LONDON (IT BOLTWISE) – ConnectWise hat nach einem Supply-Chain-Vorfall den Zugang zu seiner Cloud-Backup-Lösung gestoppt, nachdem Angreifer Anwendung-Identitäten in Microsoft-365-Mandanten missbrauchten. Laut Microsoft gab es am 15. Oktober unautorisierte Authentifizierungsversuche von einer konkreten IP-Adresse. Sicherheitsanbieter meldeten Dutzende bis hunderte betroffene Mandanten und beobachteten, dass die Angriffe häufig ohne wirksame MFA stattfanden. Offen bleibt bislang, wie weit Datenabflüsse wirklich waren und wie lange der Zugriff unentdeckt blieb.

ConnectWise hat den Zugriff auf seine Cloud-Backup-Lösung gestoppt, nachdem Angreifer in der Lieferkette offenbar nicht primär Kunden-Accounts gekapert, sondern die hinterlegte Anwendungsidentität des Backup-Dienstes missbraucht haben. Die Idee dahinter ist für viele IT-Teams zunächst schwer greifbar: Ein Backupdienst arbeitet in Microsoft 365 typischerweise nicht über einen „normalen“ Benutzer, sondern nutzt eine freigegebene Rechtebasis, die in einem Mandanten bereits vorliegt. Genau diese Rechtebasis wurde im konkreten Vorfall offenbar zur Einfallstür, denn die Angreifer konnten sich als die Backup-Anwendung authentifizieren und damit auf das zugreifen, was Kunden dem Dienst ursprünglich für Sicherung und Wiederherstellung erlaubt hatten.
Im Kern läuft das über Microsoft Entra ID. Ein „Service Principal“ steht dabei für eine App-Identität innerhalb des Kundenmandanten; sie repräsentiert die Software und erhält Zugriffsrechte, die der Kunde per Berechtigungen freigibt. Microsoft bestätigte dafür unautorisierte Anmeldeversuche im Umfeld der ConnectWise-Cloud-Backup-Komponente und ordnete die Vorgänge einer bestimmten IP-Adresse zu, die am 15. Oktober aktiv gewesen sein soll. Sicherheitsanbieter wiederum berichteten, sie hätten in ihrer eigenen Telemetrie eine relevante Zahl kompromittierter Mandanten gesehen – darunter mindestens 162 bestätigte Fälle in einer beobachteten Umgebung, während weitere Beobachter von deutlich mehr Mandanten sprachen. Für Betreiber von Microsoft-365-Umgebungen ist das vor allem deshalb heikel, weil der Zugriff nicht wie ein typischer Login mit Benutzername und MFA aussieht, sondern wie ein dienstlicher, automatisierter Token-Austausch.
Technisch bemerkenswert ist, dass die Angreifer laut den Analysen die Anmeldung automatisiert abwickelten. In den beobachteten Fällen wurden demnach Skripte genutzt, die sich direkt über die Anwendungsgeheimnisse (Secrets) der Backup-Identität gegenüber Microsoft authentifizierten. Das erklärt auch, warum Schutzmechanismen wie MFA oft ins Leere liefen: MFA greift bei Nutzeranmeldungen, nicht bei App-zu-API-Zugriffen, wenn die App bereits die erforderlichen Rechte und die entsprechenden Tokens erhält. Todyl-Analysen gingen zudem der Frage nach, ob der Angreifer nach der ersten Authentifizierung weitere Manipulationen vorgenommen hat; in mehreren untersuchten Mandanten fanden sie in erster Linie Anmeldeaktivität über das Backup-Setup, aber keine klaren Hinweise, dass der Angreifer zusätzliche Konten erstellt oder Passwörter geändert hat. Gleichwohl waren die möglichen Auswirkungen nicht trivial, weil die Anwendung, einmal im Besitz gültiger Zugriffsrechte, technisch Sicht- und Schreibzugriffe auf Postfächer, Dateiinhalte in OneDrive und SharePoint sowie Kommunikationsinhalte in Teams ermöglicht.
