signifikant“ steigen, weil weniger Kapazität den gleichen Bedarf bedienen kann.
Diese operative Engpasslogik trifft im Markt auf einen politischen Zeithorizont. In den Analystenpassagen wird aufgezeigt, dass weitere Benzinpreissteigerungen bis vor den US-Midterm-Wahlen im November Druck auf die politische Agenda ausüben könnten. Donald Trump, dessen Zustimmungswerte laut Bericht nahe ein Allzeittief gefallen seien, habe zuvor wiederholt auf den Treibstoffpreis reagiert und die Branche für Preissetzung unter Verdacht gestellt. Konkret wird geschildert, dass Trump im Juni auf seiner Plattform gefordert habe, Tankstellen ihre Preise „IMMEDIATELY“ zu senken, und außerdem ein Ziel von 2,25 USD pro Gallone nannte – ein Niveau, das zuletzt 2020 erreicht worden sei, als die Nachfrage während der COVID-19-Pandemie einbrach. Gleichzeitig beträgt der im Text genannte Durchschnittspreis in den USA derzeit 4,11 USD pro Gallone, gestützt auf Daten der AAA.
Das Zusammenspiel aus operativer Realität und politischer Steuerung führt unmittelbar zur Frage nach Exportrestriktionen. Zwar schreibt der Text, die US-Administration habe mehrfach betont, es gebe keine Pläne für ein Exportverbot für Öl oder Erdölprodukte. Dennoch sehen Analysten offenbar die Option als potenziell rückholbar an, falls die Preise an der Zapfsäule weiter steigen. Das Beispiel, das im Bericht genannt wird: Die Rapidan Energy Group beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Exportverbots aktuell mit 35 %. Chevron CFO Eimear Bonner bringt in diesem Kontext einen konkreten Maßnahmemix ins Spiel. Sie sagt, kurzfristige Schritte wie Freigaben aus der Strategic Petroleum Reserve und zeitweise Ausnahmen, die es fremdflagged Schiffen erlauben, Waren zwischen US-Häfen zu transportieren, hätten geholfen. Gleichzeitig kritisiert sie laut Text, dass Marktinterventionen, die Investitionen beeinträchtigen oder alles einschränken, was zusätzliches Angebot schafft, nicht hilfreich seien – genau dort sitzt das Dilemma für jede politische Preisglättung.
Für Energieinvestoren wird damit weniger eine technische Schwankung entscheidend, sondern das Risiko „politischer Reibung“. James Wicklund, Managing Director bei PPHB in Houston, wird mit einer Einschätzung zitiert, die den politischen Alltag beschreibt: Steigen die Benzinpreise weiter, müssten Ölkonzerne mit „politischen Prügeln“ rechnen. Der Übergang zu harten Maßnahmen sei jedoch unwahrscheinlich, weil Preissteigerungen sich leicht mit Lieferunterbrechungen erklären ließen und weil die Unternehmensgewinne im Branchenvergleich unter anderem Sektor-Ergebnisniveaus lägen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der im Text genannte Blick auf die Kapitalrendite: Wicklund verweist auf das Return on Invested Capital (ROIC) und sagt, dieses sei bei den Ölkonzernen noch immer etwa ein Drittel dessen, was Tech-Unternehmen erzielen. Das ist ein Signal dafür, warum sich der politische Wettbewerb um Aufmerksamkeit (und potenziell Eingriffsnarrative) nicht zwangsläufig 1:1 in harte, wirtschaftlich konsistente Regulierungsentscheidungen übersetzt.
Für Unternehmen bedeutet das: Das Jahr wird wahrscheinlich stärker von Szenarien getrieben, in denen Endproduktverfügbarkeit und Transportwege die Preisdynamik bestimmen. Raffinerien nahe am Limit, erhöhte Produktion und zusätzliche Engpässe durch regionale Sicherheitsrisiken sind dabei keine kurzfristigen „Störungen“, sondern ein wiederkehrendes Muster, das Marge und Volatilität beeinflusst. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Szenarioplanung: Wer Einkauf, Transport und Preisweitergabe steuert, muss damit rechnen, dass politische Kommunikation nicht nur auf Rohöl, sondern vor allem auf Benzin- und Dieselpreise zielt. Die Kernfrage bleibt damit politisch und operativ zugleich: Bleibt die Unterbrechung bei der Straße von Hormus aus, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Spirale bei Endprodukten; hält der Stress jedoch an, könnten die beschriebenen Renditeeffekte schneller politisch interpretiert werden – mit direkten Konsequenzen für Investitionsanreize, die CFO Bonner ausdrücklich anspricht. In dieser Gemengelage wird sich „Supply first“ als betriebswirtschaftliche Übersetzungsregel bewähren: Die spannendste Größe ist nicht, ob Gewinne steigen, sondern wie stabil die Produktions- und Veredelungskapazitäten gegenüber geopolitischen Schocks bleiben.
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