Die Lage wird noch anspruchsvoller, sobald man den Schritt von „Zugriff über den Backup-Client“ zu „fortbestehender Missbrauch“ betrachtet. Huntress beschrieb, dass in einem großen Teil der beobachteten Mandanten Service Principals aus dem Umfeld der ConnectWise-Cloud-Management-Apps (u. a. für Exchange Online, Microsoft Teams und Microsoft Graph) sich selbst Verzeichnisrollen zuwiesen – besonders häufig die Rolle „Exchange Administrator“. In mindestens einem Fall beobachteten sie außerdem eine Persistenzmaßnahme, die nur wenige Minuten gedauert haben soll, inklusive Rollenänderungen und dem nachgelagerten Hinterlegen von Zugangsdaten in Tools für MSP-Management sowie in einer eigenen Anwendung. Microsoft selbst meldete ebenfalls Persistenz- und Reconnaissance-Aktivitäten über Microsoft Graph nach erfolgreicher Service-Principal-Authentifizierung, gefolgt von Versuchen, weitere Anmeldedaten hinzuzufügen. Zentral für die Einordnung: Alle genannten Beobachter verknüpften die Vorfälle mit derselben Quell-IP (144.172.64[.]128), was zumindest auf eine koordinierte Kampagne hindeutet.
Für die Forensik und die nächsten Maßnahmen liefern die Details zu Anmeldekennungen und User Agents einen konkreten Einstieg. Huntress identifizierte die legitime ConnectWise-Cloud-Backup-App-ID (506e08f9-6e9a-4da4-942b-a099a03644ae) als den Anker der Angriffe und verfolgte außerdem automatisierte Sign-in-Versuche auf frühere Tage zurück, darunter am 13. und 14. Oktober. Für die Suche nach Mustern nannte man zudem typische HTTP-User-Agents wie curl sowie Varianten aus der Python-Requests- und urllib-Umgebung. Microsoft und Huntress empfehlen deshalb, die Service-Principal- oder App-Registrierungen in Entra zu prüfen und dabei genau auf die betroffenen App-IDs zu filtern, dann unerwartete Quelladressen zu untersuchen und Credential-Änderungen sowie OAuth Grants und damit verbundene Graph-Aktivitäten zu verifizieren. ConnectWise riet ebenfalls dazu, Service-Principal-Sign-ins im Entra-ID-Kontext abzugleichen und unerwartete Adressen zu prüfen, während gleichzeitig betont wurde, dass ältere Mandanten die Cloud-Management-Apps unter einem früheren Namen („SkyKick Cloud Manager“) führen können.
Organisatorisch ist der wichtigste Punkt die Reihenfolge der Reaktion. Das Abschalten der betroffenen Anwendung stoppt zwar neue Token-Ausgaben, entfernt aber nicht automatisch bereits ausgestellte Berechtigungen oder laufende Zugriffsrechte, solange Tokens noch gültig sind. Huntress erklärte daher ausdrücklich, dass ein Vendor-Shutdown nicht automatisch „eingepflanzte“ Berechtigungen aus Kundenmandanten entfernt und dass Administratoren Secrets und Zertifikate über alle relevanten Anwendungen hinweg auf nicht autorisierte Ergänzungen seit mindestens dem 13. Oktober prüfen sollten. Todyl ergänzte den technischen Blickwinkel, dass selbst das reine Deaktivieren die bestehende Tokenlage nicht zwingend sofort beendet, und dass auch das Zurücksetzen von Benutzersitzungen nicht ausreicht, wenn der Zugriff über App-basierte Tokens läuft. Für MSPs ist damit klar: Das Risiko sitzt nicht nur im „Backup-Prozess“, sondern im Rechte- und Token-Modell, das zwischen Dienstanbieter und Kundenmandant etabliert wurde.
Wie sich die Angriffe konkret auf Datenabflüsse ausgewirkt haben, bleibt zum Zeitpunkt der Meldungen unklar. ConnectWise stellte zwar fest, es gebe bislang keine Hinweise, dass die Backup-Archivdaten selbst kompromittiert wurden, gleichzeitig wurde aber über mögliche unautorisierte Zugriffe in mehreren Tenants berichtet. Der Hinweis aus der Praxis lautet daher: Selbst wenn ein Backup-Archiv nicht verändert wurde, kann allein die Sichtbarkeit von E-Mails, Attachments oder Teams-Chats bereits als sicherheitskritischer Schaden zählen. Außerdem zeigt der Vorfall ein Muster, das in Security-Reports wiederholt diskutiert wird: Umso besser präventive Kontrollen am Anfang greifen, desto wichtiger wird die Frage, was nach der ersten Kompromittierung passiert. Sobald Angreifer mit gültigen Berechtigungen arbeiten, sinkt die Wirksamkeit vieler Schutzmechanismen. Für Unternehmen heißt das letztlich, dass Monitoring für App- und OAuth-Aktivitäten so eingerichtet sein muss, dass abweichende Service-Principal-Verhaltensmuster – etwa ungewöhnliche User Agents, unerwartete Quell-IP-Adressen oder plötzliche Rollenzuweisungen – nicht erst im Incident-Fall auffallen.
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